Nicht mehr alle Latten am Zaun

Veröffentlicht: Montag, 06.02.2012 in Kollegen

Mittagszeit. Auf dem Tisch vor mir steht ein großer Dönerteller kredenzt vom Meister meiner Lieblingsdönerbude persönlich und wartet darauf, genüsslich von mir seziert zu werden. Statt mich zu meinen Kollegen in der Küche zu begeben, genieße ich die Ruhe der Mittagspause. Um ungestört zu sein, habe ich extra noch meine Tür geschlossen, was jeder höheren Lebensform, die schon länger in den geheiligten Hallen meines Brötchensponsors zu existieren pflegt, signalisiert, dass ihre Anwesenheit unerwünscht ist.

Auf meinem Rechner öffne ich gerade Youtube, um mich mit etwas leichter Webunterhaltung von den Kunden abzulenken, die mich bisher malträtiert hatten. Irgendetwas an diesem Tag ist außergewöhnlich, denn heute sind sie ganz besonders in diesem Zustand, den der Engländer als „needy“ zu bezeichnen pflegt.

Gerade will ich meine Gabel in die dampfende Köstlichkeit aus Fleisch, Grün- und Rotzeug, Knoblauchsoße und Pommes stoßen, da klingelt mein Telefon. Genervt schaue ich zum Apparat. Ein Kunde kann es nicht sein, habe ich doch für externe Anrufe auf meiner offiziellen Nummer meine „Rufen Sie bitte erst in 100 Jahren wieder an, ich hab‘ gerade Besseres zu tun“-Ansage geschaltet. Die Rufkennung identifiziert den Außerirdischen als Kandidat mit akuter Todessehnsucht. Genervt drücke ich den Anruf weg.

Es vergehen keine 5 Sekunden, da poppt ein Fenster unseres internen Messengers auf, mitten in der Pointe des Youtube-Clips, den ich gerade beim Essen schaue.

Wieso gehst du nicht ran?

Töten! Auch wenn er ein Vertriebi ist, er ist des Lesens mächtig und er musste die große, fette Warnmeldung „Der Maskierte möchte jetzt nicht gestört werden. Grund: MITTAG! FUTTER! WAGE ES NICHT!“ vorher wegklicken, bevor seine Nachricht an mich rausging. Ich stelle mir vor, wie die Gabel, die sich gerade in die Kredenzien meines  Mahls bohrt, stattdessen den Außerirdischen zum Ziel hat. Wieder und wieder, mit steigender Begeisterung. Der Gedanke heitert mich soweit wieder auf, dass ich das Fenster wegklicke, den Clip etwas zurückspule und dann genüsslich kauend mir die Pointe nochmal zeigen lasse.

Youtube springt bereits zum nächsten Clip in meiner Playlist, und der Dönerteller zeigt schon erste Anzeichen, dass er diese Schlacht verlieren wird, da öffnet der Außerirdische schwungvoll meine Bürotür. Wäre ich doch nur Clark Kent und hätte den Laserblick.

Na du Hamsterbacke? Stopf dir nicht so den Mund voll! Wenn ein Kunde anruft, kannst du gar nicht gescheit mit ihm reden. Warum ist in deinem Kalender Ende Juli zwei Wochen lang jeder Tag geblockt?

Mein Blutdruck versucht spontan die Lehren der Schulmedizin auf den Kopf zu stellen und mein Puls hält locker mit einem Ferrari auf Freiflug schritt. Hastig kaue ich den Inhalt in meinem Mund klein und würge ihn regelrecht herunter.

Hast du noch alle Latten am Zaun? Siehst du, was ich gerade tue? Hat man dich auf deinem Heimatplaneten nicht das Lesen gelehrt? Und vor allem hat man dir nicht beigebracht, dass egal was du tust, niemals ein maskiertes irdisches Raubtier bei der Nahrungsaufnahme stören sollst, wenn du nicht künftig als Schleimklumpen an der nächsten Wand enden willst?

Der Außerirdische hat Glück, dass ich ihn wirklich sehr gut leiden kann. Außer ihm und dem Häuptling hätte diese Todsünde keine andere Lebensform überlebt. Merke, es gibt wenig, was mich sofort zur Weißglut treibt, aber zwischen mir und meinem Essen zu stehen oder mich davon abzuhalten, ist ein ganz sicherer und schneller Weg den Löffel abzugeben.

Ohne auf meine Zurechtweisung weiter einzugehen, fragt der lebensmüde Bewohner eines anderen Planeten:

Also, ich hab $Großebude versprochen, dass du bei denen Ende Juli, genauer an $Des-Maskierten-Geburtstag eine Schulung zur neuen Version von Brötchenbringer hältst. Hast du jetzt also Zeit?

Nö!

Willst du sterben?

Nö.

Jetzt schaufel mal den Termin frei.

Nö.

Ich erwürge dich gleich eigenhändig.

Du und welche Invasionsflotte deines Heimatplaneten?

Jetzt zick‘ nicht ‚rum, der Kunde ist wichtig. Die machen ganz viel mit Brötchensponsor und dann noch mehr!

Während mein Dönerteller langsam die Temperatur des Raumes annimmt, rufe ich eben in unserem CRM-System $Großebude auf und betrachtete mir ihre Brötchenbringer-Umsätze der letzten beiden Jahre. Diese reichten nichtmal aus, um meine Reisekosten für ein Quartal zu decken.

Jetzt hör mal zu du Vertriebskasper. Erstens habe ich da meinen mehr als wohlverdienten Urlaub, zweitens ist genau an dem Tag mein Geburtstag, drittens bist du zur Party eingeladen und viertens reichen ihre Umsätze der letzten Jahre im Bereich Brötchenbringer nichtmal um deine Spesenabrechnung für einen lustigen Abend zu begleichen. Dazu sitzen die direkt um die Ecke und könnten bei unseren Schulungen in unserem Haus vorbeikommen und ich soll da jetzt extra nur für die hin? Diese überlichtschnellen Reisen zu deinem Heimatplaneten bekommen dir echt nicht sonderlich. Und jetzt beam dich weg und wehe du störst mich noch ein einziges Mal beim Essen, dann sitzt du aber direkt im nächsten Shuttle mit nächstem Halt Sonne.

Die extraterrestrische Lebensform versteht, was in diesem Moment für sie gesünder ist, nickt mir zu und vergisst auch nicht, beim Verlassen die Tür zu schließen. Ich schüttle den Kopf und seuftze tief, ehe ich mich wieder meinem nunmehr lauwarmen Dönerteller widme.

Kommentare
  1. Buckethead sagt:

    Wie sich ihr eigenes Grab schaufeln… Zu köstlich!
    Apropos köstlich: Kann man nicht auch aus den Nervensägen Döner zaubern oder gilt das dann schon wieder als „nicht Gesellschaftfähig“?

  2. Nala sagt:

    Türe geschlossen heisst in dem Falle wohl nur Türe ist nicht sperrangelweit offen. Geschlossen wär für mich jetzt mit Schlüssel und entsicherter Schussanlage gewesen ;-) Schieb nächstes Mal noch eni Stuhl unter die Türfalle. Sicher ist sicher.

  3. @Buckethead

    Den Außerirdischen in einen Döner zu verwandeln wäre zwar eine Idee gewesen, aber ich glaube das Fleisch ist für Erdenbewohner nicht genießbar.

    @Nala

    Wir pflegen hier die Kultur der offenen Bürotür, wie du schon richtig erkannt hast. Sprich unsere Türen sind prinzipiell offen, außer eben man möchte nicht gestört werden, weil man gerade einen Azubi in Ruhe seziert oder so. Hätte ich keinen Generalschlüssel, müsste ich auch scharf nachdenken, wo ich den Schlüssel für meine Bürotür hingetan habe.

    Und nein, ich blockiere die Tür nicht. Das ist eines der elementaren Dinge, die jeder neue Mitarbeiter mitgeteilt bekommt: Geschlossene Tür bedeutet „Du bleibst draußen!“. Außerdem ist es im Unternehmen bekannt, dass ich sehr unangenehm reagiere, wenn ich beim Essen gestört werde. :)

  4. Buckethead sagt:

    Schade. Sonst hätte man ja fast das unausweichliche mit dem nützlichen verbinden können :)

  5. @Buckethead

    Schon, aber wie gesagt, einerseits mag ich diesen Sternenreisenden sehr, zum anderen würde mir seine Lebensgefahr… erm Lebensgefährtin dann nicht mehr gut gesinnt sein. Das wäre aus vielen Gründen, die hier nichts zur Sache tun, eine echte Katastrophe für mich.

  6. opatios sagt:

    Es kann in solchen Situationen helfen, den lauwarmen Dönerteller mittels Mikrowellen wieder auf angemessene Temperatur zu bringen und sich währenddessen vorzustellen, dass sich die Ohrläppchen, Finger- und Zehenkuppen des Delinquenten darin befinden… ;-)

  7. @opatios

    Erstens steht die Mikrowelle in der Küche und dann hätte ich während der Wartezeit mit meinen Kollegen reden müssen, was ich ja vermeiden wollte. Zweitens schmeckt es lauwarm immer noch besser als per Mikrowelle aufgewärmt. *schüttel*

  8. Andrea sagt:

    „Töten! Auch wenn er ein Vertriebi ist, er ist des Lesens mächtig und er musste die große, fette Warnmeldung „Der Maskierte möchte jetzt nicht gestört werden. Grund: MITTAG! FUTTER! WAGE ES NICHT!“ vorher wegklicken, bevor seine Nachricht an mich rausging.“ *loooooooooool* Auweh – sowohl der „arme“ Außerirdische, als auch meine armen Rippen, die ich mir beim Lesen des Artikels beinahe vor Lachen gebrochen habe.

    Merke: Störe nie den Maskierten bei dem Essen – sonst wird man selbst von ihm verspeist.

    VhG

    Andrea

  9. Andrea sagt:

    „Der Außerirdische hat Glück, dass ich ihn wirklich sehr gut leiden kann. Außer ihm und dem Häuptling hätte diese Todsünde keine andere Lebensform überlebt. Merke, es gibt wenig, was mich sofort zur Weißglut treibt, aber zwischen mir und meinem Essen zu stehen oder mich davon abzuhalten, ist ein ganz sicherer und schneller Weg den Löffel abzugeben.

    “ *loooooooooooooooooooooool* Den Löffel abgeben – und essen – *loooooooooooooooooooool*

    Ok, beim Döner essen lass ich dich in Ruhe. Ich hasse Döner. *schon mal einen eimer bereithalt*

    VhG

    Andrea

  10. @Andrea

    Man stört mich generell nicht ungestraft beim Essen. Egal was. Es gibt Dinge, die sind heilig ohne jedweden Widerspruch.

  11. Nik sagt:

    Wir alle kennen Beispiele aus der Reihe „Berühmte letzte Worte“, zum Beispiel
    Beifahrer: „Rechts frei…“

    Soldat: „Dieses Waffe ist garantiert ungeladen…“

    Neu ist dieses Beispiel hier:
    Mitarbeiter: „Markierter, darf ich mal kurz beim Mittag stören? Ist nichts Wichtiges, geht auch ganz schnell…“

    :-)

  12. @Nik

    Der Mitarbeiter kommt höchstens bis zum „darf ich“, danach ist er schon über den Jordan. ;)

  13. Jendes sagt:

    Na ja. Zumindest bemüht.

  14. @Jendes

    Bemüht und doch verloren. ;)

  15. Andrea sagt:

    @Maskierter

    Das wäre aber nicht gut die Azubis und Mitarbeiter zu „fressen“. ;) ;) Wer soll dann deinen Kaffee kochen oder was Azubis halt so tun ? ;)

    (jeder – ist die grammatiklisch korrekte Form).

    3 Dinge bei denen man dich nicht stören darf: Essen, Nahrung wieder loswerden (egal durch welche Körperöffnung ;) ) und Schlafen.

    Gell ? ;)

    VhG

    Andrea

  16. @Andrea

    Hervorragend erkannt. Aber du hast Nummer 4 vergessen. ;)

  17. Andrea sagt:

    Nr. 4 ? – Äh: Austausch von Körperflüssigkeiten mit einer weiblichen Person ? Oder etwas in der Richtung ?

    Ich schau‘ gerade drein wie ein Uhu nach dem Waldbrand = ich kenn mich nicht aus.

    VhG

    Andrea

  18. Andrea sagt:

    Sorry habe oben den ;) Smiley vergessen – der nach dem ersten Absatz hinter „Richtung“ gehört. *verlegen*

    VhG

    Andrea

  19. @Andrea

    Hut ab, präzise erkannt.

  20. „Darf ich kurz stören?“

    „Tust Du bereits…“

  21. @brombeerfalter

    Zu trivial. Aber wahr.

  22. bla sagt:

    das passiert dir zu recht!
    der arbeitsplatz ist der denkbar schlechteste ort um ungestört zu essen…

  23. @bla

    Zu Recht? Finde ich nicht. Bei uns herrscht ein angenehmes Betriebsklima und wenn der Häuptling mitbekommt, dass jemand beim Mittagessen mit etwas derart Unwichtigem gestört wird, bekommt er eine Ansage von ihm. Denn eines haben wir alle verstanden: Wir sind primär dort, damit unsere Brötchen morgens auf den Tisch kommen. Damit aber bisschen mehr als Dienst nach Vorschrift bei rumkommt und man möglicherweise sogar noch Spaß hat und dadurch vielleicht sogar außergewöhnliche Einsatzbereitschaft zeigt, wird eben auch drauf geachtet, dass wenn es die Situation zulässt, die Bedürfnisse des gemeinen Indianers berücksichtigt werden. Und dazu gehört vor allem, in der Mittagspause ungestört sein Mahl zu sich zu nehmen – entweder in der Küche gemeinsam mit den Kollegen oder eben bei verschlossener Tür mit deaktiviertem Telefon in seinem Büro.

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