Das Auge

Veröffentlicht: Montag, 05.12.2011 in Erlebnisse

Diesen Eintrag widme ich der charmanten anna anna, die mich dank ihres Kommentars neulich an dieses Erlebnis erinnert hat. [Update:] Und ich Verwirrter verteile noch der falschen Dame die Lorbeeren, während sich die Richtige zurecht in den Kommentaren dafür echauffiert.

Mein Häuptling und ich saßen in seinem Büro und warteten auf den Anruf des Empfangs, dass ein potentieller Produktpartner aus dem Land der unbeschränkten Unmöglichkeiten die geheiligten Hallen betreten hätte. Mat Schauge wollte uns die Lösung Nearly Secure vorstellen, in der Hoffnung, dass wir künftig ganz viel Geld bei seinem Arbeitgeber MaybeSecure ließen und er dicke Provisionen dafür einstreichen könnte.

Wir hatten uns gerade geeinigt, dass das Wochenende ein Männerwochenende werden würde, da des Häuptlings Gemahlin mit seiner Schwägerin ein Wellnesswochenende verbringen würde und wir Männer somit mal wieder die Füße auf dem Couchtisch drapieren konnten, während wir wunderbare Sportveranstaltungen in HD auf dem 50 Zöller schauen würden und dabei Hopfen und Malz huldigen, da meldete sich auch der Empfang, dass Mat eingetroffen sei. Am Empfang begrüßten wir einen knapp 2 Meter großen Hünen amerikanischer Abstammung, der, wie es sich für einen Einwohner der großen Insel jenseits des großen Bottichs gehörte, mit original Ray-Ban-Sonnenbrille auf der Nase uns gegenüber stand.

Zur Überraschung begrüßte Mat uns in einem nahezu akzentfreien Deutsch. Da wir vorher nur Kontakt mit seinem Boss hatten, der rein und ausschließlich eine fürchterliche Greueltat eines texanischen Dialekts, den er für Englisch hielt, sprach, rechneten wir damit, mal wieder unsere ausgefeilten Sprachkenntnisse der Welthandelssprache zum Besten geben zu können. Auf dem Weg in den vorbereitenden Konferenzraum klärte Mat uns sogleich darüber auf, dass er das freudige Ergebnis der multinationalen Verbindung eines ehemals im Ländle stationierten US-Verbindungsoffiziers und einer Schwäbin war, die kurz nach seiner Geburt in die väterliche Heimat übersiedelten. Trotz des mütterlichen Handicaps des Schwabentums erlernte er dort von ihr das Hochdeutsche einwandfrei.

Im Konferenzzimmer erwartete uns das üblichen Catering, das jedem unserer Besucher – und vor allem uns selbst – zugutekam. Wir boten Mat an, sich von seiner langen Anreise erstmal ein wenig auszuruhen und zu stärken, was er auch willig annahm. Dabei verblieb die Sonnenbrille tapfer auf seiner Nase, als er sich über die belegten Brötchen gemeinsam mit uns hermachte und dabei Kaffee und Besatzerbrause vernichtete.

Nachdem die Brötchen vernichtet waren und wir uns ein wenig über die Geschichte unserer Firma Brötchensponsor, den desaströsen Leberwerten und sonstigen Wichtigkeiten ausgetauscht hatten, bat Mat darum den Raum zu verdunkeln, da er uns eine kleine Präsentation und anschließende Livedemo auf die Leinwand werfen wollte. Seinen durchaus exzellenten Kenntnissen der kulturellen und sozialen Begebenheiten Deutschlands zum Trotz behielt er immer noch tapfer die Sonnenbrille auf, obwohl es, nicht zuletzt aufgrund der inzwischen im Raum verbreiteteten Düsterheit, angemessen gewesen wäre, sie abzunehmen.

Wider meinen Kenntnissen um die amerikanischen Konventionen über die direkte Aussprache persönlicher Unzulänglichkeiten seines Gegenübers sprach ich Mat an, was mir auch einen freundlichen Tritt meines Häuptlings gegen das Schienbein unterm Tisch bescherte:

Bist du krank? Verkatert? Oder warum nimmst du die Sonnenbrille nicht ab?

Mein Eindruck täuschte mich nicht, Mat war heilfroh, dass ich ihn darauf angesprochen hatte. Er meinte mit stolz geschwollener Brust, dass es ihm etwas peinlich sei, aber wir sollten nicht erschrecken und er nahm die Brille ab. Darunter verbarg sich ein Veilchen, das sich gewaschen hatte. Natürlich fragte ich indiskret weiter, wie es zu diesem Meisterwerk der Hämatombildung gekommen sei und Mats Brust schwoll weiter, dass es mir schon fast Angst und Bange wurde, der sympathische Deutschamerikaner würde sich gleich in Einzelteilen im ganzen Raum ausbreiten.

So erzählte er uns freudenstrahlend, dass er Mitglied einer War Reenactment-Gesellschaft sei. Bei ihrer letzten „Aufführung“ ein paar Tagen zuvor versuchte er dummerweise den Schaft einer Repetierbüchse eines elenden Yanks mit seinem Auge zu stoppen, was dieses mit schillernden Farben und einer enormen Schwellung dankte. Wir tauschten uns dann noch kurz über die Geschichten unserer eigenen Narben, insbesondere meiner ganz prominent im Kopfbereich sichtbaren, und sonstigen deutlich erkennbaren Versehrungen aus, ehe wir dann zum eigentlichen Thema des Tages kamen.

Und die Moral von der Geschicht? Zum Angeben braucht es bei Männern gutes Aussehen nicht.

Kommentare
  1. anna sagt:

    Herzlichen Dank für die Blumen respektive diesen Beitrag (allerliebst!) — ich beziehe die Widmung mal auf mich, auch wenn ich nicht die Anna bin, für die du mich hältst. Es gibt nämlich mehrere von uns: Eine rettet Leben, lässt sich von schwarzen Katern terrorisieren und schreibt ein nettes Blog, ich hingegen hinterlasse nur manchmal Kommentare hier, und zwei weitere Bloggerinnen dieses Namens fallen mir spontan auch noch ein. Ist schon manchmal unübersichtlich in diesem Internet ;-).

    Viele Grüsse,
    anna, die Uncharmantere

  2. @anna

    Ich bitte untertänigst um Verzeihung. Ehre, wem Ehre gebührt und was den Charme angeht, seid ihr mindestens ebenbürtig.

    So, wo finde ich jetzt eine Schulung, die mir erklärt, wie dieses Internet funktioniert, damit ein solcher Faux Pas nicht ein zweites Mal geschieht? ;)

  3. mm. sagt:

    „Trotz des mütterlichen Handicaps des Schwabentums“ – das sind die Formulierungen, die aus guten Geschichten exzellente Geschichten machen! :)
    Warum hat er übringens Gänsefüßchen zu Brötchen und Kaffee vertilgt? Schwäbischer Brauch?

    Und zu diesem Internet-Dingens: Ich hab zwar auch keine Ahnung wie das funktioniert, aber ich bin gerade dabei es mir auszudrucken, ich würde es Dir dann überlassen, wenn ichs durch habe…

  4. @mm.

    Die Gänsefüßchen waren Besatzerbrause (jetzt auch korrigiert). Muss wohl versehentlich bei einem Korrekturlauf überschrieben worden sein.

    Und vielen Dank für den Ausdruck, kann den wirklich gut gebrauchen.

  5. idriel sagt:

    Thread-Napping!

    Nicht mit „fishing for compliments“ sondern mit „Kommentare fischen“ probiere ich hier auch mal mein Glück.

    Ich möchte nämlich was gewinnen und dafür brauche ich viele Kommentarantworten auf MEINEN Kommentar bei Pharmama:

    http://pharmama.ch/2011/12/03/adventszeit-geschenkezeit-ein-kleines-gewinnspiel/#comment-21062

    Wer also zwei Minuten Zeit hat ist herzlich eingeladen meine Gewinnchancen zu erhöhen!Danke!

    LG
    idriel

    /Thread-Napping!

  6. @idriel

    Also sowas, echt mal. Das geht gar nicht. Außer du tust Buße und kommentierst ab sofort die nächsten 366 Einträge. :D

  7. Andrea sagt:

    „Zur Überraschung begrüßte Mat uns in einem nahezu akzentfreien Deutsch. Da wir vorher nur Kontakt mit seinem Boss hatten, der rein und ausschließlich eine fürchterliche Greueltat eines texanischen Dialekts, den er für Englisch hielt, sprach, rechneten wir damit, mal wieder unsere ausgefeilten Sprachkenntnisse der Welthandelssprache zum Besten geben zu können. Auf dem Weg in den vorbereitenden Konferenzraum klärte Mat uns sogleich darüber auf, dass er das freudige Ergebnis der multinationalen Verbindung eines ehemals im Ländle stationierten US-Verbindungsoffiziers und einer Schwäbin war, die kurz nach seiner Geburt in die väterliche Heimat übersiedelten. Trotz des mütterlichen Handicaps des Schwabentums erlernte er dort von ihr das Hochdeutsche einwandfrei.
    “ *loooooooooooool* Interessante „Mischung“ – vgl . z.b. auch eine deutsch-österreichisch bzw. salzburgisch-schwäbische Mischung – „grauenvoll“. ;)

    Wieder ein interessanter und humorvoller Beitrag von dir, lieber Maskierter. *freu*

    VhG

    Andrea

  8. idriel sagt:

    *leise davonschleich*

    PS: Aber der Schnee ist schön, der hier im Blog derzeit fällt! :-)

  9. @Andrea

    Ich kenne nur die Mixtur eines betrunkenen Salzburgers, der sich des Hochdeutschen abmüht. Wir haben uns trotzdem prächtig verstanden. Nur dem deutschen Taxifahrer musste ich dann erklären, wo unser Hotel sich versteckt hatte. ;)

    @idriel

    365. ;)

  10. Andrea sagt:

    @Maskierter

    Und welche „Mixtur“ bist du ? ;) ;) Etwa die eines Berliners mit einer Bayerin ? ;) Oder umgekehrt ? ;)

    Anhand deines neutralen, hochsprachlichen Schreibstils lässt sich kein Rückschluss auf deine Herkunft ziehen. *haube (mütze zieh* (einen hut hab‘ ich nicht – also muss die haube herhalten.)

    VhG

    Andrea

  11. Andrea sagt:

    P.S. Mit salzburgisch-schwäbische Mixtur ist ein Kollege von mir gemeint. (fast fertig mit dem Studium. )

    Keine Sorge, der liest hier nicht mit.

  12. @Andrea

    Nordostfranzose mit schlesischem Einschlag.

    Und warum liest dein Kollege nicht mit? Geht der zum Lachen in den Keller oder zieht sich die Hose mit der Kneifzange an? ;)

  13. Andrea sagt:

    @Maskierter

    Interessante Mixtur. ;)

    Warum mein Kollege hier nicht mitliest: Ganz einfach – er kennt deinen Blog nicht und hat es (laut eigenen Angaben) nicht so mit dem Internet.

    Das mit dem Lachen im Keller ist klar. – Doch das mit der Hose mit der Kneifzange anziehen, verstehe ich nicht ganz.

    VhG

    Andrea

    P.S. Wenn du mehr über mich wissen willst (Wohnort, Beruf etc.), dann lies‘ doch gerne meinen Blog bzw. trage auch dort gerne Kommentare ein.

    Dazu ist ja der Blog (= meine Homepage) doch da.

  14. CreutzfeldtJakob sagt:

    „Wir tauschten uns dann noch kurz über die Geschichten unserer eigenen Narben, insbesondere meiner ganz prominent im Kopfbereich sichtbaren, […] aus […].“

    Bedeutet das, das du Mat Schauge gegenüber deine Maske abgenommen hast?

  15. @CreutzfeldtJakob

    Meine Maske im Alltag ist nicht direkt sichtbar, aber stets vorhanden.

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