Wenn die Nachbarin dreimal klingelt

Veröffentlicht: Freitag, 19.11.2010 in Erlebnisse

Es war an einem lauschigen Frühlingstag im Mai, ein Samstag. Ich hatte gerade meine Pizza vom Pizzataxi in Empfang genommen und das erste Stück verzehrt, als die Türklingel hektisch geht. Zeugen Jehovas? Ich wollte es schon ignorieren, aber irgendwas trieb mich dann doch nachschauen.

Durch den Spion sehe ich meine alte Nachbarin von oben, die total aufgelöst dasteht. Ich öffne die Tür und sie bringt mir nur noch „Jürgen… in der Küche hingefallen!“ entgegen. Die Tür meiner jungen Nachbarin Christel neben mir geht auch auf. Ich nehme meinen Schlüssel, ziehe meine Wohnungstür ins Schloss und renne hoch in die Küche. Da liegt Jürgen, sehr ungünstig mit dem Hinterkopf an einem Küchenschrank liegend. Er ist noch ansprechbar, kann aber nicht reden und man sieht sofort, dass er halbseitig gelähmt ist. Schlaganfall. Ich renne ins Wohnzimmer, schnappe das Telefon und wähle die 112. Dabei renne ich zurück in die Küche. Wie vom Band spule ich die Adresse und meinen Verdacht auf Schlaganfall runter. Ob er ansprechbar sei, werde ich gefragt. Ja, aber er kann nicht antworten. Er atmet und liegt ungünstig. Notarzt ist auf dem Weg, sagt man mir. Während dessen müssen Christel und Jürgens Frau zurück gekommen sein.

Ich schicke Christel raus an die Straßenecke, damit sie den Notarzt einweisen kann und Jürgens Frau lasse ich ein Kissen aus dem Wohnzimmer holen, um den Kopf zu stützen, der so ungünstig am Küchenschrank hängt. Ich habe Angst, dass die Wirbelsäule oder der Nacken Schaden genommen haben können und rede beruhigend auf Jürgen ein, er soll ruhig liegen bleiben, alles wird gut, Hilfe ist auf dem Weg und ich bin bei ihm.

Ich bekomme das Kissen, schiebe es vorsichtig statt meiner Hand unter den Nacken und dann kann ich nur noch ihm über den Kopf streicheln und weiter mit ihm reden.

Seine Frau rennt total nervös und hilflos durch die Küche, ich habe Angst, dass die mir noch umkippt. Aber erstmal braucht Jürgen mich.

Nach schier unendlich erscheinender Zeit, aber wahrscheinlich keine 3 Minuten hat es seit meinem Anruf gedauert, höre ich das Einsatzhorn des Notarztes. Ich war noch nie so froh im Leben, dieses Horn zu hören. Das Geräusch wird lauter und nähert sich und hört auf einmal auf. Wenige Momente später stürmt die Notärztin in die Küche. Sie schaut mich an und ich sage nur: „Schlaganfall.“ Sie nickt und kümmert sich um Jürgen. Dann kommt der Rettungsassistent mit dem ganzen zusätzlichen Gepäck und ich ziehe Jürgens Frau sanft aus der Küche ins Wohnzimmer.

Christel ist ebenfalls wieder da und begleitet uns. Jürgens Frau ist in Tränen aufgelöst. Ich frage sie nach ihrem Enkel, mit dem ich letztens mal kurz zu tun hatte und von dem ich weiß, dass er in der Nähe wohnt, während Christel sich liebevoll um sie kümmert. Sie kann mir sagen, wo ich ihr Telefonbuch finde und sie sucht mir noch seine Handynummer raus.

Ich rufe an: „Ja, hallo, hier ist der Nachbar von Ihrer Oma. Der Opa ist gerade in der Küche umgefallen und die Oma brauch jetzt Hilfe.“ Ja, er kommt sofort. Ich versuche auch noch ein wenig Jürgens Frau zu beruhigen, da kommt ein Rettungsassistent des hinzugerufenen Rettungswagens ins Wohnzimmer und fragt nach Medikamenten etc. Der Jürgen müsse jetzt ins Krankenhaus. Seine Frau sucht die Sachen raus, während Jürgen auf die Trage verfrachtet wird und es hinunter zum Rettungswagen geht. Ich werde gebeten, dass ich den Koffer vom Rettungsassistenten bitte mitnehmen möchte. Dann geht es wie in einer Prozession hinunter.

Draußen auf der Straße wird Jürgen gerade in den RTW eingeladen, da kommt der Enkel mit seiner Frau. Kurze Worte zur Oma und zu den Rettungsdienstlern, wo der Opa jetzt hinkomme. Dann bedankt er sich noch überschwenglich bei mir – wofür eigentlich? – und ich frage noch, ob man ohne mich klarkommt. Ja, kommt man und nochmal überschwenglicher Dank.

Ich gehe zurück ins Haus, sperre meine Wohnung auf, trete ein. Bis eben war ich noch cool und die Ruhe selbst. Doch dann fällt die Tür zurück ins Schloss und es trifft mich wie ein Hammerschlag. Beinahe hätte ich noch einen Notarzt gebraucht…

Advertisements
Kommentare
  1. Tobi sagt:

    Da hast du meinen vollen Respekt. Wenn alle so gezielt und schlüssig handeln würden, dann könnte man sich den Tod von einigen sicherlich ersparen.
    Das du erst nach dem Einsatz unruhig geworden bist, lieg wahrscheinlich am Adrilinausstoss. :)

    Gut gehandelt, schlimmeres vermieden. Stark.

    Wie ist es mit dem Nachbarn ausgegangen?

  2. @Tobi

    Ja, der Adrenalinausstoß war wirklich heftig. Meine Flasche Wein, die ich mir danach geöffnet hatte und auch relativ schnell leerte, hat keinerlei Auswirkungen auf mich gehabt.

    Der gute Mann ist seither Schwerstpflegefall.

  3. Giftspritze sagt:

    Zunächst erst mal ein dickes Lob für die spannend zu lesende Geschichte. Ich mag so eine Art des Schreibens sehr. Authentisch, echt, mit Stil.
    Und dann möchte ich dir auch Respekt und Anerkennung zollen. Du hast umsichtig agiert und dem guten Mann das Leben gerettet. Weißt du, ich arbeite in einem Pflegheim und ich kenne solche Situationen nur zu gut. Auch ich bin heute noch nach solchen Dramen hinterher immer fix und fertig. Sie lassen einem über das Leben nachdenken, umsichtiger in den eigenen Gedanken werden.
    In dieser Woche habe ich auf Arbeit eine Kollegin verloren, mit 46 Jahren. Wir waren dabei, als sie an einem plötzlichen Herztod starb. Mitten unter uns, während der Pause.
    Wenn du magst, kannst du darüber in meinem Blog lesen. Es war schlimm, sehr schlimm.
    Als APF denke ich allerdings jetzt an den Mann, welchem du Hilfe warst. Kam dir auch mal der Gedanke, dass es vielleicht für ihn und seine Frau besser gewesen wäre, wenn…? Versteh mich um Gottes Willen nicht falsch. In Momenten, wo man Helfer ist, kommen einem solche Gedanken gar nicht. Man reagiert und funktioniert nur noch. Aber später dann, wenn alles gesackt ist – ich habe mich das schon mehrmals gefragt, ob man solchen Menschen einen Gefallen tut und ob sie hätten so leben wollen.

    Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass es Menschen wie dich gibt, die sofort helfend eingreifen. Das hast du super gemacht.

    Ich wünsche dir ein schönes WE. LG Mandy

  4. @Giftspritze

    Danke für das Lob. :)

    Du hast durchaus Recht, objektiv betrachtet habe ich Jürgen keinen Gefallen damit getan. Er ist seither Schwerstpflegefall und vegetiert nur noch dahin. Mir scheint, dass einzig seine Frau ihm noch einen Hauch Lebenswillen gibt. Zumindest erschließt sich mir dieser Gedanke, wenn sie mir von ihm berichtet. Da beide bereits ein stattliches Alter erreicht haben, ist die Belastung besonders für sie auch enorm, da sie noch recht agil ist.

    Für mich war das damals aber schlicht eine Selbstverständlichkeit. Genausogut hätte ich da liegen können. Aber soweit habe ich selbstverständlich in dem Moment nicht gedacht, sondern schlicht, dass da jemand meine Hilfe braucht und auf mich angewiesen ist.

    Dir ebenso ein schönes Wochenende.

  5. idriel sagt:

    Huiuiui – gut reagiert.

    Mir kamen nach der Info dass er jetzt ein Schwerstpflegefall ist ähnliche Gedanken wie Giftspritze, aber trotzdem: in dem Moment kann ja kein Helfer wissen was los ist, und es haben sich auch schon viele Leute wieder von einem Schlaganfall erholt. Die waren sicherlich froh um schnelle Versorgung.

  6. @idriel

    Ja, aber eigentlich konnte man schon aufgrund des Alters von Anfang an auf eine eher ungünstige Diagnose spekulieren. Zumindest waren mir die Konsequenzen nachdem ich mich am nächsten Morgen halbwegs beruhigt hatte, mehr als deutlich klar.

  7. Giftspritze sagt:

    Reich dir mal eine neue Flasche Wein rüber, –> meine Lieblingsmarke, falls es wieder mal klingelt und du ein Schlückchen brauchst. Könnte ja sein, dass dann mal die junge Nachbarin klingelt….

  8. @Giftspritze

    So oft, wie ich der jungen Nachbarschaft geholfen habe, könnten die mir mal einen kompletten Weinkeller einrichten. ;)

    Aber, da ich die Tage eh einen Burgunderbraten auf dem Kochzettel stehen habe, werde ich den dann begleitend dazu genießen.

  9. […] von der Geschichte des Medizynischen und dem Kommentar von Giftspritze wurde ich an meine Zeit als Zivildienstleistender in einem Alten- und Pflegeheim […]