Beschäftigungstherapie

Veröffentlicht: Montag, 18.06.2012 in Kollegen

Was ist der größte Fehler, den man begehen kann, nachdem man eine eigene Software entwickelt? Klar, man ist so irre und setzt sie selbst ein.

Aber von vorne. Es war einer dieser ganz gewöhnlichen Tage, die schon damit beginnen, dass man sich fragt, wie viel schlimmer es noch werden wird. Das Schicksal lässt sich dann natürlich auch nicht lumpen und macht es von Stunde zu Minute unerträglicher.

So begann der Tag damit, dass ich die Hotline aktivierte und schon das erste geistige Nachtschattengewächs, das leider aufgrund eines Wartungsvertrags berechtigt war, mir den Tag zu vermiesen, keine Minute später auf meinem Headset landete. Während ich also – Gram über das Etwas am anderen Ende der Leitung – meinen Kaffee mit Tränen verwässerte, sprang das Chatfenster unseres hausinternen Instant Messengers auf und es begrüßten mich die kraftlosen Buchstaben unseres Chefentwicklers Vincent Egetarier. Dieser klärte mich darüber auf, dass gerade die neue Version von Brötchenbringer fertig war und er diese jetzt auf unserem Produktivsystem einspielte.

Der Umstand, dass die neue Version fertig war, bereitete mir zwar einerseits ein wenig Freude, denn so konnten endlich zwei große Projekte abgeschlossen werden, die auf ein Feature in dieser Version warteten. Andererseits wurde mir auch sofort wieder bewusst, wie viele Kunden wieder mit Fragen auf mich zukämen, die zwar alle ausführlich in den Installations- und Upgradehinweisen derart leicht verständlich und bebildert erklärt waren, dass ein trainierter Schimpanse dies im Schlaf hinbekäme, doch diese Kunden leider nur untrainierte Schimpansen mit dem Auffassungsvermögen eines Goldfischs waren.

Mit einem leichten Seufzer, der mir im Moment dieser Erkenntnis entglit, irritierte ich die undefinierbare Lebensform am anderen Ende der Leitung, die das Seufzen auf ihre Ausführungen bezog. So durfte ich mir einen neuen Redeschwall anhören, dessen Ende ich schon nach dem ersten Satz vorhersagen konnte und auch gleich wusste, dass die Antwort meinem Gegenüber nicht schmecken würde, aber das ist eben Teil meiner Arbeitsplatzbeschreibung. Nachdem der Kandidat verarztet war, kam schon der nächste Patient mit Todessehnsucht, denn inzwischen war selbst der dank Verwässerung auf das doppelte Volumen gestreckte Kaffee erfolgreich implantiert und ich hatte keine Chance mehr, die Luft aus meiner Tasse zu lassen.

So ging der Tag weiter und während meine Ohren schon leicht zu bluten begangen und mir nichtmal die Mittagspause vergönnt war, stand plötzlich Karl Ohlescheffler in meinem Büro. Der Zeiger meiner Wanduhr stand schon bedrohlich nahe an der drei und mein Magen hing ungefähr 5 cm über dem Teppichboden. Sein Gesichtsausdruck zeigte mir, dass seine Provision bedroht war und wie wir alle wissen, gibt es nichts Schlimmeres für einen Vertriebi als schwindende Provision. Ich bat den Kunden, der mir gerade einen akuten Blutsturz im Innenohr bescherte, um eine kurze Unterbrechung und wandt mich meinem Kollegen zu:

Kalle, du alter Ferkelwemser, was kann ich gegen deine physische Präsenz unternehmen?

Maskierter, du oller Nuttenpreller, kannst mal bitte nachschauen, ob in unserem Bestellsystem was hakt? Ich hab heute Vormittag dem Kunden Ganz wichtige Bude GmbH & Co. KG ein Angebot zukommen lassen, auf das er dringend wartet und bis jetzt ist noch keine Bestellung eingegangen.

Dies war in der Tat ungewöhnlich, denn es war allgemein bekannt, dass es zwar ewig dauerte, bis im Hause Ganz wichtige Bude eine Entscheidung getroffen wurde, dann aber die Lieferung am besten schon gestern hätte erfolgen sollen. Ich kontrollierte die Logfiles und wurde schlagartig kreidebleich, als ich das E-Mail-Log sah. Darin war zu sehen, dass vereinzelte, automatisch generierte Mails aus unserem Bestellsystem auf einmal keinen Empfänger hatten und somit nicht versandt werden konnten. Statt aber, wie vorgesehen, in allen Fällen, in denen eine Mail nicht innerhalb von 5 Minuten das System verließ, eine Warnung zu generieren, um entsprechend den Ersteller darauf hinzuweisen, geschah exakt gar nichts.

Ich teilte meinem wartenden Foltermeister mit, dass er leider jetzt alleine seine Nichtigkeiten lösen müsse, da wir gerade wirkliche Probleme hatten und konnte nur noch eine Rundmail an alle verfassen, die eben mitteilte, dass teilweise Mails das System nicht verlassen hatten und ich eine entsprechende Liste mit den betroffenen Mails zusammenstellen werde. Dies teilte ich auch Kalle mit, der wie ich kreidebleich wurde und hinaus eilte, um dem Kunden das Angebot schnell zu faxen, wie er mir zurief.

Ich schnappte meinen inzwischen ausgetrockneten Kaffeebecher, der schon Spinnweben angesetzt hatte, und beschloss, auf dem Rückweg von meinem jetzigen Ziel, wenigstens noch eine Ladung Maschinenöl zu bekommen. Dann stieß ich auch schon energisch die Bürotür von Vincent auf und konnte noch erspähen, wie er schnell eine Seite mit veganen Kochrezepten wegklickte.

Sag mal du Codeverbieger, schlägt deine Ernährung langsam auf deinen Denkapparat durch? Brötchenbringer frisst teilweise die Empfänger der Mails! Warum installierst du eine neue Version auf unserem Produktivsystem und kontrollierst das nicht?

Mit dem Blick eines Rehs im Fernlicht schaute mich der Bitkipper an. Dann setzte er zu seiner Verteidigung an:

Ich dachte, du kümmerst dich darum?

Ich atmete tief ein.

Hömma, Meister. Ich hab schon den ganzen Tag Kunden am Rohr und darf bei denen geradebiegen, was du und deine Mannen so verbrechen. Das hättest du auch gesehen, wenn du mal deine Brille putzt, dir ein Schnitzel auf den Teller haust und den Telefonstatus anschaust! Und dann soll ich mich noch drum kümmern, weil du unbedingt die neue Version an uns testen willst? Es war klar ausgemacht, dass derjenige das monitort, der es installiert.

Seiner Schuld bewusst zog er den Kopf ein und meinte nur noch „Ich kümmer mich um den Bug!“. Ich ersparte mir weitere Ausführungen, ging in die Teeküche, schnappte mir die Kaffeekanne und goss mir großzügig ein. Anhand von Farbe und Konsistenz konnte ich direkt meinen Azubi identifizieren, der den Koffeeinspender zu verantworten hatte. Zumindest auf ihre Kaffeebraukünste war verlass.

Es verwunderte mich gar nicht, dass sich bereits mehrere Personen in und vor meinem Büro aufhielten, als ich zurückkam. Schlechte Neuigkeiten und Klatsch verbreiteten sich schneller als das Licht im Firmenwigwam, womit Einstein eindeutig widerlegt ist. Natürlich wollten die Anwesenden wissen, ob ihre extrem wichtige Mail auch betroffen war. Nachdem ich alle Kandidaten unter sträflicher Ignoranz des inzwischen rotglühenden Telefons versorgt hatte, widmete ich mich wieder den Nichtigkeiten unserer Kunden, während ich parallel noch die Liste mit den betroffenen Mails fertig machte.

Den Rest des Tages brachte ich damit zu, während ich mit meinen Kunden telefonierte, Kollegen, die sich außer Stande erwiesen, meine Liste zu interpretieren, also im Grunde dem ganzen Vertrieb, die Frage zu beantworten, ob ihre Mail jetzt herausgegangen sei. Dabei gaben sie sich abwechselnd im Minutentakt die Klinke in die Hand.

Als ich schließlich dazu kam, das Supportpostfach abzuarbeiten und mit Blick auf die Uhr feststellte, dass es bereits halb 8 ist, streckte noch Der Häuptling den Kopf zur Tür rein, der gerade von einer gemütlichen Partnerveranstaltung, die gespickt mit lecker Essen und Trinken war, zurückkehrte und mich mit den Worten grüßte:

Na, heute wieder den ganzen Tag die Eier geschaukelt, dass du nacharbeiten musst?

Mein aus dem Handgelenk geworfener Anti-Stress-Knetball traf den Stammesführer zielsicher an der Schläfe. Mit einem verduzten Blick brachte er sich in Sicherheit und ich verabschiedete mich – geprügelt wie ein Hund – in den wohlverdienten Feierabend.

Kommentare
  1. Wolfy sagt:

    Goldfische und Paviane… wo ist mein Frühstück? :D

    Nebenbei: Veganer scheinen wirklich seltsame Gehirnwindungen zu haben. Armer Maskierter!
    http://api.ning.com/files/ym5uEd0mwq5oTcsg2nLuNhJ6qbC9nrQmCZ2QF5O4zIM-emGJW3E4Hvm8cA65F4Sf-Ezd7GkQHNYkSWeFvSx9id0*97AFahoO/FunnyVeganFunnyVeganCartoon5.jpg%3Fwidth%3D561%26height%3D352

  2. breakpoint sagt:

    Typischer Seiteneffekt.
    Man ändert etwas an Stelle A, und an Stelle B tritt ein Problem auf, mit dem niemand gerechnet hat.
    Sollte es theoretisch gar nicht geben, aber in der Praxis halt schon.

  3. Ich hoffe zum wohlverdienten Feierabend gab es wenigstens ordentlich tote Kuh.

  4. opatios sagt:

    Tja, nicht nur bei Kunden ist es empfehlenswert, neue Versionen zunächst auf Testclustern laufen zu lassen… das gilt auch für die eigene Bude.

    In einer geeigneten Minute würde ich da wahrscheinlich „one of these days“ von Pink Floyd einlegen… und Vincent mit dieser Textzeile vertraut machen.

  5. @Wolfy

    Schimpansen! Die Paviane sitzen im Marketing.

    @breakpoint

    Ich führe das einfach auf einen Mangel von tierischen Proteinen zurück.

    @gotsassaufeinemast

    Wenn ich mich recht entsinne, war da nur amerikanische Feinkost angesagt.

    @opatios

    Das Ding wird ja automatisiert getestet und von der Qualitätssicherung freigegeben. Dennoch ist dann die Order, dass derjenige, der es installiert, auch manuell das Ganze überwacht. Weil auch die QS eben ab und an ihre lichten Momente hat und mal gerne was übersieht, wie man sieht.

  6. Jens Bonn sagt:

    Ist das nicht so üblich? Man korrigiert einen Fehler und baut zwei neue ein? Oder baut ein neues Feature dazu und baut 3 neue Fehler ein oder, alternativ, verwurschtelt dabei einen anderen Programmteil so das er so gut wie unbrauchbar ist.

  7. Hui, das hört sich nicht gerade Blutdrucksenkend an. Ich hätte wahrscheinlich anstelle des Antistressballs, eine meiner Handgranaten geworfen, welche ich für solche Gelegenheiten immer im Täschchen habe ^^

  8. Matt sagt:

    Oh ja. Das ist die einzig sinnvolle verwendung für anti stress Bälle. Durfte meine Chefin auch schon feststellen…

  9. @Jens Bonn

    Klar ist das in der Entwicklung üblich. Als ich noch selber Code verbiegen musste, war das nicht anders. Aber inzwischen erwarte ich, dass solche Bugs nicht bis zu mir durchkommen.

    @angrystudymum

    Doofe Idee. Dann gibt es keine Brötchen mehr und Die Schamanin weiß als Medizynische, wie man jemanden richtig weh tut.

    @Matt

    Azubis und Kollegen lassen sich damit auch prima verscheuchen.

  10. Engywuck sagt:

    also einer der üblichen Tage :-) Ich durfte heute auch ein Skript des Azubis verarzten (fast fertig, vor nem halben Jahr geschrieben und laut ihm getestet). Sollte ja nur Alarm schlagen, wenn die Serverraumtemperatur so hoch ist, dass wir die tote Kuh direkt auf dem Serverschrank brutzeln können. Was heute der Fall war, aber ohne Alarm… Tipp: es ist *nicht* sinnvoll, die Durchschnitsstemperatur der letzten Minuten für die Alarmschlagung zu verwenden, den Eintrag „hab schon alarmiert, musst nicht gleich wieder“ aber an die aktuelle Temperatur zu koppeln. Letzteres ist nämlich schneller…. ;-)
    Ja, da gehört ne ordentliche Temperatursteuerung rein. Aber wenn seit Jahren das Gebäude „demnächst“ umgebaut wird und es sich nur um eine Zweigstelle mit Semiwichtigen Servern handelt…

    Und noch was Maskierter: du hast mich wieder darin bestätigt, dass mein Heil *nicht* im Endkundensupport liegt :-)

  11. Jackster sagt:

    „Ganz wichtige Bude GmbH & Co. KG“ YMMD ^^

  12. @Engywuck

    Die Arbeit von Azubis sollte grundsätzlich kontrolliert werden. ;)

    Und interner Endkundensupport – sprich Helpdesk, vor allem fürs eigene Produkt – ist ja noch okay. Schlimmer ist echter Endkundensupport. Vor allem, wenn du eigentlich mit „Fachleuten“ zu tun hast, deren einzige fachliche Qualifikation darin besteht, das Atmen nicht zu vergessen.

    @Jackster

    Gerne doch.

  13. Engywuck sagt:

    och, der Azubi hat bis in zwei Wochen seine Abschlusspräsentation. Da erwartete ich bisher schon, dass er ein klitzekleines Skript hinbekommt… ;-)

    Helpdesk kenne ich und ist schlimm genug „oh Herr Engywuck, das traue ich mich jetzt aber nicht“ *seufz* oder „ihr Programm tut schon wieder nicht“ (welches? was genau? warum erfahre ich dann erst jetzt davon, wenns schonmal war? ich *liebe* solche Fehlermeldungen) etc.
    Aber ich weiß, dass sowas nochmal potenziert wird bei Remoteanfragen und versuche deshalb alles, nicht unter „tote Alge ist intelligenter“ zu fallen, wenn ich selber mal extern anrufen muss.

    Frage an den Experten: wieso rücken immer mehr Firmen keine Installations- und Konfigurationsanleitungen raus? Bei denen, die Installations“support“ anbieten kann ich’s ja noch in gewisser Weise verstehen, aber wenn nach dem Kauf die einzige Reaktion „hier Rechnung, hier Downloadlink Programm-exe, Doppelklick zum installieren“ ist und das Programm dann 400 Konfigurations-Optionen hat (und das einzige und nur auf Nachfrage erhältliche Handbuch ein Enduser-Handbuch im Format Doppelseite A4 ist) wird’s dann doch eher lästig…

    eine andere Beschäftigungstherapie, diesmal von extern: am Samstag ein Erdkabel mit 400 Adern und Papierisolierung(!) soweit anbuddeln, dass der Stahlmantel ein Loch hat – und dann bis Mitte der Woche liegen lassen (ungeschützt). Dann „am Tag als der Regen kam“ sich wundern, dass sich da jemand über Internetzugangsausfall (warum nur…) beschwert und behaupten, man habe es ja schon gemeldet und außerdem habe der Nachbar gesagt, das Kabel sei ein Fernsehkabel und ohnehin nicht mehr benutzt… ich würde ja zu gerne wissen, was das wen letztendlich kosten wird :-)

    Ein gutes hat das Ganze: die redundante Internetversorgung wird mal wieder auf die Agenda gesetzt :-D Aber wenn das ganze Dorf nur mit einem Erdkabel angebunden ist wird das etwas schwierig…

    @Jackster: GmbH & Co KG ist nicht soooo selten…. und echt wichtige Kunden gibt’s dabei auch…

  14. @Engywuck

    Antwort des Experten: Bietet der Anbieter Herstellerzertifizierungen an? Falls ja, ist das die Antwort. Ansonsten kann ich aus der eigenen Praxis sagen: Das Handbuch ist so mit das Letzte, was auf den letzten Drücker fertig gemacht wird oder gar nachgeschoben. Andererseits liest das Handbuch gefühlt eh niemand, wozu sich also die Arbeit machen?

  15. Engywuck sagt:

    Selbsterfüllende Prophezeiung: wenn Handbücher immer dünner werden und später kommen (oder gar nicht) wurschtelt man sich halt so durch und prüft seltener, ob’s nicht soch ein gutes Handbuch gibt…

    Irgendwie vermisse ich die Zeiten, als bei Druckern techniche Handbücher mit Beschreibung der Druckersprache beilagen, teilweise inklusive Programmierbeispiele. Heute, wo der Druck durch einen primitivdownload im Netz ersetzt wäre muss man schon froh sein, den Tintentank auswechseln zu dürfen ;-)

    Ja, ich werde alt :-)

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