Erfahrung ist…

Veröffentlicht: Donnerstag, 23.12.2010 in Erlebnisse, Gedanken

Es begab sich zu einer Zeit, die Maske war quasi noch knitterfrei, als ich die ungemütlichen universitären Hörsaalbänke zugunsten eines bequemen Bürostuhls verließ. Da ich seinerzeit aufgrund meiner damaligen Lebensabschnittsgefährtin grob an den Ort meiner ehemaligen Studientätigkeiten gebunden war, dauerte die Suche nach dem passenden Stuhl eine Weile. Doch schließlich glückte sie mir und ich war fortan zuerst mitverantwortlich für die IT eines kleinen Mittelständlers, der über zwei Standorte verfügte. Den Hauptsitz, an dem ich primär mein Tagewerk verrichtete, und einen zweiten Standort viele hunderte Kilometer entfernt, für den ich ebenfalls die Mitverantwortung trug, aber vor Ort zwei Mitarbeiter beschäftig waren, die mir meist das Gröbste – und somit die Notwendigkeit meiner physischen Präsenz – abnahmen.

So saß ich nun an meinem Schreibtisch, bewaffnet mit dem absoluten Selbstbewusstsein, durch meine Studien all der Dinge gewappnet zu sein, die sich mir offenbaren würden. Böse Zungen würden sowas akademischen Übermut nennen. Aber ich war jung, ich war enthusisastisch, ich war engagiert und vor allem war ich bereit, jedes Fettnäpfchen mitzunehmen, das ich in der Theorie nicht kannte, aber in der Praxis überall finden würde. Und wahrlich, in der Theorie war ich derart ausgestattet, dass es mir Kopfschmerzen bereitete, dass in der Praxis nichts so schön war, wie man es gelernt hatte.

Einheitliche Plattformen, Softwareverteilung et cetera? Ja, in meinen Träumen! So war ich beschäftigt Rechner mit Windows zu versehen, alle Patches nachzuziehen und anschließend die benötigte Software aufzuspielen. So befahl dies mir mein damaliger Chef und Abteilungsleiter. Doch ich war jung, ich war enthusiastisch und bereit, Dinge zum Besseren zu ändern. Das scheiterte aber an meinem Chef. Der war alt, müde und stets damit beschäftigt, jungen Damen im Internet bei Dingen zuzuschauen, die eindeutig unter den Jugendschutz fallen. Und so fiel auch mein Chef, nämlich die Tür hinaus und seine Sachen hinterher. Und ich, der studierte Maskierte saß auf seinem Sessel, nachdem dieser gründlich gereinigt wurde.

Da neben mir nur noch ein Azubi übrig war, konnte ich sogleich beginnen, die IT auf Vordermann zu bringen. Als erste Maßnahme ordnete ich an, dass der Azubi die Windows Server Update Services (WSUS) installieren sollte. Da der Exchangeserver der einzige Rechner mit ausreichend Platz für dieses Unterfangen war, wies ich den Azubi an, diesen dafür zu verwenden. Dieser Tat wie ihm geheißen und als er fertig war, fragte er mich, ob er die ganzen Windowsupdates gleich herunterladen solle und in welchen Sprachen.

Bloß nicht sofort! Das sprengt die Standleitung. Die hat nur 2 MBit. Lass das schön heute Abend laufen, wenn keiner mehr arbeitet.

In meiner unendlichen Weisheit, die mir die vorhergehenden Studien erbrachten, sah ich alle Gefahren vorher, die der unbedarfte Lehrling natürlich niemals sehen würde. Weiterhin wies ich ihn an, er möge deutsche und englische Windowspatches herunterladen, hatten wir doch auch englische Server im Einsatz. Der Feierabend kam, der Azubi stieß die Downloads an und wir gingen heim.

Um 5 Uhr am nächsten Morgen weckte mich mein Diensthandy mit infernalischem Klingeln. Warum hatte ich auch „Trompets of Jericho“ als Klingelton für den Geschäftsführer ausgesucht? Ich nahm das Gespräch an und vom Telefon föhnte es mir entgegen, dass er gerade von der Zweigniederlassung angerufen wurde, die bereits um 4 Uhr mit ihrem Tagewerk begannen, dass der Exchangeserver nicht mehr funktionieren würde und sie somit nicht arbeiten könnten. Panik stieg in mir auf, war ich doch jetzt der Verantwortliche für alles und ich eilte ungeduscht, unrasiert und mit völlig zerzauster Maske in die Firma, um herauszufinden, warum der Server streikte.

Schnell war der Grund ausgemacht: Die Festplatten waren bis zum Platzen voll mit Windows Updates, die der WSUS zur Verteilung bereit hielt. Doch wieso? Hatte ich doch zuvor berechnet, wieviel Platz die Updates benötigen würden und dass mehr als genug Platz übrig sei. Doch wie konnte das passieren? Mir? Dem studierten Unfehlbaren? Die Software musste verrückt spielen!

Mein Azubi, der pünktlich um 8 auf der Matte stand, und von mir informiert wurde, was heute morgen geschehen war, meinte nur:

Is kla Chef! Der lädt die Updates doppelt. Einmal in Deutsch, einmal in Englisch.

Was hätte ich dafür gegeben, in dem Moment im Boden zu versinken. An wirklich alles hatte ich gedacht, nur nicht, dass jede Sprachversion ihr eigenes Update benötigte und sich somit der Platzbedarf verdoppelte. Da der Geschäftsführer ebenfalls anwesend war, als mein Azubi diese Worte vom Stapel ließ, dauerte das anschließende Gespräch in seinem Büro auch nicht lange. Nach dem Ende der Unterredung, die gefühlte 10 Millionen Mal von mir das Wort „Entschuldigung“ enthielt, verließ ich dessen Büro – ohne die Tür zu öffnen – aufrechend gehend unter dem Türschlitz hindurch. So klein war ich geworden. Doch einen wertvollen Satz nahm ich damals mit:

Erfahrung ist, einen Fehler nicht ein zweites Mal zu begehen.

Und ab diesem Tag machte ich noch ganz viele Erfahrungen. Bis heute. Denn bist du auch alt wie eine Kuh, lernst du immer noch hinzu!

Zweite Lehre: Theoriewissen bedeutet, dass du von der Praxis absolut keine Ahnung hast.

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Kommentare
  1. idriel sagt:

    Erfahrung ist… nicht davon auszugehen, dass man an alles gedacht hat.

  2. @idriel

    Ich war jung, ich war hochnässig und musste geerdet werden. Und heute werde ich schief angeschaut, wenn ich nur noch im Konjunktiv rede.

  3. Magma sagt:

    Danke!
    War heut mein erster Lacher!
    „…Maske, quasi noch knitterfrei…“ quietsch :-)

  4. @Magma

    Gerne doch. Solche Kommentare sind meiner Mühe Lohn. :) Zumindest hier.