Loslassen

Veröffentlicht: Montag, 22.11.2010 in Erlebnisse, Gedanken

Angeregt von der Geschichte des Medizynischen und dem Kommentar von Giftspritze wurde ich an meine Zeit als Zivildienstleistender in einem Alten- und Pflegeheim erinnert.

In jenem Heim gab es einen Bewohner, nennen wir ihn im folgenden einfach Peter, Anfang 40 und Vater von zwei relativ kleinen Kindern. Der gute Peter war durch einen Unfall komplett gelähmt. Er konnte nicht mehr sprechen, keine Hand mehr rühren, nichts. Einzig durch seine Augen war er in der Lage, sich seiner Umwelt mitzuteilen. Geistig hatte er durch den Unfall keinen Schaden genommen.

Stellt euch das mal vor. Ihr sitzt da in diesem Rollstuhl, seht eure Lieben, die euch regelmäßig besuchen kommen und könnt nichts außer blinzeln. Die liebevollen Berührungen, die sanfte Wärme einer Kinderhand an der Wange und der wohlige Schauer nach einem zärtlichen Kuss – nichts davon spürt ihr mehr. Blinzeln, nur mehr blinzeln.

Durch den Unfall war auch Peters Herz angeschlagen, was eines Tages zu einem Herzinfarkt führte. Der erste Infarkt folgte im Heim und er wurde ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte prophezeiten seiner Frau, dass er bald wieder einen Infarkt erleiden würde, und ob sie dann nicht verfügen möge, ihn gehen zu lassen.

Peter kam wieder zurück in unser Haus. In seinen Augen war zu lesen, dass er lieber gegangen wäre, als noch länger seine Familie leiden zu sehen. Dann kam der nächste Infarkt. Wie seine Frau entschieden hatte, wurden wieder alle Maßnahmen in die Wege geleitet, Gevatter Hein zu verjagen. Mit Erfolg.

Nach dem dritten Infarkt ein paar Tage später in der Klinik, nahm er ihn endlich mit.

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Kommentare
  1. Giftspritze sagt:

    Siehst du, und genau aus solchen Gründen habe ich schon vor einigen Jahren eine Patientenverfügung verfassen lassen, eben, weil ich niemals möchte, dass meine Familie in eine solche Entscheidungssituation kommen soll.
    Ich möchte nicht auf Teufel komm raus reanimiert, mit einer Magensonde sondiert werden – ich möchte nicht jahrelang dahinsiechen, sondern gehen können, wenn die Zeit gekommen ist. Leider denken viele Menschen, ach, das hat doch alles noch Zeit. Hat es eben manches Mal nicht. Es kann schneller zu so einer Situation kommen, als man möchte. Naja, eigentlich möchte man es ja nie. Aber wenn…du verstehst sicher, wie ich es meine.

    Ich hatte im Heim eine Patientin, die war im Endstadium vom Knochen – und Hautkrebs.
    Eines Tages hatte ich bei der Körperpflege einfach so ihren Sondenschlauch in der Hand. Umgehend wurde die Klinik angerufen und man sagte mir, ich solle den Schlauch versuchen, wieder einzuführen. Hallo? Ich meine, ich bin kein Arzt. Irgendwann kam dann der NA und hat sie einweisen lassen. Durch uns wurde ihre Tochter informiert und sie hat sich dann Gott sei Dank entschlossen, dass ihre Mutter keine neue Sonde bekommen, sondern endlich ihren Frieden finden soll. Wir haben sie dafür bewundert, denn es ist nicht leicht, eine solche Entscheidung zu treffen. Frau F. lebte noch zwei Tagen und wurde nur mit Flüssigkeit versorgt. Das war gut und richtig so.

    LG an dich. Mandy

  2. @Giftspritze

    Es heißt nicht umsonst „Unverhofft kommt oft!“. Ja, lieber mit Würde gehen als mit Schmerzen dahinsiechen. Insofern erwarte ich auch ein positives Urteil vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Sachen Sterbehilfe.

    Es muss in solchen Situationen möglich sein, in Frieden und schmerzfrei zu gehen.