Lieber Kunde

Veröffentlicht: Montag, 18.07.2011 in Gedanken

Lieber Kunde,

es freut mich, dass Du die Entscheidung getroffen hast und mir Deine Lösungen in die Hände legst, sodass ich sie zu Deinen Problemen verwandeln kann. Oder andersrum. Denn ich will nur Dein Bestes und dafür bin ich überraschenderweise auch bereit das zu tun, was ich behaupte: Dir zu helfen. Ich tue dabei sogar so, als sei ich Dein untertänigster Diener. Du wirst wirklich allergrößte Mühe haben zu erkennen, dass das nur geheuchelt ist, denn das ist fest im Preis meiner Dienerleistung Dienstleistung drin.

Dennoch gibt es ein paar Punkte, über die wir beide reden müssen, weil da immer wieder Missverständnisse auftauchen:

  1. Bevor ich die 10-stündige Reise zu Dir angetreten bin, habe ich mit Dir telefoniert um abzuklären, ob all die Dinge, die in der Email vor 3 Wochen und in der Erinnerungsmail vor 2 Wochen und in der Mail mit dem Betreff „Anforderungen für Vor-Ort-Termin ($Datum_des_Termins)“ vor einer Woche drin standen auch wirklich bereitstehen. Und ob deine Frau jederzeit ein Kind erwartet oder der $Geschäftsführer auch an dem Datum anwesend ist, weil er eine Entscheidung treffen muss, war auch nicht aus purer Langeweile gefragt. Du hast mir dies alles am Telefon bestätigt, dass es bereit steht, niemand niederkommt und Dein Geschäftsführer bereits an den Heizkörper im Konferenzraum gefesselt ist. Daher reagiere künftig bitte nicht mit Unverständnis, wenn ich dann feststellen muss, dass gar nichts davon zutrifft und ich Dir dennoch meine Zeit und die Reisekosten voll in Rechnung stelle. Mir Boshaftigkeit, Abzockerei und das Fressen kleiner Kinder vorzuwerfen wird mich sicherlich auch nicht umstimmen. Aber es könnte dazu führen, dass ich Dir dennoch die zum Glück stornierbare Folgenacht im Hotel in Rechnung stelle, was ich ansonsten nicht getan hätte. Und ja, ich darf das, denn Du hast einen Vertrag unterschrieben, in dem genau das so vereinbart ist. Das Wort Kulanz steht übrigens für guten Willen von meiner Seite und den zeige ich nur, wenn Du mich dazu positiv animierst.
  2. Nachdem Du mein Angebot um den „ganzen unnötigen Blödsinn“ zusammengestrichen hast, unter anderem den Punkt „Pauschale: Anpassungen an Fremdsystemen“, und mich dann bittest, doch „mal eben“ noch das andere System anzupassen, weil Du es nicht kannst und Dein anderer Dienstleister alleine fürs Anrücken soviel verlangt, wie bei mir unterm Strich hängen bleibt, wundere Dich bloß nicht, dass die abschließende Rechnung deutlich höher wird, als im finalen Angebot. Denn auf dem Wisch, den ich Dich gebeten habe vorher zu unterschreiben, und wo ich Dich darauf hinwies, dass das jetzt extra kosten wird, standen auch die Sätze für diese Arbeit. Und ja, das ist am Ende teuerer als die Pauschale, denn jetzt mache ich diese Arbeit. Ansonsten hätte ich meinen Azubi im 1. Lehrjahr mitgenommen und der ist doch etwas günstiger als ich.
  3. Auch wenn Du unser Angebot ohne Wenn und Aber akzeptiert hast und ich schneller fertig wurde als geplant, kann es durchaus sein, dass ich ein „Kannst Du dann mal eben noch…?“ verneinen muss. Das ist keine Boshaftigkeit von mir, sondern ich bin Spezialist – ja, wirklich – und mache das tagtäglich und weiß daher, dass das nicht „mal eben“ erledigt ist. Doch weil Du mich den ganzen Tag mit leckeren Süßigkeiten versorgt, mir deine überaus hübsche Tochter zur Heirat angeboten und meine Sammlung schmutziger Witze um ein halbes Dutzend wirklicher Kracher erweitert hast, werde ich bei der abschließenden Rechnung auch nur die Zeit berechnen, die ich tatsächlich benötigt habe.
  4. Wo wir bei deiner Tochter sind: Wir haben eine Geschäftsbeziehung. Und die basiert vor allem darauf, dass Du mir Dein Bestes gibst und ich dafür Dinge tue, die Du alleine nicht hinbekommst. Und auch wenn ich mal einen Witz mache und wir gemeinsam an dem Tag Bauchschmerzen vor Lachen hatten, wirst Du meine private Handynummer nicht bekommen. Auch nicht nach dem wiederholten Nachfragen. Wenn Du mit mir in Kontakt bleiben willst, dann hast Du meine Geschäftsnummer.
  5. Übrigens, wenn ich Heiligabend bei Dir auf der Matte stehe, weil Du meinen Rat nach Redundanz und Sicherheit seit Jahren in den Wind geschlagen hast, weil das zu teuer sei, dann wundere Dich nicht, dass auf der Rechnung astronomische Summen stehen, für deren Verständnis Du ein Studium der Mathematik benötigst. Ich hatte Dich gewarnt! Und es heißt Notfall, weil in Deiner Not fallen uns ganz viele schöne Dinge ein, für die wir die Hand aufhalten. Und mich an dem Tag von meinem Braten fernzuhalten, das kostet alleine schon meinen Häuptling eine Summe, bei der er ansonsten einen Herzklappenabriss erleiden und den Untergang des Morgenlands ausrufen würde. Es wäre wirklich günstiger gewesen, wenn Du meinem Rat gefolgt wärst. Aber danke für den 6-wöchigen Karibikurlaub. Nach dem Termin kann ich Sonne gebrauchen.
  6. Nicht nur Sokrates wusste, dass er in Wirklichkeit nichts weiß. Auch ich bin mir bewusst, dass ich trotz meiner jahrelangen Erfahrung nicht alles können und wissen kann. Mich als Dilettant zu bezeichnen, weil ich Dir das offen und ehrlich gestehe und lieber kurz mit meinem Kollegen telefoniere, von dem ich weiß, dass er in Deiner speziellen Frage mehr Fachwissen besitzt als ich, ist daher nicht angebracht. Denn mir kann es egal sein, wenn etwas nicht funktioniert, dann mache ich halt früher Feierabend. Und daher beantworte ich die Anrufe meiner Kollegen auch, wenn ich bei Dir bin, nachdem ich Dich vorher höflich um Entschuldigung für die kurze Unterbrechung gebeten habe. Nur weil Du nicht mit Deinen Kollegen redest und ihren fachlichen Rat zu schätzen weißt, muss das nicht für die Indianer meines Stammes gelten.
  7. Da ich leider noch nicht allwissend bin und meine Kristallkugel leider noch in der Werkstatt zur Reparatur ist, finde Dich bitte mit der Erklärung, dass ich es nicht erklären kann, ab. Zumal Du ja behauptest nichts verändert zu haben und der Stromausfall gestern ja unmöglich die Ursache dafür sein kann, auch wenn die Logs das hartnäckig behaupten.
  8. Wenn Du der Meinung bist, dass Du es besser weißt als ich und ich sowieso ein überbezahlter Stümper bin, dann frage ich mich, warum hast Du mich für teueres Geld bestellt?
  9. Wenn ich Dir versuche was zu erklären, Du mich dabei ständig unterbrichst und Dich hinterher beschwerst, ich würde ja „einfach machen was ich will“, dann könnte es sein, dass ich Dich nicht mehr ernst nehme und Deine künftigen Anliegen weniger wichtig priorisiere. Aber sei Dir versichert, ich melde mich spätestens, wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen. Vielleicht etwas später.
  10. Wenn Du Dich eine Minute vor meinem Feierabend mit etwas meldest, das mindestens ebenso wichtig wie ein von der Gravitation in Bewegung versetzter Sack Reis in China ist, aber aufgrund deiner ärztlich attestierten totalen Merkbefreitheit weitere 45 Minuten meines Lebens  einfordert, dann wundere Dich nicht, wenn du künftig große Probleme hast, mich eine Stunde vor Feierabend zu sprechen. Insbesondere dann nicht, wenn du anmerkst, dass dieses Anliegen bereits seit zwei Tagen besteht, aber Du darauf bestehst, dass ich jetzt gleich zu einer Lösung finden muss.
  11. Du bist natürlich nicht verpflichtet mir nach acht Stunden auf der Autobahn etwas zu Trinken anzubieten oder mich gar zum Mittagessen einzuladen, aber ich bin dann auch nicht verpflichtet Deine schlechte Kinderstube mit außergewöhnlichem Einsatz zu belohnen.
  12. Wenn Du mit mir ebenso höflich und freundlich umgehst, wie ich mit Dir, und Du mir auch mal entgegen kommst, dann wirst Du Dich wundern, wie unkompliziert die Dinge sein können, dass ich sämtliche „kleinen Amtswege“ kenne und auch mal Fünf gerade sein lassen kann, wenn Du mal ein Anliegen hast, das mich eigentlich nicht betrifft. Sagst Du dann noch, dass ich ruhig machen soll, auch wenn es vielleicht zwei Euro mehr kostet, dann wirst Du Dich wundern wie wichtig mir deine Zufriedenheit mit meiner Arbeit ist und ich wirklich erst aufhöre, wenn Du mit der Lösung zufrieden bist.

Nachdem wir das nun geklärt haben, freue ich mich schon auf die produktive Zusammenarbeit mit Dir.

In diesem Sinne mit den allerbesten Grüßen

Der Maskierte

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Kommentare
  1. stefangrenz sagt:

    Oh man, ich kann nicht ausschließen, dass es bei uns genau diese Spezialisten gibt, die einem IT-ler das Leben zur Hölle machen würden. Nein, mir fallen sogar gleich zwei ein.
    Solltest Du also mal mit unserer Firma zu tun bekommen, dann melde Dich vorher bei mir. ;-)

  2. Dennis sagt:

    Irgendwoher kenne ich das.
    Das ist wohl bei jedem IT-Dienstleister und Kunde das Gleiche.

  3. @stefangrenz

    Wenn deine Firma mal mich beauftragt, schicke ich einen meiner Azubis. :D

    @Dennis

    Ja, die Kunden sind alle relativ gleich. Aber deswegen können wir ja alle so traurig über solche Geschichten mitlachen. Aber zu Ihrer Ehrenverteidigung, die meisten meiner Kunden sind absolut in Ordnung und es macht wirklich Spaß mit ihnen zusammenzuarbeiten.

  4. Thilo sagt:

    Und nicht nur bei IT-Dienstleistern ist das so, viele der Punkte könnte ich in ähnlicher Form unseren Kunden in der Spedition auch um die Ohren hauen.

  5. @Thilo

    Kunde ist eben ein Universalschimpfwort im Dienstleistungsbereich, nicht wahr?

  6. Heike sagt:

    Hallo Maskierter,

    das ist nicht nur im IT-Bereich so … wir haben ein Heizungsbauunternehmen und Du hast es eben geschafft (nachdem ein Kunde uns mal wieder geschafft hat, der einen bereits erteilten Auftrag stornierte, weil wir aus Auslastungsgründen nicht in der Lage waren, eine unbedeutende Kleinigkeit noch vor dem bereits vereinbarten Termin zu erledigen, sondern diese am Termin mit erledigen wollten), den Ärger über das Verhalten (und den Ton) dieses Kunden durch diesen wunderbaren Artikel verfliegen zu lassen und ein fettes Grinsen in’s Gesicht zu zaubern.

    Danke dafür!

  7. Die Sekretöse sagt:

    Ich frag mich auch des öfteren, wie unsere IT-ler das bloss mit meiner Regierung aushalten. Sooft hab ich den kurzen Rock und die Schokokekse nicht dabei;-))

  8. @Heike

    Freut mich immer wieder, wenn mein Frust anderen den Tag verschönern kann. Heute war auch wieder so ein Tag.

    @Die Sekretöse

    Aber du hast bestimmt immer ein charmantes Lächeln und vielleicht sogar ein paar liebe Worte für die IT-Kämpfer übrig. Das reicht uns oftmals schon. Wir sind sehr genügsame Menschen, zwangsweise.

  9. idriel sagt:

    Ja….*les* …Ja.*les*…richtig…….*les*

    Stimmt alles! ^_^

  10. @idriel

    Natürlich stimmt das. :)