Diskussionsbedarf

Veröffentlicht: Montag, 25.06.2012 in Kunden

Ein ganz normaler Tag, wie er viel zu selten vorkam, lag bisher hinter mir. Die Kunden waren bisher alle auffällig unauffällig geblieben und ich konnte mich sogar zwischendurch der standesgemäßen Folter meiner Azubis und dem Studium der neusten Youtube-Clips widmen.

Derart in meinen Schutzreflexen geschwächt, reagierte ich auch ohne zu zögern auf das Klingeln des Telefons und nahm den Ruf entgegen.

Der Maskierte von der Brötchensponsor GmbH. Ein freundliches „Hallo“ und wie kann ich Sie von Ihrem Leiden erlösen?

Richard Tiglangsam hier. Guten Tag.

Alleine für diese Begrüßung brauchte der Kunde gefühlt 10 Minuten. Danach eröffnete er mir mit einer Geschwindigkeit, gegen die jede Schnecke ein Spitzensprinter war, sein Problem. Ich hatte ein Erbarmen mit mir selbst und bat Richard mir doch Fernzugriff zu gewähren, damit ich noch vor Feierabend das Gespräch beenden konnte.

Keine zwei Wiedergeburten später war ich dann schließlich per Fernwartung verbunden und begann mit der Analyse. Oder besser, ich versuchte es. Denn als Seiteneffekt seines Problems war die Prozessorlast des Systems so hoch, dass meine Kommandos mit 40-sekündiger Verspätung, wenn überhaupt, ausgeführt wurden. Zum Glück war das System eine virtuelle Maschine, so dass es möglich war, weitere virtuelle Prozessoren dieser zuzuteilen und diese explizit für mich zu reservieren.

Herr Tiglangsam, ich sehe gerade, dass das eine virtuelle Maschine ist. Würden Sie mir bitte eine weitere virtuelle CPU zuweisen, damit ich besser arbeiten kann.

Ich registrierte, dass die Zahnräder des mechanischen Rechenwerks, das die Steuerung über meinen Kunden zu verantworten hatte, sich langsam in Bewegung setzten. Ich fürchtete schon fast gleich als Fliege wiedergeboren zu werden, da erwiderte er:

Das habe ich schon versucht, aber das bringt keine Besserung.

Okay, einmal tief durchatmen, das mit dem Hören und Verstehen liegt halt nicht jedem auf Anhieb.

Das ist richtig, Herr Tiglansam. Aber ich brauche die CPU, um vernünftig arbeiten zu können.

Die Worte „vernünftig“ und „Arbeit“ in einem Satz – und sogar direkter Folge – schienen das Rechenwerk von Richard zu überfordern. Wieder beharrte dieser darauf, dass er dies bereits ohne Erfolg ausprobiert hätte.

Mit größter Willensanstrengung vermied ich es, aufgrund der spontan einsetzenden Migräne, nicht vor lauter Schmerzen laut loszuschreien. Nachdem ich mit Atemübungen mich soweit beruhigt und gegen den Schmerz angekämpft hatte, dass ich wieder in der Lage war, normal zu reden, versuchte ich auf ein Neues dem Kunden zu erklären, dass ich die zusätzliche Leistung für meine aktuelle Untersuchung benötige und er auch danach gerne wieder alles auf den Ausgangszustand zurücksetzen könnte.

Ein Ziegelstein wäre jedoch verständiger gewesen als Richard. So diskutierte ich eine geschlagene halbe Stunde, ehe ich folgenden Ansatz wählte:

Hören Sie, Sie machen jetzt ganz einfach das, was ich Ihnen sage und dann verschwindet das Problem. Okay?

Und so lotste ich ihn durch die Einstellungen seiner Virtualisierungssoftware, ließ ihn mir eine weitere virtuelle CPU zuweisen und konnte daraufhin innerhalb von fünf Minuten die Ursache für das Problem ausmachen und beheben.

Warum haben meine Kunden auch immer so einen Diskussionsbedarf, wenn sie am Ende eh tun müssen, was ich ihnen sage?

Kommentare
  1. Wolfy sagt:

    Warum? Weil sie nicht wissen, was gut für sie ist :D
    Aber wie ich sehe, sind solche Menschen als Kunden genauso nervig wie als Patienten. -.-„

  2. breakpoint sagt:

    In diesem speziellen Fall hat der Kunde es vielleicht einfach nur gescheut, die VM runterzufahren/auszuschalten.

    Allgemein hatten wir hier ja erst kürzlich die Diskussion, dass Kunden oft nicht wissen, was gut für sie ist. Und über ihre Begriffsstutzigkeit könnte ich auch das eine oder andere Lied singen.

    Dir, lieber Miakierter, wünsche ich gesundheitlich gute Besserung!
    lg breakpoint

  3. @Wolfy

    Eindeutig wissen Sie das nicht.

    @breakpoint

    Das Zuschalten der CPU ging dynamisch im laufenden Betrieb, deswegen hat mich das umso mehr verwundert. Der Typ war einfach nur total merkbefreit und registrierte nicht, dass es mir darum ging, dass ich arbeiten kann.

    Vielen Dank für die Genesungswünsche. Es wird.

  4. Compuking sagt:

    Hey das klingt ja wie im wahren leben… so aktionen habe ich jeden Tag hier in der Firma… davon kann ich auch ein Liedchen singen!

  5. @Compuking

    Liegt wohl daran, dass ich das wahre Leben hier wiedergebe. ;)

  6. Compuking sagt:

    Und ich habe immer gedacht, das wäre nur bei uns so… Wobei wir den Spaß intern und nicht extern haben ;)

  7. @Compuking

    Ach intern habe ich auch genug Späße, so ist das ja nicht. Schließlich bin ich hier ja laut Meinung meiner Kollegen „Mädchen für alles“. Wenn man nicht mehr weiter weiß, werde ich gefragt.

  8. Compuking sagt:

    Ok, Mädchen für alles bin ich auch, oder auch genannt „AvD“ (Arsch vom Dienst). Wir machen hier als IT auch alles was Möbel und Büromaterial angeht ;) Herrlich :D

  9. Engywuck sagt:

    möglicherweise hatte er es wirklich schon ausprobiert – aber dank seiner lahmen arbeitsweise hatte das amoklaufende Programm sich dann auch den weiteren Prozessor „gekrallt“… dann wäre seine Aussage, er habe das schon probiert erklärbar :-)
    Oder er hatte nur kürzlich die Hotline der Internetzugangsanbieter dran, die auch alles explizit nochmals anfordern („ziehen Sie bitte den Strom vom Modem“ – „aber ich habe VoIP, dann fliege ich aus der Leitung und ich hab’s vorher schon versucht“ – „ziehen Sie bitte den Stecker, sonst kann ich Ihnen nicht weiterhelfen“) und hat auf Automatik reagiert ;-)

  10. @Engywuck

    Nein, der Typ war, ist und bleibt total merkbefreit.

  11. Engywuck sagt:

    solange nicht „oh Herr Maskierter, das traue ich mich jetzt aber nicht“ kommt (wie mir bei einer Dame vom Einkauf passiert…) ;-)

  12. @Engywuck

    Wie oft hab ich den Spruch schon gehört. Oder, dass jemand Angst hat, dass davon etwas „kaputt geht“. Dass ich der Support des Herstellers bin und nach mir nur noch die Entwicklung mehr Wissen über das Produkt verfügt, will diesen Kunden auch selten einleuchten.

  13. Engywuck sagt:

    Das umgekehrte ist aber auch nicht besser: erst einen nötigen, was zu machen — und dann ist man an allem anderen gleich mitschuld… So wie neulich: bisher separate Rechner der neuen Abteilung „müssen“ „ganz dringend“ ins Normalnetz. Also per Boot-CD einen Virenscan drübergejagt (nur Scan, keine Korrektur, hat zudem ja auch nichts gefunden), sonst bisher nichts — und nun bin ich auf einmal am nicht mehr funktionierendem Spezialdrucker schuld… [1]
    Wie man’s macht ist es verkehrt…

    War übrigens derselbe Mensch, der sich beschwert hat, er könne die Spezial-Font-Datei, die bisher auf einen der Separat-Rechner ist, nicht auf dem Terminalserver installieren. Seltsam aber auch ;-)

    [1] bevor ich (auch) diesen Teil der IT kennengelernt habe wusste ich gar nicht, wie recht der BOFH hier hat:http://bofh.ntk.net/BOFH/1999/bastard99-20.php :-)

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