Interessenkonflikte

Veröffentlicht: Freitag, 01.11.2013 in Kunden

Es gibt ja eine Art von Kunden, die kann ich ja ganz besonders nicht leiden: Kleinkunden, die fast mehr Arbeit machen, als dass sie Geld einbringen, sich aber für den Nabel der Geschäftswelt halten.

Nun verhielt es sich so, dass wir kurz davor waren, eine neue Version von Brötchenbringer auf den Markt zu bringen. Ingo D’Iot, seines Zeichens technischer Lufterhitzer bei der Seit Jahren kurz vor der Insolvenz GmbH, las den diesbezüglichen Newsletter und die darin angekündigten Funktionen. Unter anderem führten wir damals ein neues Modul ein, für das Ingo bisher einen Drittanbieter nutzte.

Da unser Lizenzmodell für seine 500 Benutzer deutlich günstiger als das des Drittanbieters war, klingelte natürlich ein Telefon im Vertrieb und der technische Lichtleiter wollte sofort das neue Modul lizensieren. Der Vertriebi, der wahrscheinlich von meinen kräftigen Nackenschlägen bezüglich seiner letzten Fehlleistung noch genug Phantomschmerzen verspürte, versprach diesmal nicht das Blaue vom Himmel, sondern wies korrekt darauf hin, dass die neue Version noch nicht veröffentlicht sei und wir aktuell nur den Betatest durchführten.

Vermutlich las er sogar noch die großen, roten, fettgedruckten Buchstaben im CRM, die besagten, dass dieser Kunde auf Lebenszeit wegen überragender Inkompetenz von jeglichen Betatests ausgeschlossen wurde, die ein freundlicher Maskenträger zum reinen Selbstschutz der mentalen Gesundheit sowohl seiner Kollegen als auch seiner selbst, dort hinterlassen hatte, wie auch dass er die entsprechenden Downloads im Kundenbereich so gesperrt hatte, dass nur noch er, der Entwicklungsleiter und Der Häuptling persönlich diese freischalten konnten. Doch diese Information drang nicht zu mir durch, als der Vertriebi entnervt und ohne Vorankündigung der folgenden Lärmbelästigung Ingo zu mir durchstellte.

Brötchensponsor, Sie sprechen mit jemand höchst urlaubsreifen. Fassen Sie sich kurz oder legen besser gleich auf, wenn Sie noch länger leben wollen.

In diesem Moment zauberte die Telefon-CRM-Schnittstelle die Kundendaten auf den Bildschirm und ich erkannte dadurch leider zu spät, dass meine viel zu freundliche Begrüßung mich als anwesend verraten hatte. Hätte ich doch besser gleich aufgelegt und den Rest des Tages frei genommen.

D’Iot hier. Ich will das neue Modul haben. Sofort!

Herr D’Iot, leider kann ich Ihrem Wunsch nicht nachkommen, da wir derzeit den Kreis der Betatester nicht erweitern möchten. Die neue Version erscheint jedoch in spätestens zwei, eher in einem Monat, wenn die Entwicklung weiterhin so erfreulich weiterarbeitet. Sie können dann automatisch durch Ihre Bestandslizenz das neue Modul für 90 Tage testen und jederzeit nachlizensieren.

Bevor er die Chance hatte, mir noch weiter auf die Nerven zu gehen, verabschiedete ich mich und stellte ihn zu dem Vertriebi zurück, dem ich diese unerfreuliche Störung zu verdanken hatte. Für mich war die Sache damit erledigt. Ein großer Irrtum, wie sich in naher Zukunft herausstellen sollte.

Die neue Version wurde veröffentlicht und einer unserer größten Industrie- und Referenzkunden bat darum, ihn bei der Einführung des neuen Brötchenbringers zu begleiten. Zeitgleich meldete sich Ingo D’Iot wieder und wollte ebenfalls, dass wir ihm die neue Brötchenbringer-Version einrichten, damit er das neue Modul testen könnte. Während der Großkunde mit weltweit mehr als 50.000 Arbeitsplätzen dafür selbstverständlich in die Portokasse griff, um unseren entsprechenden Stundensatz und die entstehenden Spesen zu begleichen, forderte D’Iot wie selbstverständlich, dass wir das gratis und vor Ort erledigen würden, schließlich würde er ja bei Gefallen das neue Modul lizensieren. Und als Termin natürlich am nächsten Morgen am anderen Ende der Republik.

Der Vertriebi versprach ihm beides und hatte kurz darauf mehrere Handabdrücke meinerseits im Nacken, nachdem er seine Schandtaten an mich weiterberichtete. Anschließend pumpte ich ihm noch verbal kräftig die Schuhe auf und teilte ihm mit, dass das frühestens in zwei bis drei Wochen der Fall sein kann, weil alle Kollegen und ich bei unserem Referenzkunden im bezahlten Einsatz wären und wir das maximal per Fernwartung machen würden. Er solle gefälligst bei Seit Jahren kurz vor der Insolvenz GmbH anrufen, und dem technischen Nichtleiter mitteilen, dass wir uns frühestens in drei Wochen melden und er schon mal die Daten aus der Drittanbieter-Software in einem der gängigen 5 Standardformate exportieren soll, damit die Sachen schnell in unser Modul importiert werden können.

Um weiteren physikalisch-effektiven Aufmunterungen durch meine Hand in seinem Nacken zu entgehen, tat der Vertriebi, was für ihn gesünder war und ich freute mich erstmal auf ein paar lustige Tage bei unserem Referenzkunden. Der Projektleiter dort war mir schon seit langem bekannt und hatte sich durch eine exquisite Whisky-Sammlung direkt in mein Herz – zumindest in einem Areal dicht in dieser Gegend – eingeschlichen. In einer der Mails vor dem Termin kündigte er schon an, dass er in seinem jüngsten Schottland-Urlaub eine ausgezeichnete kleine Distille entdeckt hatte…

Auch die schönsten Stunden gehen vorbei, auch wenn sie Tage andauern und diese Tage sich auf zwei Wochen dehnen. So saß ich in meinem Büro und kontaktierte Herrn D’Iot per Mail und fragte nach dem Stand der Dinge, insbesondere, ob er schon den Datenbestand erfolgreich exportiert hatte, damit wir einen Termin für die Einrichtung des neuen Moduls vereinbaren konnte. Da er sich selbst rühmte, das Drittanbieterprodukt fast besser als die Entwickler desselbigen zu kennen, konnte dies ja kein Problem für ihn darstellen.

Kaum hatte ich die Mail verschickt, da erhielt ich eine Mail von unserem Referenzkunden, der noch um ein paar Anpassungen des neuen Moduls bat. Selbstverständlich würde man für die priorisierte Behandlung den bekannten Stundensatz für unsere Entwickler entrichten. Es wäre jedoch von höchster Dringlichkeit.

Mit dem inzwischen aus der Mode gekommenen Geräusch einer alten, mechanischen Registrierkasse im Ohr, wies ich unseren guten Vincent Egetarier an, alle seine Mannen an die Erfüllung der Wünsche unseres Kunden zu setzen und bat ihn, dass er seine Würfel für eine grobe Mannstunden-Abschätzung befragen sollte.

Die Antwort lies nicht lange auf sich warten und zauberte mir ein breites Lächeln ins Gesicht und ich rief Vincent an, um ihn an meiner Freude teilhaben zu lassen:

Vincent, alter Bitverbieger! Weißt du, dass wir mit deiner Prognose gerade unser bisher bestes Jahresergebnis egalisiert haben, da der Kunde unseren Entwicklungsaufwand bezahlt? Und wir haben gerade Juni! Sag deinen Mannen, dass wir dieses Jahr einen obszönen Jahresbonus erhalten werden!

Freudig quittierte mein Gesprächspartner diese frohe Kunde und ich begab mich in des Häuptlings Büro, um auch ihn schon mal auf die guten Neuigkeiten zu impfen.

Als ich von meiner Mission zurückkehrte, erwartete mich mein Telefon mit 10 Anrufen in Abwesenheit und einer Mail von Ingo D’Iot:

RUFEN SIE MICH SOFORT ZURÜCK!!!!!!!!

Nachdem sich die 10 Anrufe in Abwesenheit als Anrufe von Ingo erwiesen, suchte ich erstmal mit einem Erzeugnis des Heise-Verlags unsere Keramikabteilung auf. Nachdem ich das komplette Magazin von vorne bis hinten durch hatte und der Abdruck der Klobrille mindestens noch zwei Stunden spürbar war, begab ich mich zu Sabine Feger, um mit ihr über unsere Wochenendpläne zu sprechen. Nachdem auch dies ausgiebig diskutiert war, machte ich noch einen Streifzug durch Vertrieb, Einkauf, Buchhaltung und Entwicklung, um den neusten Flurfunk aufzunehmen. Auf dem Weg zur Entwicklung begegnete ich noch Viktor Erpeil und bat ihn, dass er die Luft aus meiner Kaffeetasse vertreiben möge.

Nach etwas über zwei Stunden endete meine Runde in meinem Büro, wo der zuvor georderte Kaffee zwar nicht mehr heiß, aber dafür stärker als ein Startkatapult eines Flugzeugträgers auf mich wartete. Wenigstens Kaffee kochen konnte Viktor ohne jedwede Einschränkung. Ebenfalls erwarteten mich zwischen drei und vier Dutzend Anrufe in Abwesenheit, sowie Mails der unfreundlichen Art, ich möge doch gefälligst Ingo D’Iot zurückrufen.

Seufzend nahm ich Platz, streifte mir das Headset über, nahm einen kräftigen Schluck des Gebräus, das jedem anderen einen sofortigen Herzstillstand beschert hätte und rief Ingo an.

Der Maskierte in allerbester Laune, die auch Sie nicht verderben können, Herr D’Iot.

Was dauert das so lange? Immerhin bin ich zahlender Kunde! Hätten Sie nicht früher anrufen können? Wie dem auch sei, ich bekomme die Daten aus der $Drittanbieteranwendung nicht exportiert. Sie müssen mir dabei helfen!

Herr D’Iot, ich muss nichts, außer eines Tages dem Rasen beim Wachsen zuschauen. Der Export der Daten liegt allein in Ihrem Verantwortungsbereich.

Das ist eine Frechheit, schließlich will ich Ihr Modul lizensieren!

Erstmal wollen Sie das Modul kostenfrei testen. Und selbst wenn Sie das Modul lizensieren, sind immer noch Sie für den Import der Daten zuständig.

Aber dann muss ich jedesmal, wenn eine Bearbeitung in $Drittanbieteranwendung erfolgt, die Daten neu importieren. Sie müssen $Drittanbieteranwendung direkt anbinden, sonst geht das nicht. Sie müssen das in das Modul reinprogrammieren!

Eine direkte Schnittstelle an $Drittanbieteranwendung ist nicht vorgesehen, da Brötchenbringer ja im Grunde die Anwendung inzwischen komplett ersetzt. Außerdem sind gerade sämtliche Entwicklungskapazitäten für die nächsten Wochen gebunden, daher kann ich Ihrem Wunsch nicht entsprechen. Jedoch werde ich gerne die Anregung weitergeben, hier eine direkte Schnittstelle zu $Drittanbieteranwendung zu implementieren.

Ich bin Bestandskunde! Sie müssen das sofort implementieren.

Herr D’Iot, hören Sie mir jetzt einmal ganz genau zu. Wir müssen gar nichts, nichtmal Geschäfte mit Ihnen machen. Und wenn ich die Zahlungsmoral Ihres Unternehmens betrachte, können Sie von Glück reden, dass wir Ihnen die letzte Lizenzverlängerung vor Zahlungseingang genehmigt haben. Wenn Sie sich also jetzt nicht in Höflichkeit und Geduld üben und darüber hinaus für unseren Entwicklungsaufwand bereit sind zu zahlen, dann können Sie Ihre Forderungen stellen an wen Sie wollen, wir werden keinen Handschlag mehr tun.

Das ist eine Unverschämtheit, wie Sie mit Ihren treuen Bestandskunden umgehen.

Wie Sie meinen. Ich möchte nur anmerken, dass andere Kunden, die wesentlich mehr lizensierte Benutzer haben, dennoch bereit sind, für Ihre Wünsche die Entwicklungskosten zu tragen. Und da gerade so ein Fall eingetreten ist, werde ich mich um diesen kümmern. Einen schönen Tag noch.

Ich beendete das Gespräch, ohne auf die Reaktion von Ingo zu warten. Sollte er sich beim Häuptling über mich beschweren, würde ein Blick in die Kundendaten genügen, um zu wissen, dass dies ein Kunde der Kategorie „verzichtbar“ war.

Als ich vier Monate später die Insolvenzmeldung der Seit Jahren kurz vor der Insolvenz GmbH las, konnte ich mich eines boshaften Grinsens über Ingo D’Iot nicht erwehren.

Kommentare
  1. Wolfy sagt:

    ES HAT GEBLOGGT!
    *an alle Leser ruf, damit sie es nicht verpassen*

    Was ne Ar…..geige. Gut, dass ihr ihn jetzt erst mal los seid. Solche Leute mag ich ja „ich will 200% Leistung von euch, gebe aber nur 50% Gegenleistung – wenn ich grad Lust drauf hab“. -.-

  2. > ES HAT GEBLOGGT!
    Sie hat JEHOVA gesag, steinigt sie!

  3. Ist hier Weibsvolk unter uns?

  4. Wolfy sagt:

    Wie gemein. Da tue ich meine Euphorie nur Ausdruck verleihen und dann wirft man mit Steinen nach mir und verleugnet mein Geschlecht.

    Ihr… ihr… ihr…
    HASENBROTE!

  5. > Ihr… ihr… ihr…
    > HASENBROTE!
    SPALTER!

  6. Wolfy sagt:

    ó.ò
    *verlässt verstört die Kommentarfunktion*

  7. Engywuck sagt:

    du hast also die endgültige Insolvenz verursacht. Immerhin konnte D’Iot so nicht die Differenz der Lizenzgebühren sparen!

    ;-)

  8. breakpoint sagt:

    Ein neuer Eintrag!!!!! War gestern etwa Montag?

    Man sollte sich schon gut überlegen, wie man mit Geschäftspartnern umgeht.

    Jeder nur ein Kreuz!

    @Maskierter
    Was heißt hier „unter“?

  9. Sheepy sagt:

    Juhu, wieder ein Eintrag :)

    Aber diese kunden kenne ich aus meiner Selbständigkeit auch noch. Richtig ätzend wird es erst wenn man ihnen sagt das man die Geschäftsbeziehung beendet und sie es nicht Rallen.
    Ich finde das Arbeitsamt sollte für Existenzgründer eine Broschüre raus geben die vor solchen Leuten warnt ^^

  10. @Engywuck

    Ich glaube, die endgültige Insolvenz war nur ein „glücklicher“ Zufall. Aber ich bin sicher, dass bei der mieserablen Zahlungsmoral unser Geld auf der Strecke geblieben wäre. Insofern war das kein Verlust für uns. Die noch laufende Lizenz war zum Glück bezahlt, wäre aber auch bald wieder fällig geworden.

    @breakpoint

    Ach, nur ein Zitat aus einem völlig unbekannten Nischenfilm. Moment mal… :D

    @Sheepy

    Das Arbeitsamt ist die letzte Instanz, die überhaupt für irgendwas anderes als Arbeitslosengeld I gut ist. Wobei, halt, ich hab die ganzen IHKs und HWKs vergessen, die sind zu exakt gar nichts gut, außer die Beiträge der Zwangsmitglieder zu verbrennen.

  11. breakpoint sagt:

    @Maskierter
    Im Original des unbekannten Nischenfilms hieß es AFAIR „any womenfolk present?“, was in der dt. Übersetzung zu „Kann es sein, dass Weibsvolk anwesend ist?“ wurde.
    Nix mit „unter“!

  12. @breakpoint

    Sieh es als sinngemäßes Zitat für jemand, der sich solche Banalitäten grundsätzlich nicht einprägt.

  13. whiskey2011 sagt:

    lol, ich hab bei der frage nach „unter“ mal eben an etwas anderes wie „über“ oder „auf mir“ gedacht *g*

  14. Wolfy sagt:

    Ah gut, dass ich nicht die Einzige bin, die da anders dachte, als Break und die Maske.
    Andererseits kenne ich den Film auch nicht. Also was sollet? :D

  15. whiskey2011 sagt:

    wenn du den film nicht kennst ist das nicht nur ne wissenslücke sondern auch ne kulturlücke *g*

  16. breakpoint sagt:

    Ach, nee!
    Muss ich das jetzt wirklich noch mal klarstellen (selbst schuld, wenn ich mich immer so mehrdeutig ausdrücke)?

    Also, selbstverständlich hatte ich – genau wie whiskey2011 – die Assozioation von „unter“ als lokaler Präposition.
    Was muss der Maskierte auch so sinnentstellend zitieren?

    „Ja, wir sind alle Individuen.“

  17. Wolfy sagt:

    @whiskey:

    Wenigstens etwas, worauf ich Stolz sein kann! *nick nick*

    :D

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