Odyssee nach der Weihnachtsfeier

Veröffentlicht: Montag, 10.01.2011 in Kollegen

Jedes Jahr wieder, mit der Präzision einer Atomuhr, kommt sie wieder: die Weihnachtsfeier meines Brötchensponsors. Soweit, so gewöhnlich.

Das Ungewöhnliche daran ist, mit welcher reger Beteiligung es über den Pflichtteil hinaus geht. Man kennt das ja, man lässt sich 10 Minuten vorm Essen blicken, drückt sich das mehr schlechte als rechte Buffet rein und verschwindet nach dem Essen und zwei Gläsern Rotwein wieder ins wahre Nachtleben oder zur Geliebten; muss man doch diese einmalige Chance im Jahr nutzen, das perfekte Alibi fürs Eheweib zu haben. Denn welche Frau überprüft schon, ob der Müllermeierschulze tatsächlich bereits um 11 Uhr kopfüber in der Bowle gelandet ist?

Während diese betriebliche Übung landauf, landab stets so praktiziert wird, ist dies bei uns nicht der Fall. Da unser Häuptling eine Vergangenheit als Eventgastronom hinter sich weiß, fühlt er sich Jahr für Jahr aufs neue berufen, seinen Indianern ein Spektakel der Extraklasse zu bieten, auf das wir uns das ganze Jahr freuen. Alles andere würde er persönlich nehmen – und das will wirklich niemand!

So ist davon auszugehen, dass das Buffet keine Wünsche und nichtmal exotische Träume offen lässt, die Qualität der Speisen auch auf höchstem Niveau ist und die Bar für jeden Geschmack etwas her gibt. Neben einem stets abwechslungsreichen Rahmenprogramm am frühen Abend, sorgt später ein Zeremonienmeister am MP3-Player für stimmungserhaltende und abwechslungsreiche Musik.

Dies alles findet stets in abwechselnden Lokationen statt, die auch passend zum abendlichen Rahmenprogramm ausgewählt sind und dekoriert werden. Jedoch durchaus etwas ab vom Schuss liegen, wie man so schön sagt.

Man sieht, unser Häuptling legt sich mächtig dafür ins Zeug, dass wir richtig viel Spaß haben und uns an dem Abend bis in die frühen Morgenstunden so richtig schön auslassen können, wenn wir denn wollen. Und wir wollen!

So kam es, dass die beiden Protagonisten der folgenden Geschichte nach einer langen, cocktaildurchsetzten Nacht, als der Hahn bereits für seine Morgenzigarette auf den Misthaufen stieg, beschlossen, dass das heimische Bett nun ein guter Ort sei, an dem man sich bald aufhalten sollte, so denn man eines Tages nochmal seine Leber gebrauchen möchte. Da die Feier irgendwo ganz weit draußen stattfand, und man trotz 20 Atü Kesseldruck den jeweiligen Lebensabschnittgefährten nicht um seinen wohlverdienten Schlaf bringen wollte, beschlossen Ulf-Jörg und Katrin, da sie beide in der selben Straße wohnten, ein Taxi zu teilen.

Wie das so ist, wenn man mehr gegessen und getrunken hat, als das langjährige, harte Training einem sonst gebietet, musste der Taxifahrer auf halber Strecke einen kurzen Stopp am Straßenrand einlegen, damit Ulf-Jörg seinen Namen laut ins Gebüsch rufen konnte. Doch dies ging Katrin, die über 20 Ecken mit dem Fahrer verschwippschwägert war, nicht schnell genug. Zumal ihre Verfassung kein Stück besser war, als die unseres armen Bröckenlachers. Wohl um die Unversehrtheit seines Taxis bangend und auch um den familären Frieden zu wahren, ließ sich der Taxler dazu verleiten, den armen Würfelhuster weiter Würfel husten zu lassen und Katrin schnellstmöglich in die Obhut ihres Angetrauten zu übergeben – möge er doch sich mit ihrem Auswurf vergnügen.

Während Ulf-Jörg weiterhin im Gebüsch seinen Namen substanzvoll ausrief, machte sich das Taxi mit quietschenden Reifen vom Acker. Dies stellte Ulf-Jörg verdattert fest, nachdem er sich sämtliche Mahlzeiten und Getränke – alkoholhaltiger Art – der vergangenen Stunden durch den Kopf gehen ließ. Doch statt beherzt zum mobilfunkenden Telefon in der Jackentasche zu greifen und den nächsten Kutscher herbeizurufen, oder einfach eines der zahlreichen Taxis herauszuwinken, die stets auf dieser Strecke anzutreffen sind, tut unser armes Alkoholopfer was? Richtig, er läuft die verbleibenden 10 km nach Hause. Immerhin führte dies dazu, dass er seiner Freundin halbwegs nüchtern unter die Augen trat und sich so an den Verlauf des Abends erinnern konnte. Seine Geschichte wollte sie ihm dennoch nicht abkaufen, was zu einigen Unstimmigkeiten führte. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Sein zweiter Fehler des Tages war dann, mich wenige Stunden später aus meinem Koma per Telefon zu klingeln, mir von seinem Kater zu klagen, während ich mir über die Dimensionen meines eigenen Katzenviechs gerade gewahr wurde, und seine Geschichte zu erzählen und ob ich sie seiner Freundin nicht bestätigen könnte, zumindest der Teil bis zum Einstieg ins Taxi. Schließlich hätte ich die beiden doch noch wegfahren sehen. Hab ich das? Wie heiße ich überhaupt und wie kam ich in mein Bett?

Ich kann mir jedenfalls bis heute nicht erklären, wer die Geschichte seiner Odyssee dem Flurfunk zugeführt hat. Echt nicht. Muss Katrin gewesen sein, obwohl die behauptet sich an nichts erinnern zu können.

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Kommentare
  1. bertil sagt:

    Hehe. Das Nachleben der alten Generation.
    Als junger, unbedarfter Schüler immer wieder schön, sowas zu lesen ;)

    Tipp: Ein Hund im Haus hilft gegen die Kater…

  2. idriel sagt:

    Naja …ob es seine Freundin wirklich beruhigt, dass er mit einer anderen ins Taxi gestiegen ist? ^_^

  3. @bertil

    Es gibt da noch eine Weihnachtsfeier, wo die versammelte Riege der Azubis mit mir und dem Häuptling im Lebermassieren mithalten wollten… denen ging auch am Schluss sehr viel durch den Kopf, im Gegensatz zu uns „alten Säcken“.

    @idriel

    Genau das habe ich doch mit dem „anderen Thema“ gemeint. ;)

  4. schattenpriester sagt:

    Wow, schöne Geschichte ;-)
    Die Besten schreibt doch immer noch das Leben, no?

    Ich beneide Euch um Euren Häuptling, der eine Weihnachtsfeier noch als Motivationsveranstaltung versteht und gestaltet.
    Und nicht als lästige Pflichtnummer.

  5. @schattenpriester

    So ist es, die besten Geschichten schreibt das Leben. Und zum Glück haben wir nicht nur die Weihnachtsfeier, nein, es gibt vier Feste im Jahr, die gefeiert werden wollen. Aber den besten Stoff gaben bisher immer die Weihnachtsfeiern ab.

  6. Andrea sagt:

    Eine alte, aber doch gute, lustige Geschichte.

    Herzliche Grüße

    Andrea