Zwei rechts, zwei links, eins fallen lassen

Veröffentlicht: Montag, 30.04.2012 in Kunden

Ich legte das Headset zur Seite, nachdem ich gerade einen Neukunden verarztet hatte, da marschierte mit einem diabolischen Grinsen Der Außerirdische in mein Büro.

Moin Maskierter, gerade hat Herr Ludwig-Anton Berschwall angerufen. Der hat ein Problem mit Brötchenbringer. Das übergibt die Daten an $ERP-System nicht mehr sauber, nachdem er dieses auf die neuste Version gepatcht hat. Hier die Rückrufnummer. Ach und geh vorher besser nochmal auf Toilette.

Nickend bestätigte ich dem Extraplanetaren, dass dies ein bekanntes Problem ist und wir bereits einen Patch dafür fertig hätten, diesen müsste ich nur noch dem Kunden zumailen. Doch beim Aufruf der Firma, in der Herr Berschwall arbeitet, fehlten leider die kompletten Kontaktdaten von diesem. Also doch anrufen und nach der Adresse fragen. „Und was hat es mit dem Toilettengang auf sich?“, wollte ich noch von meinem Vertriebler vom anderen Stern wissen.

Wirst du schon merken. Aber hör lieber auf meinen Rat.

Mit erneutem diabolischem Grinsen entmaterialisierte sich der Vertriebi und ließ mich ratlos alleine zurück. Sicherheitshalber folgte ich seinem Rat, denn es konnte ja nicht schaden, und kehrte nach einem Umweg zur Kaffeeküche mit einem dampfenden Pott des von mir so geschätzten Lebensnektars zurück. Nach einem herzhaften Schluck war ich bereit, mich todesmudig den Dingen zu stellen, die da kommen würden. Headset übergestreift, Nummer gewählt, zweimal Tuten und es meldete sich am anderen Ende kurz und prägnant der gewünschte Gesprächspartner mit:

Berschwall.

Der Maskierte von der Firma Brötchensponsor GmbH. Herr Berschwall, Sie haben bei meinem Vertriebskollegen Außerirdischer ein Problem gemeldet.

Und bevor ich weiterreden konnte fiel mir der Kunde ins Wort. Dabei förderte er eine Kadenz zutage, die jedes MG vor Neid erblassen ließ. Dass der Kollege aus dem Vertrieb sei, sprach er, erklärt warum dieser so früh ausgestiegen ist, als er von den Spezifika der Interfaces zu $ERP-System angefangen hatte. Aber ich sei dann ja wohl der Fachmann und könne ihm da weiterhelfen. Und zwar würde die Bogus-Schnittstelle beim Aufruf mit den Parametern … und ich schaltete die Ohren auf Durchzug. Jeder Versuch das Wort wiederzubekommen wurde durch einen Redeschwall seinerseits unterdrückt. Auch merkte ich schnell, dass die Fragen, die er mir stellte, mehr rhetorischer Natur waren. Er wartete keine Sekunde ab, ob ich etwas erwiderte, sondern referierte unbeeindruckt weiter. Da hatte wohl jemand die komplette Dokumentation von $ERP-System gefressen und auswendig gelernt.

Während das Rauschen auf meinen Ohren kein Ende nahm, überlegte ich, ob jetzt nicht der richtige Zeitpunkt gekommen sei, mit dem Stricken anzufangen. Wie meine Gedanken so durch die Gegend schweiften und ich parallel dazu im Netz mir Instruktionen zum Stricken suchte, stellte ich dann doch etwas enttäuscht fest, dass mein Vorhaben an einer entscheidenden Stelle hinkte: Ich hatte kein Strickzeug! Aber davon ließ ich mich nicht demotivieren, erstmal in Ruhe die Theorie anschauen, dann klappt das später mit der Praxis einfacher.

Meine Ohren waren bereits mehrfach durchgespült und ich wollte gerade per Messenger einen meiner Azubis anweisen, mir Strickzeug zu besorgen, da merkte ich, dass die Flut an Worten auf meinen Ohren abebbte. Da ich keinerlei Ahnung hatte, was Herr Berschwall gerade von mir wollte, griff ich zu einem rhetorischen Kniff der Meisterklasse:

Um es kurz zu machen, der Fehler ist bekannt und wir haben bereits einen Patch dafür. Wenn Sie mir Ihre Mailadresse verraten, sende ich Ihnen den Patch zu. Die Installation ist recht …

Schon wieder rauschte es los und meine Stirn krachte ungebremst auf die Tischplatte. Ich spürte keinen Schmerz, denn dieser Nervenimpuls wurde durch das Dauerfeuer auf meinen Ohren überschattet. Wir alle wissen ja, gegen Kopfschmerzen hilft ein Schuss in den Fuß; das gleiche Prinzip. Als ich wieder den Kopf aufrichtete, fiel mein Blick aufs Telefon, das mir verriet, dass die aktuelle Gesprächsdauer bereits die halbe Stunde deutlich überschritten hatte. Ich deaktivierte das Mikrofon meines Headsets und seufzte laut. Dann schnappte ich mir den ersten verfügbaren Azubi im Messenger und wies ihn an, mir Stricksachen zu besorgen und bloß an die Quittung zu denken.

Wann hat man dir denn die Titten abgeschnitten?

Dies wollte der verduzte Laufbursche von mir wissen. Ich riet ihm, besser zu tun wie geheißen, wenn er sein Ausbildungsende noch über der Erde erleben wollte, statt mich frech anzumachen. Die knappe Bestätigung bestätigte mir, dass er jetzt verstand, welche Stunde gerade geschlagen hatte.

Meine Ohren waren inzwischen porentief rein und die Gesprächsdauer belief sich inzwischen auf knapp eine Stunde, als ich endlich eine Mailadresse raushörte. Schnell tippte ich diese in die bereits von mir vorbereitete Mail mit dem Patch und der Installationsanleitung, die da hieß „Doppelklicken, bestätigen, dass für einen kurzen Moment die Dienste angehalten werden, maximal zwei Minuten warten und das Problem ist behoben. Der Installer meldet dann auch, dass alle Dienste wieder gestartet sind.“ und schickte sie auf die Reise. Keine zwanzig Sekunden später gab es eine kurze Unterbrechung im Redefluss und Herr Berschwall bestätigte, dass er meine Mail erfolgreich erhalten habe und ich nutzte die Gelegenheit, um mich kurz und prägnant aus dem Staub zu machen:

Sie haben dann jetzt alles, was Sie benötigen. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.

Ein Redeschwall setzte wieder an und ich trennte die Verbindung. Inzwischen war eine Stunde vergangen. Erleichtert und befreit atmete ich auf und aktivierte die Anrufsperre in meinem Telefon. Dann öffnete ich unsere Warenwirtschaft, um eine Rechnung für Herr Berschwall anzulegen, als gerade mein Azubi mit den Stricksachen in der Tür stand. Ich dankte ihm und nahm Ware und Quittung entgegen. Dann fragte ich, welches Geld er genommen hätte und er meinte, er hätte sich von Sabine etwas aus der Spesenkasse geben lassen. Ich nickte und dankte ihm nochmals, dann legte ich eine Rechnung über eine Stunde Telefonsupport plus Auslagen an. Die Auslagen hatten zufälligerweise die Höhe des Betrags auf der vor mir liegenden Quittung. Die gesamte Rechnung wurde übrigens kommentarlos von Herrn Berschwall beglichen.

Sollte er also wieder anrufen, bin ich vorbereitet.

Kommentare
  1. Wolfy sagt:

    Naja – Stricken beruhigt wenigstens. :D

  2. breakpoint sagt:

    Welches Muster wolltest Du denn stricken (das mit dem Fallenlassen funktioniert nur in Ausnahmefällen).
    Ich selbst habe mir früher meine Strickmuster binär kodiert (wenn ich mich recht erinnere, 4 bit pro Masche).

    Übrigens kann man Tischdecken stricken, wenn man in jeder Runde 2*pi Maschen aufnimmt (dabei ist allerdings das Seitenverhältnis der Maschen nicht berücksichtigt, in der Praxis haben sich deshalb 6 Maschen/Runde bewährt).

  3. @Wolfy

    Möglich, ich habe es nicht mehr ausprobiert.

    @breakpoint

    Sehr zu meinem Nichtbedauern haben wir kurz darauf den Kunden verloren. Und zwischenzeitlich konnte ich jedweden Kontakt vermeiden.

  4. opatios sagt:

    An einem seiner Vorfahren muss das römische Reich zugrunde gegangen sein. Der Typ ist die Reinkarnation des Senatsmitgliedes Marcus Redeflus.

  5. @opatios

    Aber hallo! Ein oder zwei Jahre nach diesem Erlebnis ging ein Bericht durch die Presse über das Unternehmen, weil die etwas gehörig vergeigt hatten. Wunderte mich nicht, wenn da so Flitzpiepen wie der Berschwall am Werke sind.

  6. Das heißt, du kannst dann also bald das Fesselzeug für deine Azibus selber anfertigen. ^^

  7. @gotsassaufeinemast

    Azubis werden stilecht mit Patchkabeln gefesselt. Wir sind schließlich ein IT-Unternehmen!

  8. Andrea sagt:

    „Herr Ludwig-Anton Berschwall“ . *looooooooool* – „jeden Kontakt vermeiden“. Schade. ;) Ich hätte mich gefreut, noch mehr von/über diesem Herren zu lesen.

    Ich kenne keinen Mann der strickt – bist du masochistisch veranlagt, Maskierter ? ;)

    VhG

    Andrea

  9. Wolfy sagt:

    @Maskierter:

    Wenn du Bekannte oder Kunden in der Psychatrie hast, geh da mal hin. Da stricken alle. Ist so eine Art inoffizielle Therapie – und im Zweifelsfall wirksamer (und schonender) als Diazepam und co. xD

  10. Ex-Admin sagt:

    Meine Vorstellungskraft ist imho nicht gerade klein – aber ein strickender Maskierter? Vor meinem inneren Auge baut sich da gerade ein sehr bedenkliches Bild auf. Das ist ja genauso bedenklich, als wenn Batman das tun würde ;-)

    Einen ähnlichen Typen wie den Herrn Laberschwall kenne ich auch, allerdings in meiner Firma. Wenn seine Telefonnummer auf dem Display auftaucht, ist merkwürdigerweise so gut wie nie jemand zu sprechen. Vielleicht sollten wir doch Strickzeug besorgen…

  11. @Andrea

    Nope. Durch und durch waschechter Sadist.

    @Wolfy

    Und ich dachte schon, ich arbeite in einer Psychiatrie, wenn ich mir so meine Kunden und Kollegen anschaue.

    @Ex-Admin

    Desperate times require desperate measures.

    Du arbeitest nicht zufälligerweise in einer großen Firma, die vor paar Jahren wegen „Total verkackt“ durch die Presse ging? ;)

  12. Ex-Admin sagt:

    @ The hooded

    Well, that is quite right!

    Actually, i`m working for a big company. But „my“ employer knows how to keep secrets, especially when we are talking about bad publicity. ;-)

  13. Andrea sagt:

    @Maskierter

    Masochist nicht Sadist. ;)

    Na denn – du weisst ja schon wie’s geht: 2 links, 2 rechts, 1 fallenlassen. ;)

    VhG

    Andrea

  14. @Former IT-Dude

    Any news is good news. But if they still can keep their secrets, they are still using our product. ;)

    @Andrea

    Eindeutig Sadist. Und wie gesagt, ich habe ja nicht gestrickt, weil ich den Kontakt vermeiden konnte.

  15. Andrea sagt:

    @Maskierter

    Kannst du dir auch eine Maske stricken ? ;) ;)

    VhG

    Andrea

  16. @Andrea

    Du meinst so eine, wie ich sie meiner Ex-Freundin gestrickt habe?

  17. breakpoint sagt:

    Das ist aber gehäkelt!

  18. @breakpoint

    Erbsenzählerin. :P

  19. Andrea sagt:

    @Maskierter

    Ja so eine Maske meine ich. ;) – Egal ob gehäkelt oder gestrickt, sie gefällt mir.

    VhG

    Andrea

  20. breakpoint sagt:

    @Maskierter
    Keine Erbsen. Was man beim Stricken zählt, nennt sich „Maschen“. Das sind solche kleinen Schlaufen, durch die man die Fäden ziehen muss.

  21. […] Ich könnt ein paar Geschichten erzählen die dann aber sehr an Herrn Ludwig-Anton Berschwall aus dem Leben des von  mir hochgeschätzten maskierten Mitbürgers erinnern. Allerdings hatte ich […]

  22. breakpoint sagt:

    Dreihundertachtundneunzig…

    Kürzlich hatte ich mit Idgie13 über das Stricken diskutiert. Früher habe ich ja öfters gestrickt. Aber in letzter Zeit nicht mehr (von Ausnahmen abgesehen). Stricken kostet einfach Zeit, in denen man die Hände voll hat, also sonst nichts mehr mache……

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