Nachhilfe

Veröffentlicht: Montag, 12.12.2011 in Kollegen, Kunden

Mein Telefon klingelte genau in dem Moment, in dem mein Azubi Frederik Leißig mein Büro betrat. Die Anrufkennung verriet mir, dass einer meiner Vertriebler, Karl Ohlescheffler mich zu belästigen gedachte.

Kalle, du alter Beutelschneider, was kann ich gegen deine Liebensgewürzigkeit tun?

Maskenheini, du kannst Herrn Irmfried Gendwer helfen. Der bekommt seine neue Lizenz in $unwichtiges-Produkt-das-wir-palettenweise-verkaufen nicht eingespielt. Wenn du das machst, bist du mich ganz schnell los. Und wenn du fix bist, kannst du gleich wieder weiterschlafen.

Alles besser als dich weiter ertragen zu müssen. Stell mal durch, Kalle.

Bevor wir uns noch weitere Frotzeleien an den Kopf schmeißen konnten, übergab mir der Vertriebi das Gespräch. Der Kunde schilderte mir das Problem, dass er wie in der Mail beschrieben sich als administrativer Benutzer anmeldete, jedoch vergeblich den Punkt „Lizenzen“ in der Oberfläche suchte.

„Ist klar, der meldet sich als normaler Benutzer an, mit dem er Windowsadmin ist, aber nicht in der Software als Admin hinterlegt“, dachte ich mir. Die Rückfrage meiner Vermutung wollte ich mir jedoch ersparen, da mir Herr Gendwer Stein und Bein schwören würde, dass er das natürlich schon alles geprüft hätte respektive ob ich ihn für blöd halten würde. Ich forderte also den Kunden auf, unser Fernwartungsprogramm zu starten, damit ich jeden seiner Schritte kontrollieren konnte und nötigenfalls korrigierend eingreifen.

Frederik hatte sich in der Zwischenzeit schon einen Stuhl beigezogen und saß so neben mir, dass er auf meinen Bildschirm blicken konnte. Das war mir nur recht, konnte der kleine neunmalkluge Scheißer mal was vom erfahrenen Profi lernen.

So saßen wir gemeinsam da und beobachteten, wie sich der Kunde an der Software mit seinem Windows-Benutzernamen anmeldete und in der Oberfläche der Punkt „Lizenzen“ fehlte. Ich übernahm die Kontrolle, klickte genüsslich auf den Punkt „Benutzerrolle“ und wollte schon triumphierend ausrufen „Sehen Sie, Sie sind nicht als Admin in der Software hinterlegt!“, da prangte es in großen Lettern entgegen:

Benutzerrolle: Administrator

Etwas verdattert benötigte ich einen Moment, um meine Gedanken zu sortieren.

Alles, wie es sein sollte. Warum erscheint da der nicht der Punkt „Lizenzen“ im Menü? Ich glaube, wir sind da auf einen Fehler in der… AUA!

Der Stift hatte gerade sein Leben verwirkt, da er mir mit dem Ellenbogen einen unsanften Stoß in die Rippen verpasst hatte. „Lass mich mal eben ran“, raunte mir der Lebensmüde zu. Na gut, soll er sich halt selbst vorm Kunden blamieren. Aus Fehlern lernt man schließlich.

Herr Gendwer, ich gebe Sie mal eben an meinen Kollegen Herr Leißig weiter. Der möchte noch was nachschauen.

Frederik nahm mein Headset in Empfang und übernahm die Gewalt über Tastatur und Maus, während ich etwas zur Seite rückte, damit er sich besser bloßstellen konnte.

Guten Tag Herr Gendwer, mein Name ist Leißig. Wären Sie so freundlich und melden sich bitte einmal ab und melden sich dann mit dem eingebauten Nutzer „Superadmin“ wieder an?

Der Kunde tat wie ihm geheißen und erriet das korrekte Passwort bereits im zweiten Anlauf. Die Menüleiste baute sich auf und in dem Moment als ich die Buchstaben L, I und Z erspähen konnte, explodierte ein breites Grinsen im Gesicht meines Auszubildenden.

Keine Ursache Herr Gendwer, das kann jedem mal passieren. Da die meisten eh nur mit dem Superadmin arbeiten, vergisst man das halt schnell.

Beim letzten Satz grinste der kleine Drecksack mich ganz frech an.

Ihnen auch noch einen schönen Tag.

Nach diesem Satz streifte er mein Headset ab und wandte sich feixend an mich:

Soll ich dir mal eine Produktschulung geben, Maskierter?

Zieh Leine, bevor ich dir die Ohren langziehe, dass du besser rundum Grinsen kannst!

Frederik lachte, holte sich dann die Erlaubnis ab, früher Feierabend machen zu dürfen, weswegen er mich ursprünglich aufgesucht hatte und verschwand dann fix aus meinem Büro, um seinen Leidensgenossen Bericht zu erstatten, wie er mir Nachhilfe gegeben habe.

Das alles wäre nur halb so peinlich gewesen, wenn ich nicht zwei Wochen zuvor eine Schulung über das Produkt gehalten hätte, in der auch Frederik saß, und in der ich groß und breit drauf rumgeritten bin, dass nur der eingebaute Superadmin in der Lage war, die Lizenzen zu verändern.

Kommentare
  1. Naschbaerin sagt:

    Tröste Dich, das ist das Alter, da vergisst man einige Sachen ganz schnell wieder;-))
    *schnellwegduck*

    Grüsse Naschi

  2. @Naschbaerin

    Mit dem Vergessen komme ich klar. Mit rotzfrechen Azubis, die einem sowas wochenlang unter die Nase reiben, ist das wieder was anderes. Und ich kann ihnen unmöglich die Hammelbeine langziehen, wenn diese im Recht sind.

  3. airafeuermond sagt:

    Immerhin merkt der junge Mann, dass auch Du nicht unfehlbar bist. Und ganz ehrlich, wer noch nie was vergessen hat, werfe den ersten Stein.

  4. Andrea sagt:

    „Mein Telefon klingelte genau in dem Moment, in dem mein Azubi Frederik Leißig mein Büro betrat. Die Anrufkennung verriet mir, dass einer meiner Vertriebler, Karl Ohlescheffler mich zu belästigen gedachte.“ – F.Leißig, K.Ohlescheffler, I.Rgendwer. ;) ;) ;)

    In dieser Situation wäre ich auch gerne rotzfrecher Azubi – der auch noch was draus gelernt hat: auch Chefs aka Maskierter (wie auch immer) sind nicht perfekt. ;)

    VhG
    Andrea

  5. @airafeuermond

    Das wissen die Hosenscheißer eh schon immer.

    @Andrea

    Du erkennst jetzt erst mein Namensschema? ;) Und wie ich schon sagte, meine Fehlbarkeit ist den Mistkerlen mehr als nur bekannt. Aber wer austeilt, der muss auch einstecken können.

  6. Hihi,

    sowas sollte nicht sein. Dafür hätt der Azubi bei mir wochenlang Strafrunden ums Haus gedreht… nur fürs Rechthaben.
    Soll, darf ein Azubi einfach nicht. Punktaus (-um?). Bei solchen Gelegenheiten zitiere ich auch immer gerne die Preußische Militärordnung von 1781:
    Dem Untergebenen geziemt es nicht, seinen eigenen beschränkten Maßstab an die wohldurchdachten Anordnungen seines Vorgesetzten zu legen und sich in dünkelhaftem Übermut ein Urteil über dieselben anzumaßen“

    Grüße aus der Heimat!

  7. Andrea sagt:

    @Maskierter

    Ja, ich bin halt eine Frau – ich brauch‘ da ein bisserl länger. ;)

    So ist es: Wer austeilen kann, muss halt auch was einstecken können.

    Verstehe ich die Hierarchie (?) in der Firma richtig: Häuptling, Maskierter, Azubi/s ? .

  8. @papierkriegerin

    Auch wenn ich jetzt mehr oder minder in Preußischem Gebiet wohne, so bin ich kein Saupreiß! Ich sag nur „Bayrisch Kohlhof“. Somit dürfen meine Azubis mich auch korrigieren, wenn sie Recht haben, sofern sie dies nicht offen beim Kunden tun. Sowas würde nur bei direkter Bloßstellung vorm Kunden zur standesrechtlichen Todesstrafe (langsam und qualvoll, selbstverständlich) führen.

    Unn viele Grieß noh dehemm!

    @Andrea

    Zumindest für meine Beiträge ist die Hierachie derart flach, ja.

  9. airafeuermond sagt:

    @ Andrea
    Ich bin auch eine Frau, viele andere Kommentatoren ebenso… also büdde nicht verallgemeinern.

  10. @airafeuermond

    Mach‘ dir da mal keine Sorgen. – der obrigen Kommentar bezieht sich nur auf mich selbst.

    VhG

    Andrea

  11. Nun, davon dürfte der Herr Leißig vermutlich noch seinen Kindern erzählen :D

  12. @brombeerfalter

    Da der Herr Leißig schon den ein oder anderen Tropfen Weingeist mit mir getrunken hat, weiß er noch ganz andere Geschichten seinen Kindern zu berichten. Jedoch wird er sich das nicht wagen, denn sonst erzählt der Onkel Maskierte den Kleinen mal ein paar Geschichten von Papa Leißig. :D

  13. Leser sagt:

    „Das alles wäre nur halb so peinlich gewesen, wenn ich nicht zwei Wochen zuvor eine Schulung über das Produkt gehalten hätte, in der auch Frederik saß, und in der ich groß und breit drauf rumgeritten bin, dass nur der eingebaute Superadmin in der Lage war, die Lizenzen zu verändern.“

    Dann ist doch alles klar, das war nur ein Test, ob Frederik Leißig des Maskierten Schulungen seine volle Aufmerksamkeit schenkt oder heimlich unter dem Tisch eine Präsentation für den Kollegen Ufschneider vorbereitet. :-)

  14. @Leser

    Richtig! Und da er den Test wunderbar gemeistert hat, durfte er auch früher gehen. Du erkennst meine perfiden Methoden. *hust*

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