Geschichten aus der Gruft

Veröffentlicht: Montag, 24.12.2012 in Kunden

Es begab sich, dass ich jung war und den Sex das Geld brauchte. Also begab ich mich während meines Studiums auf dieselbe gesellschaftlich verachtete Stufe wie ein Gebrauchtwagenverkäufer und verkaufte … Mobilfunkgeräte. Alleine dieser Abschnitt meines Lebens würde reichen, um mehrere Bücher mit Anekdoten zu füllen, die sich an Skurrilität überbieten.

Da ich jedoch inzwischen ein ehrbares Mitglied der Erwerbsgesellschaft geworden bin und nur noch jeden dritten Kunden übers Ohr haue, möchte ich nur ein paar Ausschnitte aus der damaligen Zeit bieten, die mir klargemacht haben, dass Kunden den Feind darstellen.

Wer sich jetzt also meiner einer als einer dieser gestriegelten Schmierlappen mit übergelten Haaren unter der Maske vorstellt, dessen Bild möchte ich korrigieren. Damals noch rank und schlank und mit üppiger Haarpracht oberhalb der Augenbrauen versehen – die Frauen warfen sich mir noch zu Füßen, ohne durch meinen damals nicht vorhandenen Frontspoiler angerempelt worden zu sein – war ich natürlich gestriegelt, aber die Haare waren nicht nur gegelt, sondern dazu dank Haarspray zu einer betonähnlichen Konsistenz bei einer Härte nahe Diamant verurteilt.

So stand ich da, mit meinem aufgesetzten Lächeln, in dem Laden eines Serviceproviders, der durch seine penetrante Fernsehwerbung damals jedem auf die Nerven ging. Ich hatte sie alle, also Netze, um die Kunden damit zu beglücken und meine – möglichst hohe – Provision zu sichern. Welches Handy ich dazu verkaufte, war damals noch grundsätzlich egal, weil deren Funktion sich mehr oder minder auf klingeln – monophon! – und SMS-Empfang und -Versand beschränkte. Der aktuelle Verkaufshit seiner Zeit waren Geräte mit wechselbarem Gehäuse eines ehemaligen finnischen Gummistiefelherstellers. Der Laden selbst befand sich in einer dieser modernen Einkaufsmeilen mit Klimaanlage und Rote-Augen-Garantie nach einer 10-Stunden-Schicht, weil die Luft so trocken war.

Mit meinem aus der Zahnpastawerbung abgekupferten Lächeln leuchtete ich also den Laden aus und beobachtete die Menschen, die draußen um diesen herum schlichen. Es war faszinierend zu sehen, dass immer wieder dieselben Gestalten tagein und tagaus auszumachen waren. Hatten die Leute kein Internet? Oder war der Fernseher kaputt? Kaufen konnten die jedenfalls nichts, denn die Meisten dieser Erscheinungen waren garantiert weit davon entfernt, jemals nennenswerte Vermögenswerte zu besitzen, die ihnen ermöglichten, als Privatiers durchzugehen. Während ich mich so meinen Gedanken ergab und überlegte, ob ich die Internetrechnung erhöhte, da der Shop noch nur per ISDN angeschlossen war und Flatrates nur noch für das brandneue DSL zu haben waren, betrat ER meine Hallen.

ER war etwa Anfang 50 und sein äußeres Erscheinungsbild war das Klischeeabziehbildchen eines schmierigen Sexshopkunden. Ich beobachtete ihn, wie ER die Auslagen der Handys in den Vitrinen sondierte und die Regale mit den Handverkaufswaren – vornehmlich Schutzhüllen, Netzteile und Headsets sowie Austauschgehäuse für die Gummistiefelfinnen-Geräte – abstrich. Gute fünf Minuten streifte er ziel- und planlos umher, als ich mich des Auftrags meines Brötchengebers erinnerte, dass ich den Kunden nach einer angemessenen Zeit meine Hilfe anzubieten hatte.

Das in mein Gesicht gemeiselte Lächeln verschwand und die Muskeln entspannten sich, als ich freundlich an ihn die Worte richtete:

Guten Tag, kann ich Ihnen vielleicht helfen?

ER drehte sich zu mir um und machte einen Gesichtsausdruck, als hätte er hier keinerlei Leben erwartet und würde mich jetzt zum ersten Mal wahrnehmen. Dann erwiderte er:

Nein, vielen Dank. Mir ist bei Tag nicht zu helfen.

Dabei schaute er mich mit dem Blick an, den ich üblicherweise aufgelegt hatte, wenn ich vor meinem geistigen Auge eine schöne Frau in Blickweite um ihre Kleidungsstücke beraubte. Dann lächelte er und verließ den Laden; mich total irritiert hinterlassend.

Dann vergingen einige Tage und ich hatte den Sexshopklischeekunden schon wieder verdrängt. Es war einer dieser Horrorsamstage, wo ich selbstlos mit dem Auge auf meine Provision von morgens 8 Uhr bis abends 20 Uhr Handyverträge an den Mann und die Frau zu bringen versuchte und auf arbeitsrechtliche Zeitregelungen pfiff. Nur während der Mittagszeit wurde ich dabei für ein paar Stunden von einer Aushilfskraft ergänzt, die mir meine Provision streitig machte, damit ich “Mittag” machen könnte. Diese Zeiten bedeuteten üblicherweise, dass ich unbezahlt morgens eine halbe Stunde früher und abends eine Dreiviertelstunde später aus dem Laden herauskam.

Der Tag war stressig, aber für meinen Kontostand sehr erfolgreich. Dennoch blieb mir genug Zeit, die üblichen Verdächtigen zu beäugen, die den ganzen Tag nix Besseres zu tun hatten, als ohne Not durch die Einkaufsmeile zu schleichen. Manch eine dieser Gestalten verirrte sich auch in mein Hoheitsgebiet und verschwand auch wieder aus diesem. Darunter war Günther Roßkotz. Sein gepflegtes Auftreten passte nicht zu dem Erscheinungsbild der gewöhnlichen Tagediebe, die ansonsten ihre Zeit auf diese Weise totschlugen, weswegen er mir ganz besonders auffiel. Günther kam auch just zu jener Zeit herein, als der Ansturm nachgelassen hatte und die anwesende Aushilfe gerade den einzig verbliebenen Kunden versorgte. Da ich gerade meine Mittagspause beendet hatte und an diesem Tag sowieso vor guter Laune strotzte, bot ich nach einer angemessenen Zeit, die er dem Studium der Auslagen und Produktinformationen widmen konnte, meine Hilfe freundlich an.

Er lehnte bestimmt, aber freundlich ab und erwiderte, er wolle sich einfach nur umschauen. “Aber gerne doch. Sollten Sie Fragen haben, kommen Sie bitte auf mich zu”, ließ ich ihn wissen und schwelgte dann in der Vorfreude. An jenem besonderen Tag sollte hinzukommen, dass ich abends mit einer Kommilitonin aus der BWL-Vorlesung verabredet war, um mit ihr einige schöne Gymnastikübungen zum Abtrainieren des zuvor eingenommen Abendessens vorzunehmen. Ich war also ganz besonders herausgeputzt und hatte den Plan, diesmal pünktlich um 20 Uhr den Laden abzuschließen, um mich keine 30 Minuten später wie vereinbart im Restaurant der Wahl einzufinden.

Während dieser Tagträumerei stand ich ostentativ herum, um Günther die Möglichkeit zu geben, meine Kompetenz und Provisionsgier in Anspruch zu nehmen. Doch nach einer Weile verließ er mit einem Kopfnicken in meine Richtung die Räumlichkeiten meines Verkaufsmekkas, was ich mit einem freundlichen “Auf Wiedersehen” quittierte. Hätte ich mir doch besser die Zunge abgebissen.

So verging die Zeit, auch die Aushilfe machte mir mein Einkommen nicht weiter streitig, und es begannen die letzten Stunden des Totentanzes. Erfahrungsgemäß ließ ab 18 Uhr schlagartig der Andrang nach und gegen 19 Uhr traute sich auch niemand mehr wirklich, sich von mir über den Tisch ziehen einen neuen Handyvertrag kompetent vermitteln zu lassen. Dies war auch weiter nicht schlimm, kam es doch meinem rechtzeitigen Feierabend entgegen und auch an jenem Tag hatte ich mich über die Ausbeute absolut nicht beschweren können. Ein letzter Blick auf die von mir abgeschlossenen Verträge des Tages und eine kurze Kalkulation der deraus resultierenden Provisionen erlaubte mir, heute Abend so richtig spendabel sein zu können.

Der Rechner war schon lange heruntergefahren und ich hatte bereits das Geld in der Barkasse gezählt, um schnell den Kassenabschluss machen zu können, als mein Blick gleichzeitig auf die Uhr und Günther fiel. Es war 8 Minuten vor 8. Günther kam zielstrebig auf mich zu und eröffnete:

Guten Abend nochmal, mein Name ist Roßkotz. Könnten Sie mich bitte zu den Tarifen von beraten?

Gerne doch, aber leider nicht mehr heute. Ich muss pünktlich hier raus, da ich einen sehr wichtigen Termin erreichen muss.

Freundlich lächelnd, brachte ich diese Entschuldigung hervor, die jedem Menschen einleuchten musste. Doch ich hatte mich geirrt, denn Günther brachte hervor:

Nein, ich will jetzt beraten werden, ein andermal habe ich keine Zeit.

“Schön”, dachte ich mir. “Heute hattest du alle Zeit der Welt und noch die ideale Möglichkeit, aber fünf Minuten vor Schluss fällt dir das ein?” Doch ich erwiderte nur: “Tut mir wirklich sehr leid, aber eine ausführliche Beratung dauert deutlich länger als wir noch geöffnet haben …”, denn schließlich musste ich den optimalen Füllstand für meinen Geldbeutel erreichen und erklären, warum genau dieser Tarif der Richtige ist, während der andere “augenscheinlich” vermeindlich günstiger für den Kunden war, “und ausgerechnet heute muss ich pünktlich weg.”

In diesem Moment wechselte Günther die Gesichtsfarbe von einem gesunden Rot zu einem ungesunden Purpurrot und herrschte mich an:

Nein, du Idiot! Du hast noch geöffnet, also musst du mich beraten. Das ist Gesetz!

Und in jenem Moment fiel der Kippschalter. Ich hatte zwar Order, freundlich zu sein und jede Kundenbeschwerde mit stoischer Ruhe und besänftigen Worten entgegenzunehmen, aber es gab eben auch Grenzen, die Günther gerade überschritten hatte. Im herblassensten Tonfall, zu dem ich fähig war, erwiderte ich:

Erstens ist es nur Gesetz, dass ich mich von Ihnen nicht beleidigen lassen muss. Zweitens habe ich Ihnen nicht das Du angeboten. Drittens hatten Sie heute bereits alle Möglichekeiten, sich von mir ausführlich und kompetent beraten zu lassen. Viertens stehe ich hier seit halb 8 am Morgen rum und finde es extrem unhöflich, dass Sie mich dazu zwingen wollen, meine Arbeitszeit zu überziehen und meinen Termin zu verpassen. Fünftens und letztens habe ich hier Hausrecht und Sie Hausverbot bis zum Sankt Nimmerleinstag. Und wenn Sie jetzt nicht schleunigst verschwinden, dann lasse ich Sie vom Sicherheitsdienst rauswerfen.

Die letzten Sätze sagte ich besonders laut, so dass Iwan von der Haussicherheit, der gerade seine vorletzte Runde drehte und glücklicherweise dabei an meinem Laden in jenem Moment vorbeiging, es hören musste. Dieser kam auch sofort herein und räusperte sich deutlich hörbar. Als Günther sah, dass da ein 2 Meter 10 Hühne stand, dessen Vorfahren in der sibirischen Tundra gestählt wurden, ausgestattet mit einem Kreuz breit wie eine Wohnzimmerschrankwand, der ihn dazu noch mit bösem Blick taxierte und nur darauf wartete, ihn herauskomplimentieren zu dürfen, leitete er den Rückzug ein, nicht ohne noch ein paar Beschimpfungen der übelsten Sorte in meine Richtung abzufeuern. Dies nahm Iwan zum Anlass, noch Folgendes – übrigens völlig klischeebehaftet in gekünsteltem russischen Akzent – loszuwerden:

Herr Maskierter hat hier nur das Hausrecht im Laden. Ich habe das Hausrecht für das gesamte Gebäude. Und wir verbitten es uns, dass Sie so mit unseren Mietern und deren Angestellten reden. Sie haben ab sofort Hausverbot im ganzen Einkaufszentrum. Und jetzt überlegen Sie sich gut, was Sie sagen, denn ich kann gerne noch die Polizei wegen Hausfriedensbruch und Beleidigung herbeirufen.

Ich grinste Iwan dankend zu und wusste, dass ich in meiner nächsten Mittagspause, in der er Dienst schiebt, einen Kaffee spendieren würde. Günther murmelte noch etwas Unverständliches in seinen nichtvorhandenen Bart und verließ dann, begleitet von dem Hühnen in einigem Abstand, die Einkaufsmeile. Zwischenzeitlich war es kurz nach 8, ich machte noch schnell die Barkassenabrechnung und verließ fluchtartig den Laden, als mir Iwan entgegenkam und mich – diesmal ohne Akzent – ansprach:

Maski, der Vogel hat schon bei deiner Kollegin Tanja die Tage einen Aufstand gewagt, weil der Vertrag abgelehnt wurde. Nur die hat sich nicht getraut, ihn rauszuwerfen und ich darf mich ja nicht in eure Angelegenheiten einmischen, wenn ihr nix sagt.

Ich dankte ihm für die Info, wünschte ihm noch einen schönen Feierabend und ein noch schöneres Restwochenende und eilte zu meinem Termin, der seine in ihn gesetzten Erwartungen voll erfüllte.

Als ich das nächste Mal arbeitete und die Verträge meiner Kollegin Tanja im System nach meinem speziellen Freund prüfte, fand ich diesen auch sehr schnell. Unser lieber Günther hatte wohl ein kleines Problem mit dem Geldfluss – es floss mehr Geld von seinem Konto ab als auf dieses drauf. Und auf einmal tat mir das lebenslange Hausverbot noch weniger leid, als es schon vorher nicht tat.

About these ads
Kommentare
  1. breakpoint sagt:

    Wo ist jetzt die Datenbank gewesen?

    Wie auch immer, ich wünsche dir erholsame Feiertage!
    Auf dass du uns in alter Frische auch nächstes Jahr wieder mit unterhaltsamen Geschichten erfreust!

    lg breakpoint

    PS: Einen schönen Gruß unbekannterweise an Iwan.

  2. @breakpoint

    Als ich die Daten von Günther geprüft habe. Da war die Datenbank im Hintergrund.

    Dir auch schöne Feiertage.

  3. Jackster sagt:

    Ein schönes Weihnachtsgeschenk, was du da deiner Leserschaft machst. :-D

    In diesem Sinne, fohes Fest! ;-)

  4. Jackster sagt:

    Argh “frohes Fest” sollte das heißen! :-P

  5. Wölfchen sagt:

    WTF? Der Maskierte als Handyverkäufer… da brennt doch glatt mein Hirn durch, DAS kann ich mir einfach nicht vorstellen. ._. Also alles erfunden und erlogen! :D

    Aber alles GUT erfunden und erlogen. War sehr unterhaltsam. :)

    Wie auch immer. Dir auch ein schönes Weihnachtsfest mit reichlich Fleisch und Wein und willigen Weibern oder so. :D

  6. opatios sagt:

    erinner mich an notalwaysright dotcom… *so* muss das sein. Der Kunde hat… nicht immer recht. Und wenn der Kunde sich als König betrachtet, dann soll er sich gefälligst auch benehmen wie es sich bei Hofe geziemt.

  7. @Jackster

    Ein volles Fest hatte ich. :D

    @Wölfchen

    Ja, ich hab eine noch dunklere Vergangenheit als es meine Gegenwart ist.

    @opatios

    Die Kunden denken halt immer, sie können sich verhalten, als wären sie mit dem Düsenjäger durch die Kinderstube gejagt.

  8. Frau Hilde sagt:

    Stimmt, in dieser Geschichte ist wirklich alles drin… ;)
    Aber man darf mit den Günthers dieser Welt nicht so hartherzig sein. Der hatte sicher eine schwere Kindheit; Freunde hat er nur auf Facebook, seine Freundin bleibt nur bei ihm, weil er ihr ab und zu ein neues Smartphone schenkt. Und da wollte der Günther einfach ein bisschen am sozialen Leben teilnehmen an diesem Abend. Mal ein Gespräch mit real existierenden Menschen führen und so. Wo doch kurz vorher schon die Kassiererin an der Supermarktkasse nichts mit dem eigentlich totaaaal netten Günther zu tun haben wollte, obwohl der doch nur auf sein Dasrechthabichalskundeschonseitdemdreißigjährigenweltkrieg-Recht bestanden hatte und sowas alles.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s