Wenn die Kirsche blüht

Veröffentlicht: Montag, 23.05.2011 in Erlebnisse

Nachdem ein eher nerviges Ereignis mich an die alljährliche Kirschblütenfeier in Elmering-Sußen bei Bad Drecksweiher erinnerte, überlegte ich, ob ich dieses heitere Ereignis nicht wieder mit meiner Anwesenheit bereichern sollte, zumal sich auch noch Stefan Grenz nebst seiner bezaubernden Gattin angekündigt hatten.

Nun erhebe ich ja höchste Ansprüche an die Geheimhaltung meiner Identität, doch die Neugier sollte dem Wunsch nach Anonymität unterliegen. So bügelte ich meine feinste Ausgehmaske und vereinbarte mit meinem Kunden Thomas Schmiedenkötter-Erlenscheidt in Bad Drecksweiher einen Termin, um das Heitere mit dem Geschäftlichen zu verbinden. Oder anders ausgedrückt, um meine Reisekosten klein zu halten und den zu erwartenden Absturz als Geschäftskosten ansetzen zu… also nur die Möglichkeit zu haben, sowas Unlauteres würde ich natürlich niemals tun. Ganz bestimmt!

Darüber hinaus erfolgte ein reger Email-Verkehr mit Stefan und ich besorgte mir sogar extra ein Prepaid-Handy, um mit ihm auch gefahrlos in den fernmündlichen Kontakt treten zu können.

Es nahte der Tag, an dem im besten Hotel von Bad Drecksweiher meine Ankunft annonciert war. Der Gasthof „Zum ausreißenden Wandersmann“ ist nun nicht gerade die Art von Hotellerie, in der ich für gewöhnlich zu logieren pflege, doch lässt die erstklassige Verpflegung mit Fleisch aus eigener Schlachtung so manchen Mangel an Luxus vergessen. Während der Termin mit Thomas, dem ich übrigens das Wissen um die Existenz des Elmering-Sußener Großereignis der Kirschblütenfeier zu verdanken habe, wie erwartet schnell und beschwerdefrei über die Bühne bringen konnte, nahte der Abend und das epochale Aufeinandertreffen eines maskierten Bloggers und einer handverlesenen Auswahl seiner unmaskierten Stammleser.

Zurück in meinem Hotelzimmer wechselte ich die Businesskasper-Verkleidung gegen Jeans, Hemd, schnappte Ausgehmaske und machte mich mit Hilfe der lokalen Droschkenbetriebe auf zum vereinbarten Treffpunkt. Im Taxi sollte ich die erste Lektion des Tages lernen, nämlich den Taxifahrer vorzuwarnen, wenn ich mir plötzlich eine Sturmhaube überziehen will. So im Nachgang kann ich verstehen, dass er nur mit Müh und Not zu überzeugen war, doch nicht die Rennleitung zu rufen, wenn ein Typ, der mit Sonnenbrille und Baseballkappe in sein Taxi zugestiegen ist, dazu noch im Fond, plötzlich eine Sturmhaube überstreift. Insofern sah ich dem guten Mann nach, dass er nachdem ich die Rechnung mit einem üppigen Trinkgeld beglichen und das Taxi verlassen hatte, mit quietschenden Reifen das Weite suchte.

Trotz meiner Unachtsamkeit schaffe ich es am vereinbarten Treffpunkt, dem Brunnen am Marktplatz von Elmering-Sußen, anzukommen, ohne von der Trachtengruppe Grün-Weiß einkassiert zu werden. Mit der frisch gemachten Erfahrung im Gepäck, konnte der restliche Abend nur noch heiter werden. Ich ließ mich auf dem Rand des Brunnens nieder und sonnte mich in den irritierten Blicken der Passanten, die mein – sagen wir mal – unorthodoxes Outfit bewunderten. Es verging einige Zeit und ich fragte mich schon, ob ich von Stefan und Steffi versetzt worden war, als plötzlich meine Hosentasche vibrierte. Das Maskenhandy signalisierte mir Stefans Wunsch mit mir zu reden und ich kam diesem entgegen.

Es stellte sich heraus, dass dieses überregionale Großereignis derart viele Menschen anlockte, dass die ansonsten viel zu üppig bemessene Anzahl von 250 öffentlichen Parkplätzen in ganz Elmering-Sußen restlos belegt waren. Die nächstbeste Parkgelegenheit befand sich ein paar fußläufige Minuten vom Marktplatz entfernt. So harrte ich der Dinge, die da bald kommen würden und stellte langsam fest, dass es unter meiner Kombination aus Basecap, Sturmhaube und Sonnenbrille bei 28°C Außentemperatur doch reichlich warm wurde. Meine Kehle teilte mir daher auch schon unumwunden mit, dass ich mir ihrer grenzenlosen Liebe versichert sein dürfte, wenn ich sie alsbald mit einem Hopfenblüteneistee kühlen würde.

Umso erfreuter war ich, als ich dann schließlich nach schier endlos verschwitzten Minuten zwei mir unbekannte, aber dennoch durch Fotos vertrauten Silhouetten ausmachen konnte. So lief ich den Beiden leichten Fußes entgegen und ich könnte schwören, dass ich aus den Augenwinkel vernehmen konnte, wie bereits einige Passanten auf der anderen Straßenseite zum Handy griffen. Da ich jedoch weder einen eindeutigen Raubangriff noch eine Mordattacke auf die beiden startete, blieb auch der Großeinsatz des SEK aus. Dennoch war der leicht irritierte Blick der Beiden einen Schmunzler wert, denn ich hatte zwar angekündigt, dass ich auch meinem Künstlernamen alle Ehre erweisen würde, aber dass ich wohl in Sturmhaube auftauche, das hatten sie mir nicht zugetraut.

Die Begrüßung verlief trotzdem sehr herzlich und mein Vorschlag, schnellstmöglich gekühlten Gerstensaft zu konsumieren, wurde begeistert aufgenommen. Der kleine Fußmarsch über den Markt durch den angrenzenden kleinen Park zum Epizentrum der hiesigen Kulturereignisse, der von japanischen Kirschbäumen gesäumten Festwiese, war schnell überwunden. Auf dem Weg einigten wir uns, dumme Fragen bezüglich meines Auftretens mit „seltener Hautkrankheit“ im Keim zu ersticken.

Auf der Festwiese präsentierte sich uns das übliche Sammelsurrium an Schlemmer- und Absturzbuden, Fahrgeschäften und Nippesständen. Dazu gab es noch ein Festzelt, das die üblichen massenkompatiblen Partykracher von einem halbtalentierten DJ ertönen lies und als Besonderheit mit einer Cocktailbar lockte.

Unser erstes Ziel galt einer urigen Bude im Blockhüttenstil mit überdachter Sitzgelegenheit, Fleisch vom Schwenkgrill und kühlem Pils vom Fass. Wir ließen uns auf einer Bank nahe der Theke nieder, um die Nachschubwege kurz zu halten und sorgten erstmal dafür, dass die drohende Dehydration gestoppt wurde. Während die Künste der seit tausenden von Jahren perfektionierten Braukunst die lodernde Flamme in unseren Kehlen genussvoll löschte, ergaben wir uns der gepflegten Konversation. So redeten wir über dies, das und vergaßen natürlich auch nicht jenes. Während wir von der Sinnhaftigkeit des Einen sprachen, übereinstimmten wir in der Sinnlosigkeit des Anderen. Kurz und gut, die Themen gingen uns nicht aus, das Bier ebenfalls nicht. Zwischenzeitlich verirrte sich auch noch leckeres Fleisch vom Grill in unsere Münder.

So langsam wurde es Zeit, dass Steffi und Stefan ausmachten, wer die ehrenhafte Aufgabe hatte, für den sicheren Transfer zurück zu unseren Betten am Schluss zu sorgen. Meinem unwiderstehlichen Blick durch die verspiegelte Sonnenbrille war es auch zu verdanken, dass Steffi von uns überredet werden konnte, die Rolle des Transitbeauftragten zu übernehmen. Spötter würden jetzt behaupten, wir hätten sie eiskalt zur Fahrerin verdonnert. Wie gut, dass es hier keine Spötter gibt.

Da Steffi aber noch einen Cocktail genießen wollte, bevor sie auf leckere Säfte und dergleichen umstieg, während Stefan und ich uns mit ethanolhaltigen Erfrischungsgetränken über Wasser halten mussten, verlagerten wir uns ins Festzelt. Drei Cuba Libre später beschlossen wir, dass wir noch nicht bereit für die schlechtesten Schlager des vergangenen Jahrtausends waren und somit erstmal eine Runde über die Festwiese drehen mussten. Um das ganze erfrischender zu gestalten, schlug ich vor, dass wir an jedem Bierstand stoppten und erstmal ein kühles Bier genießen. Stefan ließ sich von meiner Idee auch sofort begeistern, Steffi hingegen rollte nur mit den Augen.

Mit steigendem Biergenuss wurden mir auch die stetigen doofen Blicke ob meiner Maske gleichgültig. Dafür wurde sie mir doch immer unangenehmer, da ich drunter schwitzte wie ein Rostbraten auf dem Grill. Aber was tut man nicht alles zum Identitätsschutz?

Nachdem wir schließlich alle Attraktionen des Kirschblütenfests sondiert hatten – und vor allem bereits reichlich angetrunken waren – ging es erstmal wieder zurück zum Festzelt. Soviel Bewegung und Bier macht schließlich durstig. Und was löscht den Durst besser als ein Eistee? Natürlich nach Long Island-Art. Steffi wurde mit einem bleifreien Cocktail versorgt, den man am besten mit Südseefrüchteexplosion bezeichnen könnte. Was diesem an Alkohol fehlte, machte er durch Zucker wieder wett.

Da bekommt ja ein Diabetiker bereits beim Anblick einen Zuckerschock.

Dies äußerte ich, aber erntete nur ein verständnisloses Schulterzucken von Steffi.

Die Dämmerung brach herein, die Gläser leerten und füllten sich immer wieder und Stefan hatte auf einmal die fixe Idee, jetzt unbedingt Autoscooter fahren zu müssen. Ich war sofort begeistert, während Steffi etwas irritiert, aber sichtlich belustigt in die Runde blickte. So stolperten Stefan und ich, inzwischen reichlich weit entfernt von diesem unseligen Gemütszustand, der sich nüchtern nennt, gen Autoscooter, während Steffi uns folgte.

An der Kasse angekommen besorgte ich für jeden Chips für 20 Runden und unversehens fanden wir uns im Highlight einer jeden Kirmes unserer Jugend – lang ist’s her – wieder.

Um es kurz zu sagen, besoffen Autoscooter im Dauerloop fahren ist ein riesen Spaß. Besonders, wenn man im Vergleich zum restlichen Publikum entweder maskiert oder/und zwei Jahrzehnte jenseits des Durchschnittsalters ist. Doch  folgt an dieser Stelle ein Warnhinweis, den es zu beherzigen gilt: Wenn man hackenlattenstramm, den Magen gut gefüllt mit Fleisch und Alkoholika, 20 Runden Autoscooter fährt, sollte man sich wirklich sicher sein, dass der Magen dies verträgt, man kerngesund ist und somit nicht Gefahr läuft, sich auf einmal Bröckchen in die Maske zu lachen. Zumindest war ich am Ende kurz davor. Und ich glaube auch Stefan hatte seine liebe Not, seinem Motto „Spuckfrei seit Null-Drei“ zu folgen.

Doch ein wenig Übelkeit ist kein Grund, dem Genuss zu entsagen. Getreu dem Motto „Bekämpfe gleiches mit gleichem“, ging es also wieder zurück ins Festzelt ein paar weitere Diabetiker töten bzw. Cuba Libre vernichten. Der DJ hatte inzwischen auch mal die Playlist mit der guten Musik gefunden oder wir waren einfach inzwischen anspruchslos genug, jedenfalls war die Stimmung gut. Das Gespräch lief, die Cocktails ebenfalls und die Zeit verstrich wie im Flug.

Die Geisterstunde war schon lange verstrichen, als Steffi uns das freundliche Angebot unterbreitete, mit ihr die Heimreise antreten zu können. Wir lamentierten auch nur kurz, wie schön es doch sei, wieviel Rum und Cola noch zu vernichten wäre und dass wir so jung nicht mehr zusammenkommen würden. Doch wie jeder Mann weiß, Frauen haben eine äußert charmante und liebenswerte Art, wie sie ihren Vorschlägen Geltung verschaffen können.

Wir schnappten uns noch eine Flasche Bier für den weiten Marsch zum Auto und machten uns auf den Weg. Stefan und ich nutzten diese Gelegenheit auch gleich, um daraus eine sportliche Einlage zu machen, indem wir stets von links nach rechts und wieder zurück gingen und somit den doppelten Weg zurück legten. Steffi war begeistert von unserer sportiven Einlage, jedenfalls kommentierte sie diese mit einem breiten Grinsen mit:

Da habt ihr es euch heute aber gegeben.

Nach gefühlten 2.000 km Fußweg erreichten wir schließlich ihren Wagen und stiegen auch ohne größere Blessuren – mir sprang dummerweise beim Einsteigen die Kante des Dachrahmens gegen die Schläfe – ein.

Die Fahrt verlief fröhlich scherzend und den Abend rekapitulierend, bis wir schließlich in Bad Drecksweiher vor meinem Hotel ankamen. Steffi wendete den Wagen, fuhr rechts ran, wir verabschiedeten uns überschwänglich und dann stieg ich aus. Ich sah den beiden noch winkend nach, bis die Rücklichter ihres Autos in der Nacht verschwanden, sprich bis sie auf die Hauptstraße abbogen.

Zügig überquerte ich die Straße: Zwei Schritt vor, einer nach hinten. Eine etwa kniehohe Hecke trennte den Parkplatz vorm Gasthof vom Gehweg. Es bot sich also an, den Weg abzukürzen und elegant sprang ich ab. Alles lief in bester Actionfilm-Manier, bis mein linker Fuß meinte, er müsse sich – wahrscheinlich aufgrund von Höhenangst – an der Hecke festhalten. Die darauf folgenden hochgradig unkoordinierten Bewegungsabläufe konnten natürlich Schlimmeres nicht verhindern. Als die Schmerzen nachließen, rappelte ich mich auf – immerhin jetzt auf der anderen Seite der Hecke angekommen – und war heilfroh, die Maske immer noch zu tragen. Ansonsten hätte ich bei der unsanften Bekanntschaft mit dem Boden wohl ein paar Schürfwunden wie an den Armen und Händen abbekommen.

Nachdem ich meine Kappe und Sonnenbrille aufgesammelt hatte, humpelte ich zum Eingang, schaffte es sogar bereits beim 5. Anlauf das Schloss zu öffnen und ohne weitere Zwischenfälle mein Zimmer zu erreichen, die Klamotten in die Ecke zu pfeffern und mich in Morpheus Arme zu begeben.

Was für ein Kirschblütenfest!

(Und was für ein Kater am nächsten Tag!)

Auch Stefan und Steffi berichten über dieses epochale Ereignis:

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Kommentare
  1. […] Die Idee zu unseren beiden Einträgen über das Kirschblütenfest stammen vom unnachahmlichen Maskie… […]

  2. […] dieser Aufruf geht an alle Leser: Lest bitte den Beitrag über das Kirschblütenfest vom Maskierten! Dann fängt Eure Woche ebenfalls mit etwas wirklich gut und witzig geschriebenen an. Und die Woche […]

  3. *lach* Die Schilderung des Kirschblütenfestes finde ich lustig, wenngleich ich selbst eher kein Freund von Festen – egal unter welchem Motto sie stattfinden – bin.

    Auch wenn der Eintrag schon etwas älter ist – gefällt er mir sehr gut.

    Viele liebe Grüße

    Andrea

  4. @rosenyland1984

    Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Und mit den richtigen Leuten sind sie unglaublich toll.

  5. Dazu braucht es – bei mir – doch kein Kirschblüten – oder sonstiges Fest. Im kleinen Kreis kann es auch manchmal sehr lustig sein z.b. bei einer Runde Karten spielen.

    In puncto „richtige Leute“ gebe ich dir Recht . Mit den richtigen Leuten geht alles leichter.

    Ein schönes Wochenende wünscht dir herzlichst

    Andrea

  6. @rosenyland1984

    Hey, das hier ist ein kleiner Kreis. Zwei frisch vermählte und ein verrückter Maskenträger. Wenn man dann noch das Shakespear’schen Zitat „Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frau’n und Männer bloße Spieler.“ bedenkt, dann war der Rest das Publikum.

    *Regieanweisung: Der Maskierte tritt von der Bühne mit einer Verbeugung ab*

  7. @Maskierter-Maskenmann (nicht Massakrierter äh Maskierter Magier, das ist jemand anders ;) )

    Ich versteh‘ eines jedoch nicht ganz: Bist du einer der Frischvermählten oder Zuschauer ?

    *Regieanweisung: Die neugierige Blogleserin begibt sich zur Ruhe und wünscht dem Maskenmann eine gute nacht*

  8. @rosenyland1984

    Ich bin bloßer Spieler. Maskierter Spieler. Unvermählter maskierter Spieler. Aber Stefan und Steffi teilen sich nicht nur die Herkunft ihres Namens.

    *Regieanweisung: Tasse Kaffee leertrinken und freundlich mit der Maske nicken*

  9. […] Einblicke in das Leben Stefans und seiner bezaubernden Gattin Steffi, mit denen ich letztes Jahr das historische Kirschblütenfest bei Bad Drecksweiher erleben […]