Selbstgespräche

Veröffentlicht: Mittwoch, 18.05.2011 in Kunden

Ein regelmäßig zu beobachtendes Phänomen ist folgendes:

Ich halte gerade den gesündesten Schlaf von allen, nämlich den Büroschlaf, da unterbricht das Klingeln des Telefons unsanft meine süßen Träume von Ruhm, Reichtum und Weltherrschaft. Widerwillig nehme ich den Anruf entgegen, spucke eine Begrüßung aus und lasse die Lebensform am anderen Ende sich identifizieren.

Noch bevor ich nach ihrem Lebensberechtigungsnachweis fragen kann, plappert das Individuum los und schildert mir ihr Problem. Gezwungenermaßen beginnen die Synapsen in meinem Gehirn die Erinnerungen an den soeben unsanft beendeten Traum zugunsten diverser Lösungsalgorithmen zu verdrängen und gar eine Gewichtung der effizientesten Methode vorzunehmen. Also rate ich dem Kunden, dass die schnellste Lösung über eine komplette Neuinstallation des Produkts zu bewerkstelligen sei, zumal er sowieso nicht stark von der Standardkonfiguration nach Installation abweicht.

Doch dieser Weg erscheint dem Kunden als nicht begehbar, womit ich ihm einen sehr viel aufwändigere Methode nahelege, die er akzeptiert. Noch bevor ich die Chance habe, gegebenenfalls nach daraus resultierenden Diagnosedaten zu fragen, ist die Verbindung bereits getrennt.

Als erfahrener IT-Kämpfer versuche ich gar nicht erst, mich wieder in Morpheus Arme zu begeben, sondern lasse mir vom sprachgesteuerten Kaffeeautomaten Marke Azubi einen großen Pott eines stark koffeeinhaltigen Heißgetränks bringen. Noch bevor der erste herzhafte Schluck den Magen erreicht hat und richtig seine Wirkung entfalten kann, zeigt mir das penetrante Klingeln meines Telefons an, dass die unerwünschte Lebensform von gerade eben mich wieder belästigen möchte. Einen zweiten herzhaften Schluck später nervt mich das Geklingel derartig, dass ich den Anruf erwidere.

Das ausgeführte Herangehen brachte keine Besserung, also bitte ich um Logfiles, um mir das Ganze genauer anzusehen und einen neuen Lösungsansatz auszuarbeiten. Da höre ich von der anderen Seite der galvanischen Sprachübermittlungseinheit:

Ihre Ansätze dauern mir jetzt viel zu lange. Ich glaube, ich installiere das alles besser neu. Das wird wohl schneller gehen.

Und das ist just der Moment, in dem ich mich immer wieder frage, ob ich nur mit mir selbst rede und der Kunde einfach nur ein „angenehmes Grundrauschen“ am anderen Ende der Leitung wahrnimmt, welches er als Stimulanz seines vegetativen Nervensystems benötigt.

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Kommentare
  1. cyberjoker sagt:

    Ui, da ist wohl jemand wegen des weckens etwas angepisst? ;-)
    Aber trotzdem gut geschrieben, Inhalt sowie Stimmung kommen gut rüber!

  2. Wopper sagt:

    Ich sach ja immer wieder: Büroschlaf ist durch nichts zu ersetzen als durch noch mehr Büroschlaf ;-)

  3. @cyberjoker

    Aber hallo! Niemand weckt mich montags ungestraft. ;)

    @Wopper
    Feierabend ist eine sehr gute Alternative. :D

  4. „Als erfahrener IT-Kämpfer versuche ich gar nicht erst, mich wieder in Morpheus Arme zu begeben, sondern lasse mir vom sprachgesteuerten Kaffeeautomaten Marke Azubi einen großen Pott eines stark koffeeinhaltigen Heißgetränks bringen.“ – das ist eine Möglichkeit schneller wieder munter zu werden. ;) Besonders wenn der sprachgesteuerte Kaffeeautomat stumm bleibt. ;)

    Ja manche Kunden haben es wirklich in sich. – Gut, dass es diesen Blog gibt, bei dem du deinen Frust von der Seele schreiben kannst, lieber Maskierter.

    Viele herzliche Grüße

    Andrea

  5. @rosenyland1984

    Die Kunden haben eher Glück, dass ich mich hier noch abreagieren kann. Wehe es kommt der Tag, wo das nicht mehr funktioniert. ;)