Vorbereitung

Veröffentlicht: Donnerstag, 11.08.2011 in Kunden

Die Sonne brannte heiß herunter, doch zum Glück versorgte mich ein Schirm mit etwas schützendem Schatten und ein sanfter Windhauch streichelte die Schweißperlen von meinem Körper. Während die Wellen des stahlblauen Meeres sanft über den kristallweißen Sandstrand ausrollten, nahte eine Schönheit mit einem Körper, so heiß wie in meinen schärfsten Träumen, bekleidet mit einem knappen Nichts von Bikini, mit einem kühlenden White Russian in der Hand. Lächelnd übergab sie mir schließlich diesen köstlichen Nektar und wieß mich drauf hin, dass es wieder Zeit wäre, mich einzucremen.

Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinem Traum. Auch mein Kollege, der sich in meinem Büro zu einem wichtigen Meeting zum Thema „Büroschlaf – der Gesündeste von allen?“ eingefunden hatte, schreckte unsanft hoch. Seinem verknautschten Gesichtsausdruck nach, musste er sich nicht unweit von mir, aber dennoch außer Sichtweite, auf dem selben Strand befunden haben. Vermutlich mit einem Long Island Ice Tea, wie ich den Herren kenne.

Mit einer unwirschen Handbewegung streifte ich mir mein Headset über und nahm das Gespräch an. Noch bevor ich sämtliche meiner satanischen Verfluchungen ausstoßen konnte, trötete mir Herr Paul-Ludwig Anlos entgegen.

Es gibt exakt drei Arten von Kunden. Die erste Art von Kunde ist die, die man wirklich sehr zu schätzen weiß und denen man es nicht krumm nimmt, wenn sie einen der schönsten Träume der letzten Wochen unterbrechen. Sie werden sich bei passender Gelegenheit dafür revanchieren. Die zweite Art ist die Art von Kunde, die es geschafft hat, eine Kundennummer zu ergattern und dabei nicht großartig aufzufallen. Man fühlt sich von ihnen in seinen Tagträumen gestört, aber akzeptiert diesen Umstand und hofft einfach, dass man schnell wieder entlassen ist und die Erinnerung an sie ebenso schnell verblasst, wie der Traum, aus dem sie einen rissen.

Und dann gibt es noch die Kategorie zu der eindeutig Paul-Ludwig gehört. Diese Kunden könnten 200-stellige Telefonnummern haben, man bräuchte nur eine beliebige Sequenz von 4 Stellen aus dieser Nummer erspähen, um sofort zu wissen, um wen es sich handelt.  Bei dieser Art bietet selbst Mutterliebe keine ausreichende Erklärung für ihre Existenz. Lässt man ihren Namen fallen, so kehrt sofort eisiges Schweigen in jegliches Gespräch. Alternativ auch mitleidige Blicke und das Angebot starker Alkoholika und Beruhigungsmittel. Mit anderen Worten Kunden, bei denen man sich fragt, warum man eigentlich heute nicht beim Zahnarzt sitzt und sich ohne Betäubung einer Wurzelbehandlung unterziehen lässt.

Es war zu spät zu meinem Zahnarzt zu eilen und ihm den nächsten Porsche zu finanzieren. Ich drehte das Telefon so zu meinem Kollegen, dass er das Display mit der Rufnummer lesen konnte. Schlagartig wechselte sein verschlafener „Was bin, wer bin ich und vor allem, warum bin ich?“-Gesichtsausdruck in Entsetzen und er verschwandt binnen des Augenblicks eines Blinzlers aus meinem Büro. Von ihm war also auch keine Hilfe zu erwarten.

Bruchteile von Sekunden später konnte ich aus dem Augenwinkel erkennen, wie ein Kollege nach dem anderen, ja sogar die Azubis unter Aufgabe ihrer körperlichen Unversehrtheit, im hausinternen Messenger offline gingen und ihre Telefone abmeldeten. Die Nachricht machte schneller als ein Lauffeuer die Runde. Keine Chance also, den schwarzen Peter an jemand anderen loszuwerden.

Dem Rauschen auf meinem Ohr konnte ich entnehmen, dass einer unserer Vertriebler so unvorsichtig war, und eine Bestellung von ihm bearbeitet hatte. Dies hatte zur Konsequenz, dass er eine neue Software in den Händen hielt, die er noch nicht kannte. Während ich beim Blick in unsere Warenwirtschaft feststellen musste, dass unser Vertriebler leider so klug war seine Spuren zu verwischen, weil er den nahenden, langsamen und schmerzvollen Tod kommen sah, dem ich ihn bereiten würde, sollte ich ihn jemals ausfindig machen, teilte mir Paul-Ludwig mit, dass er – oh Wunder! – von der Software überfordert wäre und meine Hilfe benötige. Ehrlich gesagt überfordert den guten Herrn Ahnlos alles, was über „Einatmen, Ausatmen und dann wieder von vorne“ hinausgeht.

So leierte er eine Kladde von Fragen herunter, die nicht nur Wikipedia, nein sogar ein Kindergartenkind, dem man den Anschaltknopf an einem Computer gezeigt hat, beantworten konnte. Für ein Kindergartenkind geeignet waren auch meine Antworten. Doch selbst das überstieg Paul-Ludwigs Auffassungsvermögen oder gar – nicht vorhandendes – Fachwissen.

Erklären Sie mir das nicht immer in Ihrem Fachlatein!

So heischte er mich an, da ich die englischen Begriffe, die genau so in der Software wiederzufinden waren, verwendete. Eine Eindeutschung hätte natürlich auch nichts gebracht, da die Transferleistung ins Englische unmöglich von Paul-Ludwig gestemmt worden wäre. Eine entsicherte Handgranate ist einfacher zu handhaben.

Mit jeder Sekunde meiner Erklärungsversuche wurde er ungeduldiger und unfreundlicher, so dass selbst das gute, alte HB-Männchen noch vor Genuss eines lungenkarzinomfördernden namensgebenden Räucherstäbchen als außerordentlicher Ruhepol durchgegangen wäre. Ich hätte ehrlich gesagt in diesen Momenten lieber eine Atombombe – ohne jegliches Fachwissen in diesem Bereich zu besitzen, nichtmal Halbwissen – entschärft.

Als ich es schließlich nach gefühlten tausend Ewigkeiten geschafft hatte, ihn zufriedenzustellen, nachdem selbst sämtliche Amöben genervt das Büro verlassen hatten, verabschiedete er sich mit den Worten:

Sehen Sie, ich habe mich für dieses Thema gut vorbereitet!

Mein auf dem Tisch und dem darauf stehenden Telefon aufschlagender Kopf beendete automatisch das Gespräch. Die Narbe sieht man heute noch.

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Kommentare
  1. „Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinem Traum. Auch mein Kollege, der sich in meinem Büro zu einem wichtigen Meeting zum Thema „Büroschlaf – der Gesündeste von allen?“ eingefunden hatte, schreckte unsanft hoch. Seinem verknautschten Gesichtsausdruck nach, musste er sich nicht unweit von mir, aber dennoch außer Sichtweite, auf dem selben Strand befunden haben. Vermutlich mit einem Long Island Ice Tea, wie ich den Herren kenne.“ ´*loooooooooooooooooooooooool* Also wirklich, wie kann es jemand wagen dich beim „wichtigen Meeting“ zu stören. ;) Der Vergleich mit dem HB Männchen etc. ist einfach lustig.

    VhG

    Andrea

  2. *einen kühlen umschlag rüberreich* Hoffentlich geht es deinem Kopf inzwischen besser.

    VhG

    Andrea

  3. @rosenyland1984

    Ja, dem Kopf geht es wieder gut. Und die Narbe ist inzwischen auch verblasst. Man merkt, dass das Ganze schon etwas her ist. :)

    Trotzdem vielen Dank der Sorge.