Und mühsam nährt sich das Eichhörnchen

Veröffentlicht: Montag, 22.11.2010 in Kunden

Da hatte ich doch eine Zeit lang das Vergnügen mit einem ganz besonderen Kunden, der mir beim ersten Kontakt von unserer Telefonzentrale mit folgenden Worten angekündigt wurde:

Hallo Maskierter, ich hab hier den Kunden Zahn-Rad von der Firma Ganz gefährliche Sachen GmbH für dich dran, der brauch Unterstützung bei $Hersteller. Und… der ist komisch!

Eigentlich sind das die Momente, wo ich spontan auf Toilette müsste, wenn ich mich nicht so meinem Brötchengeber verpflichtet fühlen würde. Ist das eigentlich eine Krankheit?

Nun denn, ich nahm mich des guten Mannes an, nur um es gleich bitterlich zu bereuen.

Guten Tag. Mein Name ist Der Maskierte von der Brötchensponsor, was muss ich tun, um Sie schnell wieder loszuwerden?

In freudiger Erwartung seiner Selbstvorstellung – oder besser noch gleich seiner Problemschilderung – lauschte ich und hörte nur das leise Klacken eines vermeindlichen Uhrwerks. Bis mir bewusst wurde, dass mein Kunde gerade damit beschäftigt war, den unsäglichen Informationsfluss meinerseits zu verarbeiten.

Als die geistigen Lochkarten fertiggestanzt, abgearbeitet und das Ergebnis bei ihm vorhanden war, folgte seine Begrüßung, Selbstvorstellung und eine Litanei an unwichtigen Schilderungen, was er alles heute getan habe. Da sämtliche meiner Versuche, seinen Redeschwall, der eher einem Redemorsen gleichkam, zu stoppen, um mit gezielten Fragen endlich zu des Pudels Kern zu gelangen, scheiterten, dauerte es 15 (!) Minuten bis ich meine erste Frage loswerden konnte. Inzwischen wusste ich bereits über sein komplettes Krankheitsbild, seinen Stammbaum und die sozialen High- und Lowlights seiner Umgebung bestens Bescheid. Bloß, was er von mir wollte, das wusste ich noch nicht.

Herr Zahn-Rad, würden Sie mir bitte verraten, um welches Produkt des $Herstellers es sich handelt. Diese Firma hat da vier Dutzend Produkte im Einsatz und Ihre Beschreibung passt auf mindestens die Hälfte davon.

Und wieder bekam ich nur das Klacken der mechanischen Informationsverarbeitungseinheit zwischen den Ohren meines Gegenübers zu hören. Nach einer Weile, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte und bei der ich mich via hausinternem Instant Messenger bei der zuständigen Telefonistin dafür bedankte, dass sie diesen Kandidaten mir und nicht einem Kollegen zugestellt hatte, und nachfragte wie sie sich dafür zu entschuldigen gedenke, kam dann auch endlich eine Reaktion und sogar brauchbare Antwort.

Das Spiel ging dann noch eine gute Stunde so weiter bis ich zumindest wusste, dass ich ohne weitere Diagnosedaten nichts sagen konnte. Da ich auch jede meiner Erklärungen, was der Kunde bitte gerade tun möge, mindestens dreimal wiederholen musste, entschloss ich mich, ihm die Anleitung zum Erstellen und Sammeln der Daten per Mail zu schicken. Dabei verwendete ich extra das Template „Wie erkläre ich es meinem Kind? – mit bunten Bildern zum Nachklicken!“.

Ratet mal, wer keine fünf Minuten später wieder mich sprechen wollte, wegen einer „unverständlichen Anleitung“ und wer auf einmal ganz dringend in ein Meeting musste für den Rest des Tages.

Das wirklich Erschreckende daran ist, dass der Kunde der oberste Admin einer Bude ist, bei der besser nichts schief läuft, weil das sonst dramatische Probleme für viele Menschen bewirken könnte.

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Kommentare
  1. Tobi sagt:

    Solche Telefonate machen den Tag doch erst spannend. :)

  2. @Tobi

    Der Verschleiß ans Herztropfen und Beruhigungsmitteln spricht da aber eine andere Sprache.