Wenn die Schadenfreude grüßt

Veröffentlicht: Freitag, 26.11.2010 in Kunden

Man stelle sich vor, es gibt da einen Kunden, man nenne ihn der Einfachheit halber Bernd Esser-Wisser, der mir durch akute Inkompetenz und noch größerer Arroganz und Unfreundlichkeit aufgefallen ist. Der liebe Bernd ist jedoch der Prototyp für divergierende Eigen- und Fremdwahrnehmung. So kam es nicht selten zu schönen Telefonanrufen seinerseits, die dazu führten, dass er mit einem konkreten, schier unlösbaren Anliegen meine Nichtigkeit zu befragen ersuchte. Das alles nur, um sich seiner Unfehlbarkeit zu vergewissern und mir meine Unzulänglichkeit vor Augen zu führen. Denn schließlich sei ich ja nur jemand, der anderen Menschen unnötig die Luft wegatmet. In seiner Firma würde ich nichtmal Patchkabel nach Farbe und länge sortieren dürfen. Und wie ich mein Studium beendet habe, sei ihm ein Rätsel. Wahrscheinlich hätte ich mir meinen Abschluss nur gekauft.

Da ich aber zumindest die Handbücher der betreffenden Produkte nicht nur unters Kopfkissen gelegt hatte, sondern durchaus auch die ein oder andere Seite aufschlug, um das Schwarze von dem Weißen zu unterscheiden, konnte ich auch fast immer seine Anliegen sofort lösen.

Das gefiel Bernd natürlich überhaupt nicht, also buchte er alle Schulungen des $Herstellers und ließ sich dort in die höchsten Weihen der Zertifizierung einführen. Dies teilte er mir dann auch freudig mit, um gleich meine Unwürdigkeit noch zu unterstreichen. Schließlich schlief ich nur mit den Handbüchern unter dem Kopfkissen – oder benutzte sie als Einschlaflektüre – und hatte nicht tolle Papierwische mit Herstellerlogo, Unterschrift und tollen Titeln drauf.

Nachdem Bernd sich nun mit allen Wassern gewaschen hatte und der $Hersteller auch eine neue Version eines seiner Produkte auf den Markt brachte, ging er sogleich dran dieses auf allen seiner mehreren hundert Rechner auszurollen.

Kurz danach klingelte wieder mein Telefon.

Der Maskierte von Brötchensponsor, der Tag könnte so schön werden, wenn Sie schnell auflegen. Was muss ich dafür tun?

Natürlich kannte ich die Nummer in meinem Display auswendig und hätte ihn namentlich begrüßen können.

Guten Tag, Esser-Wisser hier. Also, ich hab bei mir die neue Version von $Produkt auf den 300 Rechnern meines Brötchengebers installiert. Nun habe ich auf einmal Störungen in unserer $Branchenlösung. Bisher ging das. Wissen Sie da was?

Ein Grinsen machte sich just in diesem Moment in meinem Gesicht breit.

Herr Esser-Wisser, ist Ihnen denn beim Pilottest nicht aufgefallen, dass das auf Ihren Systemen nicht mehr funktionieren wird, weil die neue Version von $Produkt…

Eine fünfminütige Erklärung folgte, warum die neue Version von $Produkt nicht mehr mit ihrer Branchenlösung kompatibel war. Ich merkte förmlich, wie der gute Bernd am anderen Ende des Telefons in sich zusammensank und schon geistig seine fristlose Kündigung entgegen nahm. Natürlich hatte er keinen Pilottest durchgeführt. Noch weniger  hatte er den letzten Newsletter von $Hersteller gelesen, wo drin stand, warum alle Programme, die so ähnlich wie seine Branchenlösung funktionieren, nicht mehr funktionieren werden und man daher  in solchen Fällen auf die Folgeversion warten soll.

Herr Maskierter, was mache ich denn jetzt?

Ich wollte ihm zwar im ersten Impuls eine Umschulung zum Imbissbudenverkäufer empfehlen, jedoch war meine nächste Antwort um ein Vielfaches befriedigender. Nämlich schlicht, dass er sowohl die jetzige Version von $Produkt manuell (!) entfernen muss als auch die $Branchenlösung, diese dann neu aufsetzen und dann die vorherige Version von $Produkt wieder installieren. Das auf allen Rechnern plus noch ein paar Servern. Geschätzte Arbeitsunfähigkeit des Betriebs, wenn er das zügig durchführt, mindestens zwei Tage. Wohlgemerkt bei 24-Stunden-Schichten.

Nach Offenbarung dieser Hiobsbotschaft, vermeinte ich sowas wie ein leises Schluchzen zu hören, bevor Bernd das Gespräch beendete, während meine Kollegen mich nicht mehr ohne Sonnenbrille anschauen konnten, so strahlend war mein Grinsen.

Und es ist überflüssig zu erwähnen, dass ich seither keine Anrufe von Bernd mehr erhalte. Dafür ist sein Nachfolger ein ganz freundlicher und aufmerksamer Mensch, der auch Pilottests durchführt.

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Kommentare
  1. Tobi sagt:

    Wenn man keine Ahnung hat, dann einfach mal die …. lieber Bernd! :)

  2. @Tobi

    Och, hätte er einfach freundlich gefragt, hätte er einfach nur genervt und wäre ein weiterer Name auf meiner RTFM-Liste. Aber ansonsten wäre meine Schadenfreude doch eher begrenzt geblieben. Aber in dem Fall… ;)

  3. Tobi sagt:

    @DerMaskierte Was ist RTFM?

  4. idriel sagt:

    Das, was man gelegentlich denkt, wenn man sich das Geqatsche mancher Anwender anhört – „Read The Fucking Manual“ ^_^