Perfektes Timing

Veröffentlicht: Montag, 20.08.2012 in Kunden

Der Tag begann damit, dass ich aufwachte, ins Bad rannte und Montezumas Rache freien Lauf ließ. Da es mir, bis auf diese Unpässlichkeit im Verdauungstrakt, gut ging, beschloss ich, einen „Home Office“-Tag einzulegen. Sprich ich arbeitete gemütlich von Zuhause aus – wofür hatte ich mir extra ein entsprechendes Arbeitszimmer eingerichtet? – und konnte somit stets sicher gehen, bei der nächsten überfallartigen Regung meines Dickdarms den Auspuff rechtzeitig über einen entsprechenden Schacht lancieren zu können.

Ich schrieb also eine kurze Mail an die Telefonzentrale, die gleichzeitig unseren Empfang bildete, dass heute keine Besucher zu mir vorgelassen werden können, da ich physikalisch durch Abwesenheit glänzte, und eine etwas längere Mail an meine Kollegen, in denen ich in schönen, sehr plastisch beschreibenden Worten ausmalte, was ich so produzierte, während ich jede meiner Fliesen im Bad mit Vornamen versah, und dass sie mir doch heute bitte nicht auf die Nerven fallen mögen. Andernfalls würde ich Geruchs- und Geschmacksproben verteilen.

Derart abgeschreckt, konnten eigentlich nur noch meine Kunden zum Problem werden. Ich überlegte, ob ich einfach kommentarlos während eines Gesprächs in die Keramikabteilung wechseln sollte, falls mein Gedärm dies spontan für nötig befand, doch entschied ich, dass ich das sanfte Plätschern nicht genießen könnte, während mir einer meiner Delinquenten die Ohren vollquakte. Schlimmstenfalls würde sogar das hochsensible Mikro meines Headsets noch die Geräuschkulisse übertragen, was den Kunden aus seinem Konzept bringen und mich dazu nötigen würde, wieder seine Liternai von vorne anzuhören. Der kabellosen Datenübertragungsinnovationen zum Trotz, Klo Office musste nun wirklich nicht sein.

Ich startete also die Telefoniesoftware auf meinem Firmenlaptop, nachdem dieses sich über VPN einen Weg ins Firmennetz gesucht hatte, und harrte der Dinge die da kommen würden. Sollte – getreu nach Murphy – im Moment eines Telefonats mit einem Kunden Montezuma wieder anklopfen, würde ich mich galant aus dem Gespräch verabschieden und einen Rückruf vereinbaren. So machte ich mich dran, meine Mails zu bearbeiten und mein übliches Tagewerk zu verrichten, als das erste Telefonat hereinkam. Doch um kurze Dinge lang zu gestalten – oder war es andersrum? – Murphy in Person von Montezuma, dieser wiederum repräsentiert durch meinen Darm, meldeten sich nicht.

Die Ruhe vor dem Sturm.

Diese Worte gingen mir durch den Kopf, als ich das Gespräch beendet hatte. Kurze Zeit später war es dann wieder soweit und ich machte mich daran, den Fliesen auch Nachnamen zu geben. Natürlich würde jetzt das Telefon mir die Ohren wundklingeln, dessen war ich mir absolut sicher. Doch … nichts! Als der Anfall vorrüber war und im Klärwerk die Kapazitäten eng zu werden drohten, kehrte ich zurück in mein Arbeitszimmer und justamente, als ich mich in meinen Bürostuhl fallen ließ, klingelte das Telefon.

„Perfektes Timing“, dachte ich mir. Während ich den Kunden verarztete, wartete ich darauf, dass diesmal der heimtückische Azteke zuschlagen würde. Doch … nichts! Selbst als ich per Fernwartung auf dem Kundensystem unterwegs war, ließ sich der indigene Südamerikaner nicht dazu herab, mich zu behelligen. Erst als das Telefonat und die Fernwartung beendet war, und ich wieder über meine sonstige Arbeit, die ich jederzeit unterbrechen konnte, gebeugt war, rief er mich zu sich.

Ha, jetzt werde ich keine 10 Sekunden auf dem Schacht sitzen, dann versucht mich alle Welt zu erreichen.

Ich konnte falscher nicht liegen. Nachdem ich in Ruhe für alle Fliesen einen Stammbaum ausgearbeitet hatte, der jede Kachel mit allen anderen in ein Verwandschaftsverhältnis über höchstens 5 Grade setzte, kehrte ich deutlich entleerter zurück ins Arbeitszimmer. Ich hatte es mir keine zwei Minuten im Stuhl bequem gemacht, da klingelte wieder das Telefon. Erstaunt über das außerordentlich gute Timing, suchte ich das Zimmer nach einer versteckten Webcam ab, konnte jedoch nichts finden. Ohne Unterbrechung durch meine Durchfallerkrankung wurde auch dieser Kunde mit meiner Kompetenz beglückt und entließ mich danach in mein weiteres Tagewerk, welches ich eine Weile verrichten konnte, bevor ich wieder ungestört über Badkeramik sinnieren durfte.

Kaum kam ich zurück von meinen Meditationsübungen, klingelte das Telefon. So ging es weiter, den ganzen Tag. Und obwohl ich wenige Tage darauf mein Arbeitszimmer kernsanieren ließ, konnte keine versteckte Kamera oder sonstige Ursache ausgemacht werden, die eine Erklärung für das perfekte Timing meiner Anrufer lieferte.

Kommentare
  1. Denkwürdig. Solch gutes Timing ist wirklich selten. Spione hinter den Badezimmerfliesen vielleicht? Wobei die ja, aller Beschreibung nach, den Arbeitstag nicht überlebt haben dürften. ;)

  2. Offizieller Tresenschmuck der Fu Bar sagt:

    Manchmal funktioniert die Welt einfach so, ohne besonderen Grund und Anlass. Deal with it.

    Aber gewöhn dich bloß nicht dran. Ich muss da an diese Szene aus einem Perry-Pratchett-Roman denken, als ein paar Leute versucht haben, die Glücksgöttin anzubeten …

  3. opatios sagt:

    Um es in wenigen Worten zusammenzufassen: Du hattest einen perfekten Scheisstag.

  4. @gotsassaufeinemast

    Ja, das war tödlicher als Ebola. ;)

    @Offizieller Tresenschmuck der Fu Bar

    Immer wieder erschreckend, wenn das passiert.

    @opatios

    Korrekt!

  5. Ex-Admin sagt:

    Die perfekte Abstimmung zwischen (Büro-)Stuhl und Stuhlgang :-)

  6. Wolfy sagt:

    Du hast bestimmt Wanzen. Ob sie nun viele Beine oder keine Beine haben ist Zufall xP

  7. @Ex-Admin

    Profi eben. ;)

    @Wolfy

    Ich ruf mal besser den Kammerjäger.

  8. Leser sagt:

    Ich vermute eher, dass es sich um ein äußerst sensibles Telefon handelt, das beim Einsatz biologischer Waffen den Dienst verweigert :-)

  9. @Leser

    Das erklärt auch, warum immer der ABC-Trupp der Feuerwehr im Firmenwigwam anrückt, wenn ich ein längeres Meeting in der Keramikabteilung hatte.

  10. breakpoint sagt:

    So sehr erstaunlich ist dieses Timing gar nicht.

    Dein Nervensystem ist einfach darauf konditioniert, den Stuhldrang zu unterdrücken, solange etwas wichtigeres zu tun ist.

    Ein ähnliches Phänomen ist, dass ich während meiner Schul- und Studienzeit grundsätzlich nur in den Ferien krank wurde – wie du ja auch erst kürzlich im Urlaub.

  11. @breakpoint

    Okay, der Gang ins Bad mag ja noch unbewusst von mir gesteuert gewesen sein, aber dass ich dort ungestört die Genealogie meiner Wand- und Bodenkeramik betreiben konnte, verwundert dann doch. Zumal Kunden einen doch prinzipiell dann anrufen, wenn gerade die Tasse Kaffee leer ist oder man ein dringendes Bedürfnis verspürt.

    Und ja, als guter Brötchenempfänger werde ich natürlich während meiner Erholungszeit krank. Für was ist die denn sonst da?

  12. breakpoint sagt:

    @Maskierter

    Gut, dass du nicht in deinen Sitzungen gestört worden bist, war wohl wirklich Glück – ohne das dieser Eintrag aber sicher nicht in dieser Form entstanden wäre.
    Während der Telefongespräche sorgte aber IMHO eine interne Priorisierung dafür, dass du nicht von einem dringenden Bedürfnis ereilt wurdest.

    Welch Luxus, nicht permanent telefonisch erreichbar sein zu müssen!

  13. @breakpoint

    Stimmt, das Zusammenspiel war einfach erstaunlich.

    Ich bin ja nur während der Arbeitszeit erreichbar. Während der – zugegeben spärlichen – Freizeit huldige ich der Ruhe und gerne auch Nichterreichbarkeit. Wenn dann ein Notruf aus der Firma ggf. sogar auf meinem privaten Handy reinkommt, dann muss Polen aber schon offen sein, ansonsten brennt der Kittel.

  14. Andrea sagt:

    „Ich konnte falscher nicht liegen. Nachdem ich in Ruhe für alle Fliesen einen Stammbaum ausgearbeitet hatte, der jede Kachel mit allen anderen in ein Verwandschaftsverhältnis über höchstens 5 Grade setzte, kehrte ich deutlich entleerter zurück ins Arbeitszimmer.“ *looooooooooooooooooooooooooool*

    Der perfekt Scheiss-Tag – so oder so interpretierbar. ;)

    VhG

    Andrea

  15. Eine überaus bildhafte Beschreibung eines Tages, von dem man doch eigentlich gar nicht so viele Bilder vor Augen haben möchte. Wenigstens kannst Du im Falle von Sprühwurst in physischer Abwesenheit von Kunden Deiner Arbeit nachgehen – ein Privileg, welches mir als Reisebusfahrer leider nicht gewährt wird, wie ich bei mir drüben auch schon zu thematisieren beliebte: http://brombeerfalter.wordpress.com/2011/11/09/strase-ohne-erleichterung/

  16. breakpoint sagt:

    Zweihundertsiebenundsiebzig…

    Der Fisch gestern abend im Thai-Restaurant muss verdorben gewesen sein. Ich habe Durchfall (eine detaillierte Schilderung erspare ich uns allen; ebenso verzichte ich auf eine Beschreibung der Fliesen in meinem Bad). Carsten hat es genauso erwischt, ……

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