Schlafstörung

Veröffentlicht: Montag, 20.02.2012 in Kollegen, Kunden

Das Klingeln meines Handys riss mich aus dem Schlaf. Auf dem Display grinste mir das Foto eines total besoffenen Außerirdischen entgegen.

Dieses Foto entstand an jenem legendären Abend, den wir später nur unter Zuhilfenahme der Fotos auf meinem Handy, den Bewirtungsbelegen und dem zuvor entstandenen Polizeibericht rekonstruieren konnten. Alles begann damit, dass ich zu einem Kundentermin ausrückte und Der Außeridische mich begleitete, weil er meinen Verkäuferqualitäten misstraute wie ich seinen technischen Kompetenzen. Zumindest meine Zweifel waren vollauf begründet, denn ich habe bereits eine Historie als Verkäufer vorzuweisen. Dem Termin zuvor gingen langwierige Verhandlungen und an diesem Tag sollten die letzten Fragen geklärt werden, bevor dann ein wirklich großer Deal per Vertrag fixiert wurde.

Der Termin selbst verlief erfolgreicher als geahnt, denn wir konnten noch an jenem Tag unseren Kaiser Otto aufs Vertragspapier setzen. Daher beschlossen wir diesen Erfolg würdig zu feiern und so kam es, dass wir nach einem üppigen Mahl im nächsten Sternetempel uns in eine Cocktailbar verlagerten, wo das Verhängnis schlussendlich seinen Verlauf nahm. Meine Erinnerung setzte etwa beim sechsten oder siebten Weißrussen aus, zumal wir bereits zuvor im Sternetempel gemeinsam eine Flasche Bordeaux geleert hatten. Jedenfalls muss einem von uns danach die fixe Idee, ein Etablissement der Erwachsenenunterhaltung aufzusuchen, als der Stein der Weisen vorgekommen sein. Ich wage es zu behaupten, dass Der Außerirdische die treibende Kraft dahinter war, da ich wohl bereits im Taxi auf dem Weg dahin schon nicht mehr so reaktionsfreudig war, während der scheinbar auf Alkohol basierende Metabolismus meines extraplanetarischen Begleiters noch halbwegs operabel daher kam.

In der Lokalität angekommen muss dann auch das Foto entstanden sein, das mich fortan darauf hinwies, wer jetzt gerade den fernmündlichen Kontakt auf meiner drahtlosen Sprecheinrichtung suchte. Während ich mich sogleich wieder der Bar zuwandte und den Avancen der anwesenden Damen wohl mit souveränem Gelalle begegnete, bis ich wohl schließlich ins selige ethanolinduzierte Koma entglitt, schien es letztlich darauf hinaus zu laufen, dass mein Begleiter die inzwischen dort aufgelaufenen Kosten nicht mehr mit seiner Firmenkarte begleichen konnte, da selbst deren üppiges Limit irgendwann – speziell gegen Monatsende, an dem wir uns befanden – aufgebraucht war und wir den bisherigen Abend bestimmt nicht der Sparsamkeit fröhnten. Außerdem hatte ich klugerweise zu Beginn des Abends entschlossen, die Erklärung über die Spesenrechnung dem Außerirdischen zu überlassen. Da sein Zustand inzwischen auch nicht weit entfernt von meinem war und ich derweil wohl nicht mal durch die Explosion einer Atombombe reanimiert werden konnte, um mit meiner Kreditkarte in die Bresche zu springen, wurde schließlich die Trachtengruppe Grün-Weiß zur Interessensvermittlung hinzugezogen.

So viel zur Entstehung des schiefen Grinsens, das sich gerade grell in meine Pupillen fraß und mich zu vorgerückter nächtlicher Stunde um meinen wohlverdienten Schlaf brachte.

Sachmabistebekloppt?

In meiner bekannten liebensgewürzigen Art erwiderte ich den Ruf auf allen Grußfrequenzen.

Entschuldige tausendmal, dass ich dich aus dem Bett hole, aber ich hab hier noch Herrn Liebhaber auf der anderen Leitung, der ein ganz dringendes technisches Problem hat.

Vino Liebhaber war seines Zeichens einer der Inhaber und Geschäftsführer des technischen Bereichs einer unserer strategisch wichtigsten Kundenfirmen und enger Freund des Außerirdischen. Er gehörte außerdem zu der Art Kunden, die sich dadurch bemerkbar machten, dass sie letztlich so gut wie nie bei mir aufschlugen, weil sie über eine enorm hohe technische Kompetenz verfügten und seine Meldung das sichere Zeichen einer mittelschweren bis schweren Katastrophe war. Darüber hinaus zeichnete er sich durch eine äußerst sympathische und umgängliche Wesensart und eine exzellente Weinsammlung, die ihresgleichen sucht, aus. Kurz und gut, die Kacke war bei ihm am Dampfen, sonst hätte er sich nicht um diese Zeit gemeldet, und ich wäre der letzte Mensch auf Erden, der ausgerechnet ihn so hängen lässt.

Alles klar. Sag ihm, dass ich ihn in 5 Minuten zurückrufe. Muss nur ins Arbeitszimmer und den Rechner anschmeißen.

Keine 5 Minuten später machte ich mein Versprechen wahr, während mein Rechner sich noch mit sich selbst beschäftigte.

Vino mein Bester, wenn ich das nächste Mal in deiner Ecke bin, dann mach ich aber mal einen kleinen Streifzug durch deinen Weinkeller.

Mit diesen Worten grüßte ich ihn und erntete ein erfreutes Lachen:

Und ich hab schon bei dir gedacht, dass es gleich richtig teuer wird.

Eine halbe Stunde später war die Welt bei ihm wieder in Ordnung gebracht und ich widmete mich wieder meinem kuscheligen Kopfkissen. Selbstredend dass nie eine Rechnung für diese kleine Schlafstörung auf den Weg gebracht werden würde. Als dann am nächsten Nachmittag auf einmal ein Kurier mit einer Kiste exzellenten Weins bei mir im Türrahmen stand, bedauerte ich es schon fast wieder, viel zu selten von Vino kontaktiert zu werden.

Kommentare
  1. Toby sagt:

    Und wieder einmal ist der Wochenanfang gerettet, danke für diesen herrlichen Eintrag.

  2. Buckethead sagt:

    Dem kann ich nur zustimmen!
    Dank Vino steht dem weiteren Einlegen in altem, roten Traubensaft ja nichts im Wege ;-)

  3. Andrea sagt:

    „Meine Erinnerung setzte etwa beim sechsten oder siebten Weißrussen aus, zumal wir bereits zuvor im Sternetempel gemeinsam eine Flasche Bordeaux geleert hatten. Jedenfalls muss einem von uns danach die fixe Idee, ein Etablissement der Erwachsenenunterhaltung aufzusuchen, als der Stein der Weisen vorgekommen sein.“ *loooooooooooool*

    „Vino Liebhaber war seines Zeichens einer der Inhaber und Geschäftsführer des technischen Bereichs einer unserer strategisch wichtigsten Kundenfirmen und enger Freund des Außerirdischen. Er gehörte außerdem zu der Art Kunden, die sich dadurch bemerkbar machten, dass sie letztlich so gut wie nie bei mir aufschlugen, weil sie über eine enorm hohe technische Kompetenz verfügten und seine Meldung das sichere Zeichen einer mittelschweren bis schweren Katastrophe war. Darüber hinaus zeichnete er sich durch eine äußerst sympathische und umgängliche Wesensart und eine exzellente Weinsammlung, die ihresgleichen sucht, aus. Kurz und gut, die Kacke war bei ihm am Dampfen, sonst hätte er sich nicht um diese Zeit gemeldet, und ich wäre der letzte Mensch auf Erden, der ausgerechnet ihn so hängen lässt.
    “ *loooooooooooool*

    Der Tag ist gerettet, die Woche fängt gut an.

    Ein Lachen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen – oder so ähnlich.

    Spass beiseite: Weißt du vielleicht, wie man einen Eintrag beim WordPress Blog zwar schreiben, jedoch nicht für jedermann/jederfrau öffentlich zugänglich machen kann ?

    VhG

    Andrea

  4. @Andrea

    Speziell bei deinem zweiten Zitat sehe ich persönlich gar nicht, was dich zum Lachen bringt. Es ist eine nüchtern-ehrliche Betrachtung der Person, die hinter Vino steht. :)

    Du kannst Artikel per Passwort schützen.

  5. @Toby

    Das ist genau der Plan. :)

    @Buckethead

    Guter Wein muss nicht alt sein. Alt bedeutet halt nur noch selten verfügbar und dafür umso absonderlicher im Preis. Aber die Flaschen leerte ich mit größtem Genuss, das sei dir versichert.

  6. Buckethead sagt:

    Ich habe den Begriff „alt“ wohl etwas ausgeweitet. Wenn Traubensaft länger als ein Jahr rumsteht ist er für mich „alt“ ;-)
    Und ich erfreue mich auch ständig an jüngeren Jahrgängen.
    Die alten liegen eher bei meinem Vater im Keller und warten auf ihre Vernichtung an besonderen Tagen. Wobei man auch so ziemlich jeden Grund (Durst, Heizung steht auf 2, Nachbarskatze tot) als „besonders“deklarieren und damit den Konsum durchaus rechtfertigen kann.

  7. @Buckethead

    Genau meine Meinung, man trinkt Wein des Weines wegen. ;)

  8. engywuck sagt:

    na dann lass dich mal nicht als Bundespräsident wählen… Sich auf ander Leute Kosten besaufen, und dann Gegenleistungen dafür zu erbringen, tsts :-)

  9. Andrea sagt:

    @Maskierter

    Dein staubtrockener Humor – besonders die Stelle, in der die Kacke am Dampfen wäre, sonst hätte der Kollege (?) sich nicht bei dir gemeldet – bringt mich beim 2. Zitat zum Lachen. –

    Das mit dem Passwort schützen ist mir bekannt – doch wo genau beim Blog finde ich das – Na, dann such ich mal weiter.

    Gute N8, VhG

    Andrea

  10. @engywuck

    Ich eigene mich eher zum Bundesdiktator. Aber so ein reiner Grüßaugust-Job und ab und an bisschen debil dahrerschwafeln, das bekäme ich auch meisterhaft hin. ;)

    @Andrea

    Immer wieder interessant, wie Andere etwas wahrnehmen. Eigentlich war da kein bewusster Humor meinerseits versteckt und die Formulierung „Kacke am Dampfen“ ist recht geläufig.

  11. Andrea sagt:

    @Maskierter

    Ja, das kenn ich auch – wenn die Kacke am Dampfen ist. – Da gibt es doch 1 Witz, in dem es – sinngemäß zitiert – darum geht, dass eine Maus vor einer Katze flüchtet und von einer Kuh unter einem Haufen Kacke begraben wird. Doch das Schwänzchen der Maus schaut heraus . Die Katze sieht das und frisst die Maus.

    Fazit: Nicht jeder, der auf dich scheißt, ist dein Feind. Nicht jeder, der dich aus der Scheiße zieht, ist dein Freund. Und wenn du schon in Gefahr steckst, zieh den Schwanz ein. ;)

    VhG

    Andrea

  12. @Andrea

    Wahre Worte.

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