In der Ruhe liegt die Kraft

Veröffentlicht: Montag, 14.11.2011 in Kunden

Ein Klingeln meines Telefons mischte sich jäh in die Diskussion mit meinem Kollegen Tobias Eisen, welche Filme zum elementaren Pflichtkulturgut dieser Zeit zu zählen seien. Bei der „Der-Pate“-Triologie, „Pulp Fiction“ und „Einer flog übers Kuckucksnest“ herrschte noch Einigkeit, jedoch standen wir bereits bei „The Dark Knight“ auf unterschiedlichen Standpunkten. Ich brachte mein flammendes Laudatio für „The Dark Knight“ zu Ende, bevor ich mit einem genervten Blick auf mein Telefon Tobi bedeutete, dass seine substanzlosen Gegenargumente noch ein wenig auf ihren Vortrag durch ihn und ihre anschließende Vernichtung durch mich warten müssten.

So kam es, dass sich plötzlich die Telefonnummer von Herbert Eck-Tisch auf meinen Netzhäuten manifestierte. Herbert war seines Zeichens ein langjähriger Kunde des Produkts Brötchenbringer, das im Hause meines Brötchensponsors entwickelt wurde. Würde man ihn mit einem atomaren Unfall vergleichen müssen, so würde er ohne Widerworte als INES-Stufe 7 klassifiziert. Ich streifte mir also mein Headset über und sah einer ganz und gar nicht strahlenden nahen Zukunft für mich entgegen.

IAEO, es spricht Der Maskierte höchstpersönlich. Mit welcher Kettenreaktion darf ich Ihnen dienen?

So oder so ähnlich musste mein Gruß gelauten haben, bevor die Druckwelle der atomaren Explosion mir durch das Telefon die nicht mehr vorhandenen Haare unter der Maske wegföhnte. Nachdem sich die verdampften Moleküle meiner selbst anhand des von mir hinterlassenen atomaren Schattens wieder zu einem Körper materialisiert hatten, vernahm ich, dass Herbert ein Update auf die jüngst erschienene Version von Brötchenbringer durchgeführt hatte und jetzt mit massiven Problemen kämpfte.

Zur schnellen Qualifizierung und Begrenzung der Katastrophe verband ich mich zur Unfallstelle und stelle meine Untersuchungen an, wobei jeder meiner Handlungsschritte zu einer weiteren unkontrollierten nuklearen Reaktion am anderen Ende führte. Nach einer guten Stunde war die Gefahr zwar noch nicht gebannt, aber zumindest hatte ich genug Proben gesammelt, um damit jemand anderem im Hause meines Brötchensponsors den Tag zu versauen. Ich verabschiedete also Herbert mit dem Hinweis, dass die Gelehrten unseres Hauses sich der Sache annehmen würden und ich mich wieder bei ihm in voller Schutzmontur melde, wenn das Kriseninterventionsteam zu einem neuen Lösungsansatz gekommen wäre, da meine Ideen alle erfolglos aufgebraucht waren.

Zwecks Dekontamination marschierte ich zuerst in die Kaffeeküche, um den dort Anwesenden mein Leid zu klagen und sie auf meinen bald eintretenden Strahlentod vorzubereiten. Eine unserer Azubinen dauerte mein Schicksal gar so sehr, dass sie mir etwas von ihrer Schokolade abgab, was zu einem spontanen Heilungsprozess führte. Die Azubine gab mir zur Sicherheit noch etwas von ihrer Wundermedizin ab, während ich mich mit einer dampfenden Tasse eines koffeinhaltigen Heißgetränks bewaffnete. Derart gewappnet marschierte ich in die Hochsicherheitslabors unserer Entwickler und baute mich schnurstracks vor deren Chef Vincent Egetarier auf. Ich stopfte mir das letzte Stück Schokolade in den Mund, nahm einen tiefen Schluck Kaffee aus meiner Tasse und begann:

Vincent, du siehst aber blasser aus als ich mit meiner Strahlenkrankheit. Wenn du dich von deinem nahenden Schwächeanfall erholt hast, dann schau dir mal bitte die Debuglogs auf dem Fileserver an, die ich gerade von unserem alten Freund Eck-Tisch gezogen habe.

Mit letzter Kraft schaffte es Vincent, mich noch bemitleidender anzuschauen, als er bereits aussah und versprach mir, sich darum zu kümmern. Ich überlegte, ob ich derweil etwas Fleisch in seinen Salat im Kühlschrank mischen sollte, so blass wie der Junge war.

Ich begab mich zurück in mein Büro und tat, was ich sonst so tue, wenn ich gerade dem nahen Tod entkommen war: Mit Sabine Feger per Messenger flirten und meine Kollegen in wichtige Diskussionen verwickeln wie Tobi zuvor. Gerade als ich mich in der Fortsetzung der zuvor mit Tobi begonnen Diskussion befand, wir aber schon dank aktivem Meinungsaustausch – er kommt mit seiner Meinung in mein Büro und verlässt es mit meiner – das Thema „The Dark Knight“ abgehandelt hatten, rief sich wieder Herbert Eck-Tisch in mein Gedächtnis. Genauer, Vincent hatte es mit letzter Kraft geschafft, ein paar Radionuklide vor meinen Geigerzähler zu positionieren, denn er rief mich an und bat mich um ein paar weitere Infos, um den Fall genauer untersuchen zu können. Widerwillig versprach ich ihm, seinem Wunsch nachzukommen, jedoch nicht bevor ich nicht meine Unterhaltung mit Tobias beendet hätte.

Der Zeitpunkt nahte, an dem ich mich um meine lästige Pflicht nicht mehr drücken konnte und so schrieb ich Herrn Eck-Tisch eine ausführliche Mail, die beschrieb, welche Daten wir noch benötigten und wie er sie für uns sammeln und bereitstellen könnte. So sparte ich mir eine erneute Strahlendosis durch einen weiteren Anruf.

Am nächsten Tag trafen die Daten auch wunschgemäß ein und Vincent, der immer noch gegen einen Schwächeanfall ankämpfte, untersuchte diese auch brav. Gegen Abend bat er nochmals um einen neuen Satz Daten. Diesen Wunsch leitete ich wieder in elektronisch-schriftlicher Form weiter, um meine Rekonvaleszenz nicht zu gefährden.

Wir erhielten die Daten wieder im Verlauf des nächsten Tages und mein Entwickler meldete, dass er jetzt alles beisammen habe, um den Fehler zu beheben. Diese Info gab ich auch, wieder per Mail, an den Kunden weiter und dass ich mich melde, sobald die Lösung fertig sei.

Es vergingen ein paar Tage, da die Sache vertrackter war, als zuerst angenommen und Vincent ein paar Dinge neu schreiben musste, damit er den Fehler ohne Datenverlust auf Kundenseite abstellen könnte. In der Zwischenzeit war auch ein Wochenende gekommen und gegangen und eines morgens, ich hatte gerade den ersten Schluck Kaffee genossen, stand mein Häuptling lebensgroß vor mir und schaute mich mit diesem ganz besonderen Blick an, der jeden nicht-Maskierten sofort zu Eis erstarren und anschließend zu einer jämmerlichen Pfütze hätte schmelzen lassen.

Moin Chef, was gibt’s?

Maskierter, ich hatte gerade einen sehr unerfreulichen Anruf von Herrn Eck-Tisch. Dieser beschwert sich, dass er ein Problem gemeldet hat und sich keiner drum kümmert.

In diesem Moment war Polen offen.

Schau mal hier, Häuptling. Diese Mail ging auf seinen ersten Anruf und einer guten einstündigen Remotesession hin raus, dann diese und zuletzt diese, in der ich schreibe, dass wir jetzt das Problem erkannt haben und Vincent persönlich dran arbeiten. Dass er nicht mehr der Schnellste ist, seit er kein Fleisch mehr isst, macht die Sache nicht besser, aber kann der Kunde uns nicht vorwerfen. Ich weiß zwar, dass die Situation derzeit unangenehm für Herrn Eck-Tisch ist, aber nicht derart, dass sie dort nicht mehr arbeiten können. Also warum spielt der sich so auf? Und dass wir nicht reagieren, das finde ich sehr dreist, zumal wir ja auch immer ordentlich drauf warten müssen, wenn wir Daten von ihm brauchen.

Mein Häuptling nickte beschwichtigend und bat mich nur drum, mich mit dem Kunden in Verbindung zu setzen und eben nach einer schnellen Lösung zu suchen. Da ich auf meine Brötchen künftig nicht verzichten wollte, versprach ich, seinem Wunsch schnell nachzukommen, ich müsste mich nur kurz mit dem Fleischverweigerer beratschlagen.

So kam es, dass meine – besonders in der z- und x-Achse – imposante Gestalt, sich vor Vincent aufbaute und ich ihm den Fall schilderte. Ein fieses Grinsen machte sich in Vincents Gesicht breit:

Also, ich bin kurz davor, einen kleinen Konverter fertigzustellen, etwa Morgen früh, der die statische und dynamische Konfigurationsdatenbank ohne Datenverlust konvertiert. Die sind nämlich kaputt, weswegen die Programme nicht synchronisieren und mit einer lokalen Kopie arbeiten, was sehr langsam ist. Wenn er aber unbedingt sofort eine Lösung haben will, dann musst du nur die Datenbanken manuell löschen und neu anlegen. Er muss dann allerdings die gesamte Konfiguration in der Oberfläche nachholen.

Und da wusste ich wieder, warum er trotz seiner zweifelhaften Essgewohnheiten einer meiner Lieblingskollegen war. Ich bedankte mich bei ihm breit grinsend und empfahl ihm, nicht mehr länger an dem Konverter zu arbeiten, da ich jetzt den harten Weg gehen würde.

Nachdem ich meine ABC-Schutzausrüstung angezogen hatte, der Geigerzähler in Griffweite stand und ich noch sicherheitshalber ein paar Bleiumhänge übergezogen hatte, rief ich Herbert an. Noch bevor er wieder eine unkontrollierte Kettenreaktion auslösen konnte, legte ich los:

Einen wundervollen Tag, Herr Eck-Tisch. Wir haben endlich die Lösung für Ihr Problem gefunden. Wir müssen nur zwei Datenbanken löschen und neu anlegen lassen. Sie müssten dann nur die Konfigurationsdaten manuell über die Oberfläche nachtragen, aber anders geht es leider nicht. Zum Glück lassen die sich zuvor bequem ausdrucken. Haben Sie genug Papier im Drucker?

Und so kam es, dass eine Atombombe auf zwei Beinen fröhlich vor sich hinexplodierend knappe 10.000 Datensätze von Hand nachtragen musste, während ein Maskierter triumphierend den Rest des Tages vor sich hingrinste.

Merke: Wenn du schon ein unsympathischer Kackvogel bist, dann beschwere dich bloß bei des Maskierten Häuptling nicht.

Kommentare
  1. Thilo sagt:

    einfach herrlich geschrieben, danke schön :-)

  2. nick331 sagt:

    Wie stehts denn um von-dir-gelesene Blogeinträge? Ich hatte bei dem einen das Gefühl, die Emotionen besser erleben zu können. Außerdem ist es schön mal die Kopfhörer anzuziehen und vom Bildschirm wegzusehen, während man was vorgelesen kriegt ;)

  3. @nick331

    Danke für die Blumen, aber an dem letzten Podcast habe ich gute 3 Stunden gesessen und es wären locker 4 geworden, hätte ich nicht gegen Ende ein wenig unsauber gearbeitet. Wenn ich nämlich was tue, dann soll es auch die entsprechende Qualität innehaben.

    Da Zeit ein kostbares Gut ist und diverse andere Freizeitaktivitäten miteinander konkurrieren, bin ich derzeit überhaupt froh, wöchentlich wenigstens eine Geschichte aus meinem Berufsleben zu präsentieren. Denn alleine das Schreiben bedarf schon pro Veröffentlichung einer guten Stunde und einer gehörigen Portion Muse.

  4. nick331 sagt:

    Bei deinen Texten kann ich mir das sehr gut vorstellen. Man liest selten in einem Blog solche komplizierten Satzkonstrukte mit so viel durchdachter Metaphorik. Aber grade das verlangt vom Leser eine gehörige Portion Aufmerksamkeit die beim durchblättern der RSS-Feeds manchmal in Perlen-Vor-Die-Säue-Manier tl;drt wird. Aber kanns gut verstehen… im Prinzip wäre das Arbeit die du dir machst und uns Lesern „erspart“ (mir fällt grad kein richtiges Wort ein, soll aber nicht so negativ klingen) bleibt.
    Du könntest ja, wenn dir ein Eintrag besonders am Herzen liegt, die Anzahl der tatsächlichen Leser auf diese Weise erhöhen.
    Danke natürlich für das Überwinden des inneren Schweinehunds dich hinzusetzen und doch relativ regelmäßig zu bloggen

  5. @nick331

    Solche Lobesworte gehen runter wie Öl und spornen mich ganz besonders an. Das Projekt Podcast ist definitiv eines, was ich gelegentlich auch betreiben will. Denn es macht viel Spaß und schult gleichzeitig auch die Sprechweise. Das ist für mich nicht ganz unwichtig, da ich auch regelmäßig gezwungen bin vor Kunden und auf Messen zu referieren. Und das Bessere ist bekanntlich des Guten Feind.

    Dennoch ist es sehr zeitintensiv, etwas intensiver als das Schreiben selbst. Während ich aber Phasen des Schreibens, abseits meiner Freizeit daheim, durchaus mal abends auf meinem Hotelzimmer oder in der Mittagspause einzulegen pflege, kann ich die Podcasts nur produzieren, wenn ich entsprechend viel Zeit und Ruhe mitbringe.

    Am wichtigsten ist mir jedoch das Erzählen selbst und das schaffe ich am besten, indem ich mit meinen Worten Bilder in euren Köpfen zeichne. Und da meine Erzählweise durchaus sehr komplex ist, gelingt dies am besten, wenn ich diese Worte in Schriftform fasse. Dann kann jeder in seinem ihm eigenen Tempo folgen.

  6. „So oder so ähnlich musste mein Gruß gelauten haben, bevor die Druckwelle der atomaren Explosion mir durch das Telefon die nicht mehr vorhandenen Haare unter der Maske wegföhnte. Nachdem sich die verdampften Moleküle meiner selbst anhand des von mir hinterlassenen atomaren Schattens wieder zu einem Körper materialisiert hatten, vernahm ich, dass Herbert ein Update auf die jüngst erschienene Version von Brötchenbringer durchgeführt hatte und jetzt mit massiven Problemen kämpfte.

    “ * grins* – gute bildhafte Beschreibung – nicht nur dieser oben zitierten , sondern von der ganzen Situation. – Mit den Worten Bilder im Kopf malen – wie wahr, diese Kunst beherrschst du, lieber Maskierter, aus dem ff.

    In diesem Sinne einen ruhigen Abend mit rotem Traubensaft und einer Herde Rinder , wünscht dir herzlichst

    Andrea

  7. @rosenyland1984

    Ich hebe mein Glas auf deine Gesundheit!

  8. shampoo sagt:

    hamma gern die „sich beim häuptling beschwerer“. besonders dreist: in einer mail an die projektnutte den silberrücken in bcc zu nehmen.

  9. mm. sagt:

    Danke wiedermal für eine wunderschöne Geschichte mit böser (für den Meckerer :) ) Pointe.

    Übringens: zwecks Konsistenz der Geschichte solltest Du glaubich die zwei Nächte in Zeile drei und vier zum Ritter schlagen. ;)

  10. Stefan sagt:

    tja, lernen durch Schmerzen. Für manche Anwender der einzige Weg zur Besserung ;)

  11. @shampoo

    Ja, sowas rechtfertigt die standrechtliche Erschießung.

    @mm.

    Uuuuuuuups, wie konnte mir das nur passieren? Okay, weniger Rotwein beim Tippen. ;)

    @Stefan

    Und für mich das Pflaster auf meine geschundene Seele.

  12. @Maskierter

    Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen. *grins*

    *ein glas rotwein herstell* Auf den guten, tapferen, wordgewandten Maskierten.

    VhG

    Andrea

  13. „wortgewandt“ nicht wordgewandt. ;)

    VhG

    Andrea

  14. @rosenyland1984

    Ich komme aber auch mit Word klar, so falsch war das nicht. :D

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