Bauchgefühl

Veröffentlicht: Montag, 13.02.2012 in Erlebnisse

Wir saßen im großen Konferenzraum und warteten auf das Erscheinen Sabine Fegers, die uns unseren Gast bringen würde. Vor dem Häuptling und mir ausgebreitet waren seine Bewerbungsunterlagen. Er hatte sich auf die Ausschreibung einer Stelle in meiner Abteilung über eine bekannte Business-Social-Network-Seite gemeldet.

Die ausgedruckten Unterlagen verrieten uns, dass wir auf Dirk Ingo Lettant warteten. Und das schon seit über einer halben Stunde. Immerhin hatte er exakt 4 Minuten nach Beginn des Termins angerufen, um uns mitzuteilen, dass er sich verspätete, während wir bereits im Konferenzraum warteten. Als Sabine bei uns anrief, um uns von diesem Umstand zu unterrichten, waren wir schon sehr begeistert.

Laut dem Lebenslauf und den darin geschilderten Projekten war Dirk prinzipiell ein geeigneter Kandidat für die zu besetzende Stelle, jedoch fehlte es ihm ein wenig an Erfahrung und die Referenzen legten zwar kein überdurchschnittliches, aber wenigstens brauchbares Zeugnis ab. Da aber dank Antidiskriminierungsgesetz Arbeitszeugnisse heutzutage oftmals nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt werden, und man Informationen über den Kandidaten von Ex-Arbeitgebern bestenfalls und illegalerweise nur hinter vorgehaltener Hand erhält, mussten wir den Probanten natürlich umso intensiver im Gespräch beleuchten.

Zudem war die Arbeitsmarktsituation dieser Zeit so, dass jeder, der einen Rechner unfallfrei anschalten konnte, auf der Stelle weg eingestellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt einen derart qualifizierten Menschen auf dem freien Markt zu finden, wie die Papiere versprachen, verwunderte uns ein wenig, zumal er nicht erst seit gestern einen neuen Brötchensponsor suchte.

So saßen wir da, studierten die Unterlagen und es würde wie so oft verlaufen: Der Häuptling würde den größten Teil des Gesprächs führen und ich würde noch hier und da die fachliche Qualifikation abklopfen und mich einklinken, wenn ich etwas detaillierter wissen wollte. Von der recht späten Benachrichtigung waren wir ehrlich gesagt zwar leicht angesäuert, da wir dies erstens als unhöflich empfanden, weil man in der Regel schon vor Beginn eines Termins eine absehbare Verspätung melden kann – zu diesem Zeitpunkt besaß bereits jeder Deutsche statistisch zwei Handys – aber wollten dem jungen Mann dennoch eine Chance geben.

Nach geschlagenen 45 Minuten öffnete sich schließlich die Tür. Mit dem bezaubernden Lächeln, das Sabine stets für mich aufbrachte, schwebte unser Büroengel herein, dicht gefolgt von einem im Business-Casual-Dress gekleideten jungen Mann, der sich sogleich als Dirk Ingo Lettant vorstellte. Vom Auftreten her konnte ich keinerlei Kritik üben. Mit diesem Outfit könnte man ihn problemlos auf Kunden loslassen, auch wenn es nicht gerade alle Feinheit der Businessetikette beachtete. Aber Hand auf die Pumpe, das tat ich auch in den seltensten Fällen, denn Sakko, Hemd und Stoffhose waren passend und mehr als ausreichend für die meisten Kundentermine.

Als wir uns alle gegenseitig begrüßt hatten, Sabine hatte sich schnell und freundlich verabschiedet, baten wir Dirk Platz zu nehmen und boten ihm von unserer reichlichen Getränkeauswahl an. Dieser nahm das Angebot freudig entgegen und ließ sich eine Flasche Besatzerbrause ohne Glas mit den Worten „Bin Flaschenkind!“ reichen. Mein Blick kreuzte sich mit dem des Häuptlings und wir waren uns klar, dass wir gerade dasselbe dachten. Zwar ist Etikette wirklich keine Primärtugend, auf die wir übersteigernden Wert legten. Doch wenn ein Bewerber wie ein Schluck Wasser in der Kurve, bevor das Heck ausbricht, auf dem Stuhl regelrecht hängt und dann noch mit dem flapsigen Spruch sein Getränk aus der Flasche statt aus dem angebotenen Glas trinkt, stellt sich schon die Frage, ob er so auch im Namen des Unternehmens beim Kunden aufschlägt.

Wir bewahrten Contenance und begannen das Gespräch, ohne weiteren Anstoß an der dahingeflegten Haltung des Kandidaten zu nehmen. Der Häuptling übersprang die Unternehmensvorstellung und fragte direkt nach dem Grund der Verspätung. Sämtliche meiner Alarmglocken bimmelten. Derart direkt und forsch war er bisher nie im Vorstellungsgespräch vorgegangen. Dirk beantwortete dies, dass er noch hätte tanken müssen und es da Probleme mit seiner ec-Karte gab, woraufhin er sich die Folgefrage gefallen lassen musste, ob er dies nicht schon im Vorfeld hätte erledigen können. Mit einer Gelassenheit, die ihm jeden passionierten Kiffer den tiefsten Respekt abgewürdigt hätte, zuckte er die Schultern.

Wieder begegnete mein Blick dem des Häuptlings und ich konnte es mir nicht verkneifen unverhohlen mit den Augen zu rollen. Eigentlich waren wir beide bereits voll und ganz bedient, aber wo wir schon so viel Zeit vergeudet hatten, versuchte ich zu retten, was zu retten war und stellte ein paar Fragen zu den im Lebenslauf angegebenen Projekten. Mit einem Elan, der jeden Wachkomapatienten zu Tode gelangweilt hätte, lavierte er herum. Während meiner mühsamen Versuche, seinen Ausführungen zu folgen, wuchs in mir immer mehr der Eindruck, dass er nicht so recht wusste, was er gerade absonderte.

Kurz bevor ich drohte einzuschlafen, kommentiere mein Häuptling trocken:

Sie überzeugen mich kein bisschen.

Meine Kinnlade wäre beinahe krachend auf dem Tisch gelandet, ob des deutlichen Zeichens und der Herausforderung, endlich mal Butter bei die Fische zu geben. Doch statt diesem Wink mit der gesamten Scheune zu folgen, langweilte diese Katastrophe vor dem Herrn weiter.

„Sagen Sie mal“, unterbrach mein Oberster genervt die substanzlosen Aussagen Dirks. „Wie gehen Sie eigentlich an Fehler heran?“

Statt jetzt zu hören, wie er allgemein versucht einen Fehler einzukreisen, kam mir der bisher unglaublichste Satz in der Geschichte meiner gesamten Vorstellungsgespräche zu Ohren:

Och, wissen Sie, das entscheide ich so aus dem Bauch heraus.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Das konnte nicht wahr sein. Und auch der Stammesführer hatte nun genug:

Danke, dass Sie so erfolgreich unsere Zeit vergeudet haben. So wird das nichts mit uns. Guten Tag.

Sprach’s, erhob sich von seinem Platz und zeigte zur Tür. Zumindest das verstand der Meister der totalen Merkbefreiung, rappelte sich aus seiner Haltung, als hätte man ihm das Rückrat gebrochen, auf und ging zur Tür. Der Häuptling packte mit kontrolliertem Zorn die Unterlagen und wir begleiteten den Helden stumm zum Ausgang. Paralysiert von den vergangenen 20 Minuten war ich auch außer Stande, das gebotene Mindestmaß an Höflichkeit aufzubringen und Dirk korrekt zu verabschieden. Andererseits, was soll’s?

Als er schließlich zur Tür raus war, explodierte neben mir eine Splitterbombe, dass ich unwillkürlich den Kopf einzog.

So ein Idiot, wegen dem haben wir über eine Stunde Zeit verloren. Was für eine elende Zeitverschwendung! Kein Wunder, dass der nirgends was findet. So eine Luftpumpe!

Energisch steckte er die ausgedruckten Unterlagen in den großen Papierschredder am Empfang und verließ mich weiter vor sich hinfluchend in Richtung seines Büros. Und ich muss zugeben, ich brauchte auch eine ordentliche Weile bis ich die Fassung wieder fand. Sowas hatte ich noch nicht erlebt, in all den Jahren nicht.

Kommentare
  1. Eunoia sagt:

    Da war jemand, der nur den Beweis wollte,daß er sich irgendwo beworben hatte (Für’s Arbeitsamt)…

  2. @Eunoia

    Könnte natürlich sein, aber den Eindruck hatte ich nicht. War wohl eher so, dass er sich einfach für der Weisheit letzten Schluss hielt und wir durch unser Fragen seiner gar nicht würdig genug zeigten.

  3. Buckethead sagt:

    Vielleicht versucht er sein Glück ja demnächst in der Kommunalpolitik. Als junger, aufstrebender (vielleicht sogar Parteiloser) IT-Experte kann man da heute einiges reissen.
    Oder er tritt bald mit deinem Brötchensponsor kurzzeitig als Selbstständiger in Konkurrenz mit der Philsophie „Denen zeig‘ ich es jetzt! Die waren so ungehobelt bei meinem Bewerbungsgespräch damals“ :)

  4. Nobelix sagt:

    Hallo Maskierter,

    irgendwie kam mir dieses Vorstellungsgespräch doch ziemlich bekannt vor. Nicht weil ich – wie jetzt sicher einige vermuten – derjenige war (zum Glück war ichs nicht) – sondern, weil ich sowas selber oft genug erlebt habe.
    Sogar dann, wenn es um einen Ausbildungsplatz ging.
    Irgendwie scheint so ein Verhalten gelegentlich Berufs- und Branchenübergreifend vorzukommen. Muss wohl nen Nest irgendwo sein…

  5. @Buckethead

    Gerne doch. Soll er antreten, ich freue mich immer über… erm… kompetente Mitbewunderer. :D

    @Nobelix

    Ich glaube, da gibt es Pillen für, die das auslösen. Anders kann ich es mir nicht erklären.

  6. Nala sagt:

    Wobei die Fehlersuche aus dem Bauch raus ja grundsätzlich nichts schlechtes sein muss. Allerdings hätte dann wohl der Bauch auch gewusst, wie man sich an einem Bewerbungsgespräch anstellen muss um nicht gleich als Obertröte durchzugehen.

    Vermutlich stammt er noch aus der Zeit, in der IT-Leute dermassen gesucht waren, dass man selbst mit null Manieren einen Job bekam. Das klappt jetzt (zum Glück) nicht mehr und der armer Kerl wird irgendwann vielleicht begreifen (müssen), dass man etwas mehr bringen muss, als seine Anwesenheit.

    Habt Ihr inzwischen die Stelle besetzen können?

  7. @Nala

    Naja, bevor mir einer da mit Bauchgefühl rangeht, ist es mir doch lieber, er zeigt analytische Fähigkeiten. Mal eben stumpf rumprobieren und hoffen, dass man schon mal das richtige Stellrad erwischt, ist doch etwas kritisch, zumal sein Job ihn in hochkritische IT-Bereiche geführt hätte, wo Fehler durchaus mal zu einem Stromausfall in halb Deutschland geführt hätten. Und bereits zu dem Zeitpunkt war ein entsprechendes, seriöses Auftreten wichtig, zumal dahinter ein sehr guter Unternehmensruf stand und durch solche Dinge eben jener ganz schnell zerstört wäre.

  8. mm. sagt:

    Ich mag Deine Schreibart einfach. Und Deine Benamungskonventionen! :)

  9. Andrea sagt:

    „Aber Hand auf die Pumpe, das tat ich auch in den seltensten Fällen, denn Sakko, Hemd und Stoffhose waren passend und mehr als ausreichend für die meisten Kundentermine.
    “ – gut formuliert.

    D. I. Lettant – Name = Beruf. ;)

    Ob es Pillen dafür (gegen Blödheit ) gibt ? Weiß ich doch nicht.

    Bin ich Wikipepdia ? ;)

    VhG

    Andrea

  10. @Andrea

    Um es mit Descartes zu sagen: „Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.“

  11. Jack sagt:

    Mal wieder geil geschrieben! Montag Ist Maskierter-Tag! Yessss! Bitte weiter so! :-)

  12. @Jack & mm.

    Man tut, was man kann. :)

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