Weihnachtliche Schulung

Veröffentlicht: Montag, 19.12.2011 in Kollegen

Ich lag gemütlich auf der Couch. Auf dem Tisch neben mir stand ein Glas leckeren Rotweins und im Dekanter daneben war der Nachschub dieses herrlichen Traubensafts sichergestellt. Vor meiner Nase befand sich in Armeslänge ein exzellentes Buch des unglaublichen Umberto Eco. Ein gemütlicher dritter Advent, so wie er mir am liebsten ist: Kein Stress, kein Ärger.

Doch der Frieden sollte ein jähes Ende finden, als mein Telefon zu klingeln begann. Geistig noch umnebelt und tief in der Geschichte des Buchs versunken, griff ich zum Handteil, das ebenfalls auf meinem Couchtisch sein Lager gefunden hatte, und nahm nur verschwommen die Buchstaben „EL“ im Display wahr, ergo der Anrufer mir bekannt und im Telefonbuch des Geräts hinterlegt war. Während mein Daumen die Rufannahmetaste berührte, versuchte mein Hirn die weiteren Informationen des raschen Blicks auf die Anruferkennung zu sezieren. Die Erkenntnis setzte den Bruchtteil einer Sekunde vor der Begrüßung meines Gegenübers ein, doch da war es bereits zu spät:

Hallo Maskierter, Papa hier. Wie geht’s dir? Und was machst du an Weihnachten?

Meine unmaskierten Eltern. Wie konnte ich nur dem Impuls nachgeben den Anruf anzunehmen, ohne erst zu lesen, wer mich da belästigen will? Jetzt hatte ich den Salat. Die ganze Zeit konnte ich es erfolgreich vermeiden, den Kontakt mit meiner Erzeugerfraktion aufzunehmen, und der obligatorischen Frage, ob ich an Weihnachten nicht gedenken würde, in die heimatlichen Gefilde zurückzukehren und mich bei ihnen blicken zu lassen, somit ausweichen. Auf das gleich folgende Gejammer, wie lange sie mich nicht mehr gesehen hätten und dass ich mich nichtmal melden würde, hatte ich ähnlich viel Lust wie auf eine Koloskopie.

Zum Glück hatte ich, wie so viele Jahre zuvor, seit ich den Sicherheitsabstand zwischen meiner Familie und mir auf mehrere hundert Kilometer ausgeweitet hatte, bereits dafür gesorgt, dass ich zusammen mit meinen Azubis und einigen ausgewählten Kollegen die Notbesetzung zwischen den Feiertagen bilden würde.

Ja, ehm, geht so. Viel Arbeit, viele Dienstreisen und die Azubis ärgern mich auch ohne Unterlass. Ein Wunder, dass ich heute mal Zuhause bin und nicht zu einem Termin anreisen muss. Achja, Weihnachten kann ich leider …

An dieser Stelle unterbrach mich ein Hustenanfall.

Ja also an Weihnachten kann ich nicht zu Besuch kommen, da ich zwischen den Feiertagen eine interne Weiterbildung für meine Azubis halten muss. Außerdem bin ich der einzige Supporter für unser Produkt Brötchenbringer. Meine Kollegen sind alle Familienväter und die bekommen an Weihnachten stets den Vorzug.

Dass ich meinen Azubis eine Urlaubssperre zwischen den Feiertagen erteilt hatte, damit ich diese Schulung ansetzen konnte, und meine Kollegen regelrecht drängte, dass sie an meiner statt auch dieses Jahr Urlaub nahmen, verschwieg ich geflissentlich. Soviel Informationen hätten meine Erblasser nur unnötig verwirrt.

Es folgte das übliche Gejammer meiner beiden DNS-Spender, dass sie mich schon seit drei Jahren nicht mehr zu Angesicht bekommen hatten und es sogar meine Schwester dieses Jahr mit ihrem neuen Bettspielzeug Lebensgefährten einrichten konnte. Wie wenig 36 Monate sein können, zeigte die noch schmerzlich-frische Erinnerung an meinen letzten Frontbesuch, den ich nur unter Zuhilfenahme von reichlich Weingeist – ein traditionelles Heilmittel der alten Römer – bis zum Verlust der Besinnung ertragen konnte, ohne den vorzeitigen Erbfall einzuleiten oder mich hinter den nächsten Zug zu werfen beziehungsweise aus dem Kellerfenster zu stürzen.

Bevor das Gespräch unweigerlich auf das Thema zusteuern würde, warum ich ihnen immer noch keinen Enkel produziert habe, worauf ich am liebsten antworten würde „Weil ihr dann seine Großeltern seid und ich wieder keine Ruhe vor euch habe!“, würgte ich das Gespräch mit dem Hinweis ab, dass ich jetzt gerade ganz dringend in der Keramikabteilung verlangt würde. Merke: Sei immer freundlich, selbst zu deinen Eltern und nervigen Kunden, denn schließlich sollen sie Geld in die Kasse bringen – früher oder später.

Nachdem ich mit Schweißperlen auf der Stirn auch dieses unliebsame Gespräch durchgestanden hatte, ohne mein Erbe zu riskieren, musste ich mich erstmal wieder mit dem roten Lebensnektar stärken.

Die Tage gingen vorbei und meine Azubis schauten mich unentwegt säuerlich ob der Urlaubssperre an. Warum ich diese blöde Schulung denn genau in diese Zeit legen musste, wollten sie stets wissen.

Weil ihr dann ausnahmsweise alle gleichzeitig da seid und nicht in der Berufsschule oder bei irgendwelchen Kundenprojekten eingebunden.

So lautete stets meine diplomatische Antwort, die ihren Unmut jedoch nicht zu verringern vermochte. Meine drei Kollegen, die zusammen mit mir die Notbelegschaft stellten, grinsten nur wissend, ließen die Azubis aber dank meiner Order weiterhin im Dunkeln tappen.

Der Heilige Abend und die Weihnachtsfeiertage zogen vorbei und nur die abnehmende Menge Rindfleisch in meinem Kühlschrank und die sich vermehrende Zahl leerer Traubensaftflaschen vermochte einen gewissen Aufschluss drüber zu geben, was ich in diesen Tagen tat und ließ. Doch der erste Arbeitstag nach den Feierlichkeiten anlässlich der angeblichen Niederkunft eines Zimmermanns vor über 2000 Jahren kam so sicher wie das Amen in der Christmette.

Meine drei Kollegen und ich waren bereits sehr früh in der Firma zugange, um den großen Schulungsraum herzurichten und unsere Telefone entsprechend umzuleiten, ehe die undankbare Horde meiner Auszubildenden auf der Bildfläche erschien. Als schließlich alles vorbereitet war, schickte ich Alessandro Prost, von allen nur Prosti genannt, die Azubis am Eingang abfangen. Eine SMS warnte mich dann vor, dass er jetzt mit der Horde in den Schulungsraum kommen würde und ich hatte meine Kamera im Anschlag, um einen der schönsten Schnappschüsse meines Lebens machen zu können.

Als meine Nervensägen den Schulungsraum betraten und das üppige Frühstücksbuffet und die Kisten Bier in der Ecke erspähten, dazu einen riesigen Stapel an Bluray-Filmen und die von Prosti mitgebrachte Surround-Sound-Anlage, klappten sie wie auf Kommando alle die Kinnlade runter. Und just in diesem Moment machte ich das schönste Foto meiner kleinen Ekelpakete, das ich je von ihnen geschossen habe.

Willkommen Jungs zur entspanntesten Arbeitswoche eures Lebens!

Ich ließ ihnen einige Augenblicke sich zu fangen und klärte sie dann über die abteilungsinterne Tradition der Notbesetzung zwischen Weihnachten und Neujahr auf.

Der Häuptling befand sich seit eh und je in der Zeit nach Weihnachten über Silvester im Skiurlaub, bestand aber auf telefonische Erreichbarkeit für unsere Kunden. Da in dieser Zeit stets ein absoluter Totentanz stattfand und maximal zwei Verwirrte am Tag, die selbst zum Ablesen des Kalenders zu blöde waren, bei uns aufschlagen würden, richteten wir es uns immer in der Zeit gemütlich ein. Dieses Jahr war es jedoch so, dass unser Stammesoberster den nagelneuen HD-Beamer mit in den Urlaub nehmen wollte, was ich zum Glück sehr früh erfuhr. Da wir uns natürlich nicht mit den popeligen Standardbeamern mit Winzlingsauflösung zufrieden geben wollten, musste ich einen guten Grund finden, warum ich den großen Schulungsraum benötigte, in dem besagter Beamer montiert war. Und so kam es, statt wie üblich alle meine Azubis in der Zeit in den Urlaub zu schicken, sie zu einer schönen „Schulung“ antreten durften.

Seit dem Jahr prügelten sich meine Stifte beinahe drum, zwischen Weihnachten und Neujahr arbeiten zu dürfen.

Kommentare
  1. DieSekreteuse sagt:

    *ggg* schöner Bericht, so eine „Schulung“ hätt ich ja auch gern, aber die GF wohnt leider gleich nebenan und schneit leider zwischen den Feiertagen ab und an ins Büro. Nur um zu schauen, ob alles in Ordnung ist – natürlich.

    Aber ist es eigentlich soo schlimm, Deine alten Herrschaften zu besuchen? Ich bin mit meinen immer ganz gut ausgekommen, zumal jeder – ausser Heiligabend – das macht, was er will. Heisst, die Erzeuger machen Verwandtenbesuche und ich muss nicht mit, weil ich dringend ein paar Freunde besuchen muss, die auch nur Feiertagsweise in der Heimat erscheinen.

    Grüsse die Sekreteuse

  2. @DieSekreteuse

    Sollte ich jemals vor der Wahl stehen, eine Darmspiegelung durchführen zu lassen oder alternativ meine Eltern zu besuchen, um zu genesen, die Darmspiegelung würde gewinnen. Es hat seinen Grund, warum zwischen mir und meinen Eltern ein Sicherheitsabstand von mehreren hundert Kilometern besteht.

  3. LadySolana sagt:

    Auch wenn ich die Familiengeschichte vom Maskierten nicht kenne (und sie mich auch nichts angeht) kann ich den Wunsch nach einem Sicherheitsabstand gut nachfühlen.

    Manchmal ist man einfach so gar nicht seiner Familie ähnlich, sei es im Wesen, Charakter usw.
    Dann ist Abstand und ein reduzierter Kontakt auf ein Mindestmaß immer noch besser als sich gegenseitig aufzureiben.

  4. DieSekreteuse sagt:

    @LadySolana
    Da ich Familien, bei denen man sich nicht gern besucht, nicht wirklich kenne, ausser aus Büchern und Filmen, musste ich einfach nachfragen. Heisst aber nicht, dass es bei uns nie knatscht, nur nicht halt so….Liegt vielleicht auch am Ostfriesenblut in meinen Adern….;-)

  5. LadySolana sagt:

    Ich glaub da gehts ned um einen Knatsch ab und zu.

    In meiner ist es zB so das ich mich von dem mir seit Kindesbeinen an vermittelten Gedankengut distanziert habe und mich dadurch auch von einem großen Teil meiner Familie.
    Da dieser Teil dieses Thema auch nicht sein lassen kann und immer wieder Diskussionen beginnt ist es mir lieber sie abzuwürgen und eben nicht zu treffen.

  6. Das ist zum ersten Mal ein Artikel, der mich nicht zum Lachen bringt, sondern eher zum Nachdenken anregt.

    Manchmal tut ein zeitlicher und räumlicher Abstand gut, um über manches nachzudenken. – Vielleicht hilft es ja die Zeit für sich arbeiten zu lassen. Und irgendwann kommt die Erkenntnis: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. – Oder: Es wird ja doch alles gut.

    VhG

    Andrea

  7. @LadySolana, DieSekreteuse und rosenyland1984

    Das ist wirklich kein einfaches Thema, da es schwer verständlich für Menschen mit guter Bindung an ihr Elternhaus ist. Da meine bisherigen Freudinnen z.B. stets eine solche hatten, war dies unter anderem immer wieder einer der vielen Gründe, warum es zur Krise kam.

    Tatsache ist, dass mich meine Eltern über viele Jahre hinweg schwer gekränkt und noch mehr enttäuscht haben, auch wenn sie das nicht so wahrnehmen, so dass bei mir das Maß mehr als voll ist. Da man aber alten Hunden keine neuen Tricks mehr beibringt, wird sich das nicht ändern. Und sie werden es nichtmal verstehen, weil aus ihrer Perspektive heraus sie alles richtig machen. Selbst konkrete Kritikpunkte werden dann mit herbeifantasierten Ausreden abgetan. Und selbst wenn sie einen meiner Kritikpunkte sogar sehen, dann finden sie eine Begründung dafür, trotzdem so zu handeln wie sie es taten, die für mich ein Schlag ins Gesicht ist.

    Dieses Verhalten habe ich jahrelang still hingenommen, als ich erkannte, dass ich nichts daran zu verändern vermag. Ich hatte die Hoffnung, dass es sich bessern würde, als ich weit weg zog, um endlich aus ihrem Wirkkreis zu verschwinden und sie hoffentlich mal in medias res gehen würden. Als ich dann das erste Weihnachten zu Besuch zurück kehrte, war ich schon nach 5 Minuten kurz davor mich wieder in mein Auto zu setzen und heim zu fahren. Bei den Folgebesuchen dauerte es auch nicht länger als 2-3 Stunden bis der Wunsch zu fliehen in mir so groß war, dass nur substantielle Mengen Rotwein etc. mich davon abhielten. Meine Hoffnung ist seither begraben.

    Aus diesem Grund halte ich es für mich am sinnvollsten, soviel Abstand wie möglich zu halten und die Kommunikation auf das Wesentliche, nämlich rein sachliche Aspekte zu beschränken. Denn ansonsten vergrößert sich nur Wut, Frustration und Enttäuschung bei mir und das habe ich jetzt lange genug ertragen.

    Und bevor es einseitig wird: Ich habe eine gute und liebevolle Erziehung genossen, wurde in meinen Talenten gefördert und materiell fehlte es auch an nichts. Aber das alleine macht die Schäden auch nicht wett.

  8. Die Sekreteuse sagt:

    @Maskierter:
    Soo genau wollte (und sollte) ich das gar nicht wissen. Ich wollte nur herausfinden, ob es Wohlstandsgemeckere á la „ich hab bloss keinen Bock auf den Weihnachts-Verwandten-Kitsch, auf fettes Essen usw. – jetzt meckere ich mal ne Runde rum“ oder ob das „was echtes“ ist. Allein der Vergleich mit der Darmspiegelung ist ja mehr als deutlich.
    Insofern ein schönes angenehmes selbstgestaltetes verwandtenfreies stressfreies Weihnachtsfest;-)
    Grüsse Sekreteuse

  9. @Die Sekreteuse

    Vielen Dank für die Wünsche, die werden auch umgesetzt. Und keine Sorge, ich habe keine Probleme die Dinge zu schildern, die ich geschildert habe. Nicht zuletzt deswegen, weil ich ja hier nur mit wunderschöner Maske zugange bin – und die zwei oder drei Nasen, die den Träger kennen, nicken beim Lesen nur verständnisvoll mit dem Kopf, da sie die Geschichte schon kennen. Das Blog dient eben nicht zuletzt auch mal dem Zweck, die weniger schönen Seiten meines Lebens aufzuarbeiten, denn geteiltes Leid ist doppeltes Leid. Oder so ähnlich. :)

    Und sei dir versichert, das was da steht, ist eh nur leicht an der Oberfläche gekratzt. ;)

  10. Lieber Maskierter !

    Dann wünsche ich dir auf diesem Weg ein ruhiges und frohes Weihnachtsfest und ein gutes 2012.

    Kopf hoch – auch wenn der Hals dreckig ist.

    Viele herzliche Grüße

    Andrea

  11. @rosenyland1984

    Vielen lieben Dank und gleiches gilt natürlich für dich. Und mit Humor noch folgendes Bild mit auf den Weg:

  12. Tja, bei Dir scheint die Frage, die ein örtlicher Radiomoderator neulich ins Mikro stellte, ja wirklich angebracht: „Feiern Sie Weihnachten mit Ihren Lieben – oder ist auch die Familie dabei?“

    Ich hoffe, Du hattest trotzdem schöne Feiertage und kommst gut ins neue Jahr.

  13. @brombeerfalter

    Knapp 3 kg feinstes argentinisches Rinderfilet wurde zu Steaks verarbeitet und hat es sich in meinem Bauch gemütlich gemacht. Dazu gesellten sich pro Tag mindestens 1,5 Liter feinster Traubennektar aus Chile, Argentinien, Südafrika und Neuseeland.

    Ich würde behaupten, so kann man die Feiertage durchaus positiv sehen. ;) Die Abwesenheit der Erblasser und -schleicher hat das Ganze noch viel besser gemacht, auch wenn es die Tage einen kleinen Dämpfer gab. Aber man darf sich nicht unterkriegen lassen, nicht wahr?

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