Bitte nicht antworten

Veröffentlicht: Samstag, 19.03.2016 in Kunden

Liebe Leser, diesen Beitrag verdankt Ihr Tino, der mich soeben in einer angenehmen Unterhaltung in Schreiblaune gebracht hat.

Der große Konrad Adenauer sagte seinerzeit auf der Cebit:

Das Leben könnte so schön sein, wenn die Kunden nicht wären.

Recht hatte er!

Der Tag war ungewöhnlich schön. Die Sonne lachte, Sabine Fegers Dekolleté lachte und ich lachte, weil das Leben sich gerade von seiner schönsten Seite zeigte. Im Ticketsystem war außer ein wenig Grundrauschen, das einem neben dem starken und wohlschmeckenden Kaffee der Azubis vom Einschlafen abhielt, nichts los und der Gedanke, dass man heute vielleicht zusammen mit Sabine früher Feierabend machen könnte, um gemeinsam den nächstgelegenen Baggersee aufzusuchen und sich des Seins zu erfreuen, lag quasi zum Greifen nah.

Doch in jeder Geschichte, die zu schön ist, um wahr zu sein, gibt es einen Volker. Genauer einen Volker Ollhorst, bei dem man genau weiß, dass Klettverschlüsse an Schuhen nur wegen ihm erfunden wurden und man sich fragt, wie dieser Mensch in der Lage ist, selbstständig zu atmen, da das nötige Kontrollsystem für diesen Reflex – unter Experten zentrales Nervensystem genannt – definitiv nicht mal als Spurenelement in seinem Organismus nachzuweisen ist.

Der Zustand der heiteren Lebenslust endete also spontan, als sich im Ticketsystem ein neues Troubleticket von besagtem Volker Ollhorst materialisierte. Fast im Sekundentakt kam ein neuer Eintrag hinzu, der ein paar nichtssagende Zeilen und einen zusammenhanglosen Screenshot unseres Produkts Butterbringer enthielt. Nach einer Weile wurde klar, dass eine Bestätigungsmail an eine bestimmte externe E-Mail-Adresse nicht versendet werden konnte, aber der gute Volker schaffte es immer noch nicht, einen Screenshot des Maillogs, geschweige denn den Knopf “Sammle Supportinformationen und stelle diese dem Butterbringer-Support bereit” zu klicken, die all diese Infos enthielten.

Gewissenhaft prüfte ich daher im Vorfeld, ob ich überhaupt die Mailserver des Empfängers erreichen konnte, was mir natürlich auf Anhieb gelang. Ich fragte mich schon, ob ich schon wieder einen der Entwickler mit der 9-schwänzigen Katze auspeitschen musste, weil sie mal wieder irgendeine entscheidende Zeile im Code auskommentiert hatten, weil sie nicht mehr wussten, wofür sie gebraucht wurde, da kam der entscheidende Screenshot.

Der liebe Herr Ollhorst hatte es tatsächlich geschafft, den richtigen Bereich im Produkt zu öffnen und so sprang mir die Zieladresse für die nicht-zustellbare Mail mit beiden Füßen voran ins Gesicht:

no-reply@$nicht-ganz-unbekannter-internationaler-Großkonzern.com

Auf Deutsch: Kein Anschluss unter dieser Nummer!

Ich beschloss, eine freundliche Supportmail zu schreiben und anschließend Feierabend zu machen und Sabine zum Baggersee zu entführen. In der Mail standen nur noch folgende Zeilen:

Hallo Herr Ollhorst,

schauen Sie sich doch bitte noch einmal die gemachten Screenshots genau an. Ich betrachte den Fall hiermit als geschlossen.

Mit fettigen Grüßen
Der Maskierte

Mitbewunderer

Veröffentlicht: Dienstag, 12.01.2016 in Kunden

Wer unser Produkt Butterbringer einsetzt, der freut sich nicht nur darüber, dass es 25 % weniger kostet als die Konkurrenz und ein paar sehr ausgefeilte und durchdachte Funktionen besitzt, sondern vor allem, dass es mit allen gängigen Produkten am Markt interoperabel ist. Standardisierten Datenmodellen sei Dank!

Da die Daten, die so ausgetauscht werden, höchst sensibel sind, werden diese natürlich digital signiert und verschlüsselt, um deren Authentizität, Integrität und Vertraulichkeit zu gewährleisten. Wir verwenden dabei immer den höchstmöglichen verfügbaren Standard, den die Gegenseite als unterstützt signalisiert. Soviel zur informativen Vorrede.

Es war früher Januar. So früh, dass der Kater, dessen Geburt an Silvester eingeleitet wurde und sich dann durch glückliche Feierumstände noch 2 Tage hinzog, bis er schließlich am dritten Tag in voller Pracht zum Vorschein kam, mir noch leicht in den Knochen steckte. Sowie die sehnsüchtige Erinnerung an die Ursachen für selbigen, was für eine geile Party.

Ich erfreute mich der Tatsache, dass es vielen Menschen da draußen ähnlich ging, besonders wenn es sich um Menschen handelte, die zeitgleich noch meine Kunden waren, so dass ich fast gar nicht telefonisch oder per E-Mail belästigt wurde. Es zeigte sich lediglich, dass viele die ruhige Phase nutzten, um sich über unsere Produkte zu informieren und die ein oder andere technische Frage im Vorfeld an mich zu richten. Manche waren daher gleich so clever, direkt auf der Supporthotline anzurufen.

Aus diesem Grund wurde ich auch nicht stutzig, als der Anrufer auf der Hotline nicht automatisch einen Kundeneintrag auf meinem Bildschirm hervorrief.

Zentrum des Wissens, ich bin die Macht. Nennen Sie mich Der Maskierte. Was kann ich gegen Ihre Nichtigkeit tun?

Björn Lödmann vom technischen Support bei $Konkurrenzhersteller. Ihr Kunde $Großer-Butterbringer-Kunde versucht an unseren Kunden $Kleiner-Konkurrenzprodukt-Kunde Daten zu übermitteln. Da kommt aber nur binärer Datenmüll an, mit dem man nix anfangen kann. Was schickt Ihr Produkt denn da für einen Dreck? Vor allem behauptet die IT von Ihrem Kunden, dass die alles richtig machen und keinen Grund sehen, da was zu untersuchen. Was soll das? Wenn das so wäre, könnte ja unser Produkt Ihre Daten lesen.

Hatte diese Lebensform ohne ausreichende Existenzberechtigung gerade wirklich derart unflätig sein Anliegen vorgetragen? Und dabei noch wilde Unterstellungen in unsere Richtung abgefeuert, die erstmal durch nichts untermauert waren? So nicht, Kamerad.

Herr Lödmann, wir haben viele Kunden, die Daten mit Ihrer Lösung austauschen. Daher wissen wir, dass es prinzipiell wohl kein Problem geben kann. Insbesondere unser Kunde tauscht mit einigen Ihrer Kunden Daten aus, wie wir wissen, und hat da prinzipiell keine Probleme. Insofern ist es für mich verständlich, wenn unser Kunde behauptet, dass es auf seiner Seite kein Problem gibt, wenn das Verhalten nur bei einem auftritt.

Das ist ja alles schön und gut, aber unser Kunde setzt die neuste Version unserer Lösung ein. Wahrscheinlich haben Sie da Probleme, dass wir neuere Standards unterstützen.

Mir wäre da zwar nichts bekannt, was wir nicht auch unterstützen würden, aber ich schaue mir die Sache gerne mal an, bevor hier noch weitere wilde Mutmaßungen ausgetauscht werden.

Bevor ich den arroganten Wichtigtuer – Arroganz steht nur mir zu – auf der anderen Seite der Leitung durchs Telefon erwürgt hätte, ließ ich mir noch schnell die Kontaktdaten von ihm und seinem Endkunden geben und setzte mich mit meinem Endkunden in Verbindung.

Der freundliche und kompetente Ansprechpartner meines Endkunden vor Ort war auch schon etwas genervt, aber mir gegenüber hilfsbereit und aufgeschlossen. Eine Analyse der gesendeten Daten ergab, dass bei dem betroffenen Kunden von $Konkurrenzprodukt auf der Gegenseite AES256 als unterstützte Verschlüsselung angeboten wurde, während die anderen Kunden nur AES128 signalisierten. Nachdem ich die Verschlüsselung auf AES128 festgesetzt hatte und alle bisherigen Daten, die AES256-verschlüsselt wurden, noch einmal mit AES128-Verschlüsselung senden ließ, bekamen wir auch kurze Zeit später die ausstehenden Empfangsquittungen zugesendet. Die Empfangsquittungen waren alle AES128 verschlüsselt, signalisierten aber auch hier wieder unserem System, dass die Gegenseite AES256 bevorzuge, was jedoch durch meinen zuvorigen manuellen Eingriff ignoriert wurde. Nachdem ich alle relevanten Analysedaten gesammelt hatte, klärte ich meinen Kunden noch darüber auf, was ich genau getan habe, wie er das im Zweifelsfall selber auch tun könnte und wie er die Änderungen wieder rückgängig macht. Dann verabschiedete ich mich freundlich und setze mich dran, eine schöne Mail an Herrn Lödmann, den technischen Kontakt von $Kleiner-Konkurrenzprodukt-Kunde und an den Admin meines Kunden zu schreiben, in der ich meine Erkenntnisse aufzeigte. Nebenbei waren auch noch diverse Personen im Firmenwigwam in Blindkopie.

Eifrig dokumentierte ich wirklich alles, baute schöne Screenshots ein und sendete die Mail ab. Direkt danach rief ich Herrn Lödmann an.

Hallo Herr Lödmann, wie Sie meiner gerade gesendeten Mail ja entnehmen können, stellte sich das Problem Ihres Kunden derart dar, dass Ihr Produkt permanent signalisiert, es würde AES256 unterstützen, in Wirklichkeit wird aber konsequent nur AES128 verwendet. Da scheinen Sie mir wohl etwas voreilig mit Ihrer Mutmaßung gewesen zu sein, dass Ihre Lösung neuere Standards verwendet, die wir nicht unterstützen. Und bevor Sie jetzt behaupten, Butterbringer würde AES256 nicht korrekt implementieren, so lassen Sie sich gesagt sein, dass es mit anderen Mitbewunderern am Markt hier keine Probleme gibt.

Das Individum stammelte noch ein paar Ausflüchte vor sich hin, während ich fröhlich vor mich hin lachte, und beendete dann das Gespräch schnellstmöglich. Ich ergötzte mich den Rest des Tages an zynischen Kommentaren meiner Kollegen über die Qualitäten des $Konkurrenzprodukts. Denn merke: Bevor du jemanden anderem die Schuld in die Schuhe schieben willst, schaue doch mal ganz genau hin, ob du nicht gerade Blödsinn verzapft hast.

Neue Features

Veröffentlicht: Donnerstag, 01.10.2015 in Kollegen

Auf dem Weg zur Kaffeemaschine treffe ich Vincent Egetarier, seines Zeichens oberster Dompteur der Entwicklungsabteilung. Da in wenigen Wochen das Release der neuen Version ansteht, die ein neues Feature enthält, für das uns die Kunden bereits jetzt die Tür einrennen, frage ich Vincent:

Na du alter Bitschubser,  was macht das Feature Mompelplonz?

Ein breites Grinsen huscht über sein Gesicht und ein schelmisches Leuchten macht sich in seinen Augen breit:

Auf dem Papier funktioniert es bereits perfekt.

Jetzt hab ich Muskelkater im Zwerchfell und gleich noch eine lange Telko.

Adressfindung

Veröffentlicht: Mittwoch, 30.09.2015 in Kunden

Ich hatte das große Glück, in einem Projekt vergraben zu sein, in dem ich auch mit solchen lästigen Dingen wie Netzwerk-Infrastruktur-Hardware konfrontiert war. Nicht, dass es mir da an fachlicher Eignung fehlte, ganz im Gegenteil. In meiner Laufbahn hatte ich auch in dem Bereich einen längerfristigen Aufenthalt gehabt und mein Wissen enorm ausgebaut, so dass mir höchstens die Befehls-Syntax des jeweiligen Herstellers nicht geläufig war. Aber im Grunde kochen ja alle nur mit dem digitalen Analogon von Wasser.

Mein Job bestand also darin, dass ich Butterbringer, unser Zweitprodukt, mehrfach redundant für einen großen Lebensmittelkonzern integrieren sollte. Gesagt, getan. Die Installation von Butterbringer war ein Selbstläufer, den ich meinem Azubi Frederik Leißig mit ein paar begleitenden Hinweisen aufgetragen hatte. Ich kümmerte mich dafür um die Baggerladung Blech, die im Rechenzentrum ausgekippt worden war. Das Blech bestand aus einer kleinen Armada an Loadbalancern, die grob gesagt die Aufgabe hatten, alle ankommenden Netzwerkanfragen auf eine virtuelle Installation von Butterbringer auf viele reale Installationen aufzuteilen. Und zwar mit allem denkbaren Schnippi-Schnappi. Wenn eine der Installationen deaktiviert wurde, musste dies so geschehen, dass kein Verbindungsabriss beim anfragenden Gerät auftrat, aber gleichzeitig sollte ein Anfrager nach Möglichkeit immer auf der gleichen realen Installation landen, wenn diese verfügbar und nicht überlastet war.

Nachdem ich mir die Finger blutig getippt hatte und die Loadbalancer endlich so konfiguriert waren wie gewünscht und in unserem Testnetz korrekt arbeiteten, war es an der Zeit, diese ins produktive Netz einzubinden. Mein freundlicher Ansprechpartner vor Ort konfigurierte dafür ein schönes virtuelles Interface auf seinem Coreswitch, verband dieses mit der Loadbalancer-Installation und eigentlich fehlten nur noch 10 Installationen von Butterbringer, damit das Glück sein Maximum erreichte und der nahe Biergarten der Aufenthaltsort für den restlichen mit Sonnenlicht versorgten Tag werden sollte.

So besprachen wir gerade, welche lokalen Köstlichkeiten der Biergarten für das Feinkostgewölbe unseres maskierten Hauptprotagonisten bereit hielt, als ein Kollege meines freundlichen Ansprechpartners völlig in Panik in unserer Büro stürzte und fragte, was denn gerade los sei, die komplette IT-gestützte Produktion und überhaupt alles IT-mäßige sei zum Erliegen gekommen.

Ratlosigkeit machte sich in unseren Gesichtern breit und ich wusste, dass das Utopia Biergarten soeben in weite Ferne gerückt war. Meine Vorahnung gab mir recht, denn es dauerte mehrere Stunden bis wir das Problem identifiziert hatten:

Loadbalancer und Coreswitch waren zwar von unterschiedlichen Herstellern, aber hatten den Algorithmus zur Berechnungen virtueller MAC-Adressen gemeinsam. MAC-Adressen dienen dazu, ein Netzwerkgerät weltweit eindeutig zu identifizieren. Während bei physikalischen Geräten die Hersteller eigene Adressräume bekommen, ist dies bei virtuellen Geräten von Natur aus ein Problem. Hier kam es zur Kollision, sprich die virtuelle MAC-Adresse der Loadbalancer war identitisch zur virtuellen MAC-Adresse einer Schnittstelle auf dem Coreswitch und somit war keine eindeutige Kommunikationsverbindung mehr möglich. Das Ergebnis: totaler Stillstand im Netzwerk und ein mehrere Stunden lang komplett lahmgelegter Lebensmittelkonzern.

Unnötig zu erwähnen, dass der Biergarten nach Fehlerauflösung schon längst geschlossen hatte. Es dauerte übrigens ein halbes Jahr, bis der Hersteller der Loadbalancer das Problem korrigiert hatte und einen anderen Algorithmus zur MAC-Adressfindung implementiert hatte. Und so lange hatte unser Projekt eine Zwangspause.

Hilflosigkeit

Veröffentlicht: Donnerstag, 24.09.2015 in Kunden

Es war ein sehr früher Wintermorgen. Beim Blick aus dem Fenster glitzerte das Mondlicht auf der geschlossenen Schneedecke und spendete ein wenig Helligkeit. Durch das geöffnete Fenster wehte eine sehr kühle Brise um die Nase und in meinem Hirn geisterte nur eine Frage herum:

Warum zum Teufel habe ich mein kuscheliges, beheiztes Wasserbett nur verlassen?

Während ich mich diesem Gedanken hingab und ein bereits anwesender Azubi, den ich nur verwaschen optisch wahrnahm, mir gerade meine Koffeininfusion anlegte, damit wenigstens die rudimentären Körperfunktionen langsam einsetzten, genoss ich die Stille und das mangelnde Licht. Draußen der Mond, etwas unterstützt von meinem Computerbildschirm und ein paar Status-LEDs diverser elektronischer Helferlein, das war alles, was derzeit meine direkte Umgebung erhellte.

Doch wie es immer ist, wenn ich mich gerade einem friedlichen Idyll gedankenverloren mit höchster Begeisterung hingebe, es währt nie lange. Und so zerfetzte das schrille Klingeln des Telefons diese Illusion der Friedfertigkeit. Die Koffeininfusion hatte leider noch nicht genug Wirkung gezeigt, meiner optischen Wahrnehmungseinheit ausreichend Auflösung zur Verfügung zu stellen, um den Anrufer auf dem Display zu identifizieren. Also nahm ich den Anruf notgedrungen entgegen.

Die Zentrale meldete sich und die diensthabende Telefonistin mit ihrer rauchigen Telefonsexstimme – wie übrigens alle unsere Empfangsdamen, die gleichzeitig die Telefonzentrale hüten, nicht nur optisch ein Hingucker, sondern auch von der Stimme ein Hochgenuss – verkündete einen völlig aufgelösten Kunden am anderen Ende, dessen Brötchenbringer-Installation in der Nacht den rituellen Seppuku vollzogen und daher seine Kooperation per sofort eingestellt. Mit einem kraftlosen “Na gut, stell durch” nahm ich den Anruf entgegen.

Der Maskierte spricht mit Ihnen unterhalb des gesetzlich erlaubten Koffeinierungslevels. Formulieren Sie daher bitte Ihre Schmerzen in knappen Bildzeitungssätzen.

Ja, guten Morgen. Amandus-Adalbert Rsch hier. Unser Brötchenbringer hat sich heute Nacht zerlegt und wir kommen an keine Daten mehr heran, geschweige denn, dass auch nur ein einziger Mitarbeiter damit arbeiten kann. Ich brauche hier dringend Hilfe!

Bevor ich noch am frühen Morgen weiter zugetextet wurde, was ich vor den ersten 5 Litern Kaffee ungefähr noch schlechter ertrage als einen rostigen Nagel, der mir im Stakatto ins Bein gerammt wird, forderte ich das Opfer elterlicher Namensgebung auf, mir den Wartungszugang freizuschalten und mich mal in Ruhe werkeln zu lassen.

Mit jeder Minute, jedem Mausklick und jedem in die Konsole getippten Befehl sowie jeder beantworten Frage meinerseits an Herrn Rsch stieg mein Koffein-, Wachheits- und Genervtheitsniveau, bis ich schließlich den Kunden folgendes fragte:

Wie weit ist denn der nächste Baumarkt von Ihnen entfernt?

Direkt ums Eck, wieso?

Ach, für den Strick, den Sie jetzt brauchen.

Die herunterklappende Kinnlade am anderen Ende war deutlich durchs Telefon zu vernehmen. Bevor er die Chance hatte, beleidigt zu reagieren, legte ich los:

Laut Ihren eigenen Aussagen haben Sie kein Backup, da Sie ja die versionierte Clusterreplikation verwenden und Sie somit das Risiko eines Datenverlusts als äußerst gering ansahen. Tja, Irrtum. Ihre Clusterreplikation läuft seit 10 Monaten nicht mehr und hat Ihnen das auch mit schönen, roten und in Fettschrift gehaltenen Warnmeldungen in der Adminkonsole angezeigt. Nebenbei erhielten Sie auch jeden Tag eine Warnungs-E-Mail in Ihr Admin-Postfach, dass Sie auf den Umstand hinwies und Sie aufforderte, sofort das Problem in Angriff zu nehmen, da dies extrem kritisch ist. Nun denn, Sie haben alle Warnhinweise ignoriert, auf das empfohlene Backup verzichtet und darüber hinaus ist Ihr Support- und Wartungsvertrag vor 3 Monaten abgelaufen, worauf Sie auch mehrfach via Mail und in der Konsole hingewiesen wurden, weswegen dieses Gespräch jetzt noch kostenpflichtig ist nach unserem Standard-Notfallsatz. Da ich jetzt aber nur 10 Minuten gebraucht habe, um festzustellen, dass alle Ihre Daten für ewig und immer über den Jordan sind und ich Ihnen partout nicht weiterhelfen kann, werde ich aus Kulanz darauf verzichten. Noch ein freundlicher Rat: Sollten Sie mir bzw. meinem Unternehmen die Schuld für die Miesere in die Schuhe schieben wollen, ich habe alle notwendigen Beweise gesichert, dass Sie hier grob fahrlässig gehandelt haben, und werde diese mit Freuden Ihrer Geschäftsführung zur Verfügung stellen, wenn diese uns mit einer Schadensersatzklage droht. Ansonsten wünsche ich Ihnen noch einen guten Tag und ich hoffe, Sie überleben das Donnerwetter, wenn Sie vor Ihrer Geschäftsführung den Offenbarungseid leisten müssen.

Herr Rsch verabschiedete sich mit einem deutlich hörbaren Kloß im Hals. Erst hörte ich einige Wochen lang nichts mehr vom besagten Kunden bis sich die Geschäftsführung bei uns meldete und danach fragte, ob und welche Modelle es für eine gemanagte Lösung von Brötchenbringer gäbe, da man sich bedauerlicherweise kurzfristig von ihrem internen Admin aufgrund grober Pflichtverletzungen habe trennen müssen. Selbstverständlich konnten wir dem Kunden helfen, wobei ich mir die Frage stellte, wie ein Unternehmen den wochenlangen Ausfall einer wichtigen Kernkomponente inkl. totalem Datenverlust kompensieren konnte. Aber diese Frage stelle ich aus Taktgefühl nicht.

…also zumindest indirekt, das hätte ich jetzt echt nicht gedacht. Ist aber so:

Sprachlosigkeit

Veröffentlicht: Mittwoch, 27.05.2015 in Kunden

Einer meiner liebsten Aussprüche im Support ist immer wieder:

Herr, wirf Hirn vom Himmel. Aber in Dosen, damit es schön weh tut!

Leider wurden meine Gebete bis heute nicht erhört. Mag auch daran liegen, dass ich als bekennder Atheist keine Clubbeiträge entrichte und somit nur mießerablen Kundenservice erhalte. Aber wer will schon einer Versicherung beitreten, deren Hauptleistungen einem im After Life Market versprochen werden, aber bis heute keine validen Rückmeldung über ordnungsgemäße Regulierung erfolgt sind? Jedoch schweife ich zu sehr ab.

Ich saß also in meinem Büro und erfreute mich an der Tatsache, dass scheinbar unsere Telefonanlage streikte oder ein Bagger die Leitung erwischt hatte. Auf jeden Fall klingelte das Telefon nicht und das an die Support-Mailadresse gekoppelte Ticketsystem zeigte auch keinen neuen Patienten an. Endlich mal genug Zeit, um in Ruhe alle abonnierten Feeds zu lesen, zu kommentieren und später mit Sabine Feger zu flirten.

Doch mein unerwartetes Glück hielt nicht sehr lange an, gerade mal 5 Feeds und vielleicht 3 Kommentare, da klingelte auch schon das Telefon. Der Klingelton und die Anzeige im Display verrieten, dass der Anruf über die Support-Hotline-Nummer hereinkam, also ein Kunde mit Arbeit drohte. Voller Begeisterung* setzte ich das Headset auf und nahm den Anruf entgegen.

Brötchensponsor, es grunzt Der Maskierte

Noch bevor ich mein Sätzlein aufsagen konnte, zeigte mir ein hektisches Tuten akustisch an, dass die Verbindung getrennt wurde, nachdem ich zuvor deutlich ein kurzes Atemgeräusch vernehmen konnte. Ich legte auf und keine 5 Sekunden später klingelte es wieder. Die Rufnummer im Display war dieselbe wie zuvor.

Hier nochmal…

Und wieder das hektische Tuten, nachdem ich kurz glaubte Darth Vader am anderen Ende beim Atmen hören zu können. Auflegen, wieder klingelt derselbe Anrufer durch, wieder nehme ich an, wieder kommt ziemlich schnell das Tuten. Dies ging gut 3 Minuten so, bis ich die Schnautze gestrichen voll hatte und den Anrufer dauerhaft auf unsere Voicemail umleiten ließ. Vielleicht würde er dort seine Wünsche äußern, statt ständig nach wenigen Sekunden aufzulegen.

Statt mich weiter aufzuregen, ging ich zu Sabine, staubte dort eine Menge Süßkram und ein zauberhaftes Lächeln ab und widmete mich anschließend wieder meinem Feedreader und den Kommentaren. Nur gelegentlich wurde dies von einem einzelnen, verirrten Anrufer unterbrochen, der nicht mitbekommen hatte, dass meine Kunden heute meine Hotline zu boykottieren hatten, die sich aber schnell wieder abwimmeln ließen. So verging der Tag und der Anrufer mit nervösem Auflegesyndrom geriet in Vergessenheit.

Am nächsten Morgen trudelte ich etwas spät im Büro ein, weil die Nacht wieder viel zu kurz war, um dem zuvorliegenden Abend bei meinem Nachbarn, der mal wieder seine Strohwittwerschaft feierte, zu kompensieren. Als erstes begrüßte mich in meinem Mailclient eine weitergeleitete Mail des Häuptlings, die ein Kunde an ihn gerichtet hatte, mit der Bitte um Stellungnahme. Diese Lebensform ohne ausreichende Existenzberechtigung beschwerte sich, dass der Support mies und telefonisch so schlecht erreichbar sei, ja gar nie jemand seine Anrufe entgegennehmen würde. Das Ganze mit einer Wortwahl, die jedem Bauarbeiter die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Er wünsche einen Rückruf unter der Nummer…

Und in diesem Moment explodierte ich wie eine Supernova auf Speed, so dass Der Häuptling keine 10 Sekunden später in meinem Büro stand und mir eine Großpackung Valium vor die Nase hielt und kurz davor war, den Notarzt oder den nächsten Exorzisten zu rufen – je nachdem, wie heftig und laut meine Schimpfkanonade weitergehen würde.

Die Lebensform ohne jegliche Existenzberechtigung bekam anschließend ihren Rückruf durch den Häuptling höchstpersönlich, da ich mich weigerte, nach einer derartigen Verunglimpfung noch ein Wort in jeglicher Form mit ihm zu wechseln. Quintessenz des Gesprächs: Da nach dem ersten Klingeln noch keine Rufannahme erfolgte, legte er immer wieder auf.

Herr, wirf Hirn vom Himmel. Aber in Dosen, damit es schön weh tut!

Der Häuptling hat übrigens daraufhin jegliche Geschäftsbeziehung mit sofortiger Wirkung beendet, da die Gegenseite eine Sprache pflegte, die der in der Mail in nichts nachstand.

*Allergiehinweis: Dieser Satz kann Spuren von Ironie enthalten.