Sprachlosigkeit

Veröffentlicht: Mittwoch, 08.12.2010 in Kollegen, Kunden

Mein Brötchensponsor kennzeichnet sich unter anderem dadurch, dass er die Zeit, das Geld und vor allem meine Nerven in die Hand nimmt, um jungen Menschen nach Ende ihrer Schullaufbahn eine Perspektive zu bieten. Oder anders ausgedrückt: Da gute Leute in unserem Bereich nicht an Bäumen wachsen, müssen wir unseren Nachwuchs selber heranzüchten. Vom Grundsatz keine schlechte Idee. Auch meine Nervenschäden werden durch die voll sprachgesteurten Kaffeevollautomaten zumindest ansatzweise ausgeglichen.

Aber manchmal.

Nur manchmal.

Ihr wisst schon.

Nun habe ich durchaus langjährige Kunden, denen ich es ohne Aufkündigung der Geschäftsfreundschaft ihrerseits zumuten kann, mal einen unserer Lehrlinge ertragen zu müssen, wenn ich bei ihnen vor Ort bin. Schließlich sollen unsere Stifte auch lernen, wie das harte Geschäft des Außendiensts aussieht, und meine Kunden sollen sich dran gewöhnen, dass nicht nur ich in Zukunft ihre unausgesprochenen Wünsche direkt von den Augen ablese. Unser oberster Vertriebsguru möge jetzt bitte huldvoll in meine Richtung applaudieren.

Es war bei einem Kunden an der Zeit, ein lange Jahre eingesetztes Produkt durch seine Nachfolgeversion auszutauschen. Da die Nachfolgeversion zwar unter der Haube komplett der selbe Mist die Weiterentwicklung der Vorversion war, jedoch die Oberfläche in neuem Glanz erschien, musste mein Kunde auch darauf geschult werden. Da der dienstälteste Leerling Auszubildende sich gerade ebenfalls mit dem Produkt beschäftigte und inzwischen den aufrechten Gang und die deutsche Sprache in Grundzügen erlernt hatte, wollte ich diesen einen Teil der Schulung halten lassen. Währenddessen hätte ich mit der liebreizenden Assistentin meines Kunden ein wenig flirten fachsimpeln können.

Damit der junge Mann aber nicht wie der Ochs vorm Berg beim Kunden stehen würde, bereitete ich ihn entsprechend vor und wir gingen alles nochmals durch. Auch mein Kunde war im Vorfeld informiert und willigte sofort ein.

Der Tag war gekommen, die neue Version fertig installiert und von mir vorkonfiguriert. Wir saßen in dem kleinen Besprechungsraum beim Kunden und mein junger Begleiter sollte nun den Anfang machen. Ich war augenblicklich im Dekolleté der Assistentin versunken, da irritierte mich diese brüllende Stille. Ich blickte zu meinem Azubi und sah wie dieser auf einmal mit der Wand um die Wette rang, wer von beiden weißer ist. Sowohl mein Kunde als auch ich sprachen ihm gut und ermutigend zu, doch er blieb stumm und wie versteinert vor uns stehen.

Nachdem ich innerlich sämtliche mir bekannten, sofort tödlichen Flüche der Welt in seine Richtung ausgestoßen  hatte, die wie immer von bescheidenem Erfolg gekrönt waren, und mich von dem Gedanken verabschieden konnte, die wunderbare Aussicht mit einem herrlichen Gespräch zu verknüpfen und eventuell den Abend nicht alleine im Hotelzimmer zu verbringen, erlöste ich den sprachlosen Delinquenten ob seiner Pein.

Der Azubi blieb auch – bis auf die Verabschiedung und ein paar karge Satzfetzen – stumm. Erst, als wir im Hotel saßen, und den ein oder anderen Kurzen genossen, fand er seine Sprache wieder. Ja, man konnte fast meinen, er müsse die Defizite der letzten Stunden nachholen. Ich glaube, vorm nächsten gemeinsamen Kundentermin fülle ich ihn erstmal ab.

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