Heiliger GAU-Abend

Veröffentlicht: Dienstag, 24.12.2013 in Kollegen, Kunden

Ich hasse Weihnachten. War Weihnachten in meiner Kindheit die zweite schöne Zeit im Jahr, in der es hieß, groß Geschenke abzugreifen, ist es inzwischen nur noch ein weiteres Kommerzfest mit einer Menge geheuchelter Liebe da draußen. Wenn ich nur an die Leute denke, die zu Weihnachten fleißig spenden, um ihr Gewissen zu beruhigen; aber ich schweife ab.

Eines hat mir an Weihnachten, ganz unabhängig von den Geschenken, aber immer gefallen: Das gute Essen! Zum heiligen Abend wurde immer ein Braten aufgefahren, der gefühlt zwei Wochen Zubereitungszeit benötigt hatte, dafür aber noch Monate danach ein seliges Grinsen ins Gesicht und ein lautes Grummeln im Magen bescherte.

Diese Tradition führe ich seither fort. Während landauf und landab Weihnachten die Zeit des Konsumterrorismus ist, wird bei mir die Zeit des großen Fressens zelebriert. Ja, richtig, Fressen. Denn mit Essen hat die Vernichtung von Nahrungsmitteln in dieser Größenordnung nichts mehr zu tun.

So geschah es, dass pünktlich am 24. um ca. 18 Uhr vor meiner unmaskierten Nase der größte und leckerste gefüllte Gänsebraten seit Einrichtung der Gänsemast stand. Dieser würde mir die kommenden Tage ein seliges Fresskoma und 5 weitere Kilo zwischen Gürtelgrenze und Brustwarzen bescheren. Dazu ein Berg selbstgemachter Semmelknödel und zwei Schubkarren voller Rotkohl mit Speck. Wer meine kulinarischen Präferenzen durch den ein oder anderen versteckten Hinweis kennt, den wird es auch nicht wundern, dass das Federvieh zuvor in gerupfter Form noch einige Tage in Rotwein planschen durfte und die Soße auch zu einem großen Teil aus diesem wunderbarsten Gesöff auf Basis vergorener Trauben bestand.

Um meine Geschmacksknospen schon langsam auf das lukullische Freudenfest einzustimmen und auch als eine Maßnahme zur Qualitätssicherung, wurde natürlich konstant die Güte des Weines in Form eines Verköstigungsglases kontrolliert, wenn es wieder an der Zeit war, den Braten im Ofen damit einzupinseln. Zwar mag diese Maßnahme bei den qualitativ hochwertigen Weinen meiner Sammlung pedantisch wirken, aber was die Qualität meines Essens und Trinkens angeht, gehe ich kein Risiko ein.

Derart sorgfältig präpariert rutschen also die ersten Bissen an meinem Gaumen vorbei und jeder, aber wirklich jeder, der die Chance gehabt hätte, wäre vor Verzückung vor Freude vom Stuhl gehüpft, wenn er dieses Meisterwerk der Kochkunst gekostet hätte. Jedoch hatte ich sowohl das Dienst- als auch mein Privathandy ausgeschaltet, um nichtzuletzt auch dies zu vermeiden und wirklich meine Ruhe zu haben.

Umso perplexer war ich, als ungefähr zur Halbzeit des ersten Tellers das Klingeln eines Telefons, genauer meines Festnetztelefons mich aus den Gefilden der kulinarischen Glückseligkeit riss. Die Perplexität wurde noch durch den Umstand gesteigert, dass meine Festnetznummer ungefähr einem Staatsgeheimnis gleichkommt. Außer der NSA, meinen Anwälten und einer nichtmal handvoll Personen, kannte niemand diese Nummer. Weder Familie, noch Ex-Freundinnen, noch die GEZ oder das Finanzamt. Und da zu dieser Zeit die ganzen Werbeanrufer nur mit unterdrückter Nummer daher kamen und ich unterdrückte Rufnummern auf „Frank geht ran“ umgeleitet hatte, konnte es nur die NSA, meine Anwälte oder einer der nichtmal handvollen Anzahl von Personen sein, die diese Nummer kannten – oder jemand, der sich verwählt hatte.

Schweren Herzens also löste ich mich von diesem Wunderwerk eines Weihnachtsbratens und suchte das verfluchte Handteil meines Telefons, das sich kunstvoll unter einem Stapel gelesener iX-Magazine im Arbeitszimmer vor mir zu verstecken suchte. Als ich die Anruferkennung im Display sah, traute ich meinen Augen nicht. Was wollte Der Häuptling denn ausgerechnet an Heilig Abend von mir? Wir hatten seit Jahr und Tag ausgemacht, dass wir bis zur großen Silvester-Sause, die wir traditionell gemeinsam feierten, unsere Leberwerte nicht gemeinsam in die Höhe trieben. Oder mit anderen Worten: Er muss Die Schamanin und seine Stiefkinder bespaßen und ich bin froh, nicht noch mitten in dem familiären Spektakel involviert zu sein, da ich ansonsten da nicht drum herum komme. Außerdem hatte er nur diese Nummer, damit er mich im allerhöchsten Notfall, wie einer Scheidung, Kautionshilfe oder eines spontanen Alibis erreichen konnte. Ansonsten versuchte er es stets nur auf dem Privathandy.

Du weißt schon, dass du mich gerade vom besten Gänsebraten aller Zeiten abhältst? Gab’s Streit und du brauchst jetzt Asyl?

Mit diesen Worten grüßte ich meinen Freund und Brötchensponsor, gespannt darauf, was das Anliegen dieses hochwichtigen Anrufs war:

Maski, es tut mir schrecklich Leid dich heute stören zu müssen. Aber ich bekam eben einen Notruf von $GrößterDeutscherIndustriekunde. Bei denen ist der GAU nahe, die Produktion an allen Standorten steht bald, weil keine Aufträge mehr aus Brötchenbringer kommen. Zum Glück haben die aufgrund von Weihnachten eine reduzierte Produktion, aber wenn das nicht am 27. läuft, dann ist die Kacke am Dampfen. Die Bereitschaft, die mich alarmiert hat, kommt aber nicht per Fernwartung drauf und müsste vor Ort fahren. Und da wäre es mir ganz lieb, wenn du das übernehmen könntest. Das muss unbedingt bis zum 27. wieder laufen, ansonsten werden die den Vertrag nicht verlängern und wir verlieren gut 30% Umsatz. Wenn es also nicht wirklich so wichtig wäre, würde ich dich nicht nerven.

Ich schluckte. Das war wirklich der größte anzunehmende Unfall, der sich ereignen konnte. Was nützte es, wenn wir uns auf die SLAs im Vertrag beriefen, wenn der Kunde danach den Vertrag nicht verlängerte. Vor allem, wenn es so ein Brocken wie dieser Kunde war. Der Häuptling deutete meine kurze Pause, die ich brauchte, um durch den leicht weingeschwängerten Nebel in meinem Hirn die Zusammenhänge zu erfassen, falsch:

Du weißt genau, dass ich mich dafür revanchieren werde. Von mir aus bekommst du jeden Cent, den wir denen dafür in Rechnung stellen, plus eine Woche Urlaub extra. Aber Hauptsache du kümmerst dich drum!

Nene, du verstehst mich gerade falsch. Ich hab schon den ein oder anderen Schluck Wein intus und bin definitiv nicht mehr fahrtüchtig.

Kein Thema, dann hol ich dich ab und fahr dich hin und auch wieder zurück oder such dir währenddessen ein Hotel vor Ort, wenn es länger dauert. Hauptsache wir bekommen die Kuh rechtzeitig vom Eis.

Okay. Aber lass dir Zeit, denn vorher esse ich noch in Ruhe fertig! Soviel Zeit muss sein.

Ja, auf paar Minuten kommt es nicht mehr an. Danke Maski, danke! Bis gleich.

Ich schlurfte zurück in die Küche und machte mich über die Reste auf meinem Teller her und hatte sogar noch Zeit, einen zweiten großen Nachschlag und zwei Gläser Wein zu vernichten, ehe es an meiner Tür klingelte und Der Häuptling mich unrasiert und unfrisiert – damals hatte ich sogar noch Haare – einsammeln wollte. Eine kurze Katzenwäsche und einen Kleiderwechsel in nicht mehr ganz so gemütliche Alltagsklamotten – meine ausgeleierten Jogginghosen und das fleckige Wacken-T-Shirt wollte ich dann doch nicht unbedingt beim Kunden tragen – später, schnappte ich meinen Laptoprucksack mit dem Dienstlaptop und sonstigen beruflichen Kram drinne und saß wenige Momente später neben dem Häuptling auf dem Beifahrersitz.

„Daran erkennt man die wirklich wichtigen Personen im Unternehmen“, scherzte ich, „wenn der Chef einen höchstselbst zum Kunden chauffiert.“ Die nicht jugendfreie Antwort, die sinngemäß lautete, dass er sich selber auf den Arm nehmen könnte und heute auch besseres zu tun wüsste, möchte ich an dieser Stelle dennoch nicht wortgetreu wiedergeben. Mein freches, überlegenes Grinsen die ganze Zeit, könnt ihr euch auch so vorstellen.

Während der dreistündigen Fahrt zum zentralen Rechenzentrum des Unternehmens nüchterte ich dann auch langsam wieder aus und ärgerte meinen Häuptling so gut es eben ging. Und es ging unglaublich gut.

Der Nachtpförtner war bereits instruiert und so ging es schnell – mit Parkplatz direkt vorm Eingang – ins IT-Gebäude zum Ort des Geschehens. Der zuständige IT’ler vor Ort stellte sich als Arbeitskraft von einem bekannten Outsourcing-Dienstleister vor, während ich meinen Häuptling als meinen Fahrer vorstellte. Erst bei der Rückfrage durch den IT-Schergen, wer er nun genau sei, erweiterte Der Häuptling mit amüsierten Grinsen, da er mir den Spaß und auch die Verwirrung des Gegenübers gönnte, dass er der geschäftsführende Gesellschafter von Brötchensponsor sei. Der Scherge schaute wie ein nacktes Eichhörnchen mit buschigem Schwanz auf Speed, als er dies hörte und führte uns irritiert ins Büro, wo er mit den anderen Vasallen des bekannten Dienstleisters die Hoheit über die IT unseres Kunden hatte.

Der Rest war ziemlich unspektakulär. Aufgrund eines Hardwarefehlers war eine Datenbank für Brötchenbringer ausgefallen, weswegen keine neuen Aufträge aus dem System generiert wurden. Dies konnten die unterbezahlten und überforderten Handlanger des Dienstleisters nicht erkennen. Immerhin waren sie in der Lage das betroffene Blech auszutauschen und ich hatte innerhalb kürzester Zeit die Datenbank aus der letzten Sicherung wiederhergestellt und mit ein paar Hangriffen und in Brötchenbringer integrierten Mechanismen auf den Stand zum Moment des Absturzes zurückgebracht.

So schlürften Der Häuptling und ich am frühen Morgen des 1. Weihnachtsfeiertages zu unserem Gefährt und steuerten das nächstgelegene Gasthaus König, Mitglied der bekannten und bundesweit vertretenen amerikanischen Feinkostkette an. Während Der Häuptling sich einen Kaffee einwarf, gönnte ich mir zum Frühstück einen Doppelwhopper und einen Big King XXL, denn die Arbeit macht bekanntlich hungrig. Im Auto überschlug mein Häuptling schon grob, wieviel der Einsatz nun kosten würde und ich bekam Tränen in den Augen, nachdem ich mir grob ausgerechnet hatte, wieviel davon nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben bei mir ankommen würde. Nichtsdestotrotz würde ich mir später von dem Betrag einen feinen, mehrwöchigen Urlaub in der Karibik gönnen können.

Und die Moral von der Geschicht: Beschäftige schlechtbezahlte IT-Dienstleister nicht.

Ohne die unfähigen Knechte des Outsourcing-Dienstleisters hätte das ursächliche Problem problemlos von der hausinternen IT gelöst werden können. Mit diesem Gedanken schlummerte ich auf dem Beifahrersitz ein, während Der Häuptling sanft dem Sonnenaufgang Richtung Heimat entgegen ritt.

Kommentare
  1. Paterfelis sagt:

    Hmmm, keine schlecht bezahlten IT-ler beschäftigen? Das erklärt aktuell in unserem Hause wieder so manch… ähm, wünsche ein frohes Fest.

  2. breakpoint sagt:

    Einen ungestörten Weihnachtsfestschmaus und erholsame Feiertage!

    PS: Nicht alle „schlechtbezahlten IT-Dienstleister“ sind inkompetent.

  3. Tom sagt:

    Danke für einen endlich wieder langen und lustigen Eintrag.
    Frohes Fest!

  4. Wölfchen sagt:

    Uiuiuiuiuiui!
    Ich hoffe, du hast das Geld als Weihnachtsgeschenk genommen. Hast ja auch was für getan! :D

    Und Fotos gibt später. Der Bär ist schon fein am… äh… *nachschau* Hand in den Arsch schieben. o.O

  5. Sheepy sagt:

    Na dann wünsche ich dir und dem blog erstmal ein frohes fest und das dich heute niemand beim essen stört :D

    Aber ich glaube ich wäre vor ort kurz amok gelaufen, so ein heck meck nur weil irgendwelche voll deppen ihren job nicht erledigen können.

  6. Kiki sagt:

    Fotos bekommst du auf meinem Blog endlichmedizin.wordpress.com – hier bekomme ich meine Bilder nicht hochgeladen.

  7. Tante ju sagt:

    Ich könnte noch eine Geschichte vom Jahreswechsel 99/00 hinzufügen. Und seitdem kann mir jeder Kunde, JEDER, an solchen Tagen ziemlich gestohlen bleiben. Man müsste mir schon eine Rinderherde kaufen. Verzehrfertig.

    Ich sorge an solchen Tagen einfach dafür rechtzeitig nicht mehr zurechnungsfähig zu sein.

    BTW: Habe mal Deine Länderstatistik um zwei Länder gepimpt.

    BTW2: Schreib mal wieder mehr. Mag Deine Schreibe, und so auf reisen ist man über alles erheiternde von Zuhause froh.

  8. @Tante Ju

    Ich weiß, ich weiß, dass ich mehr schreiben sollte. Aber ich hab im Moment weder Zeit noch Lust. Tausend andere Sachen, die mich beschäftigen und abends totmüde einfach nur noch ins Bett fallen lassen. Selbst Rind und Rotwein kommen im Moment unnatürlich kurz!

  9. Andrea sagt:

    „So geschah es, dass pünktlich am 24. um ca. 18 Uhr vor meiner unmaskierten Nase der größte und leckerste gefüllte Gänsebraten seit Einrichtung der Gänsemast stand. Dieser würde mir die kommenden Tage ein seliges Fresskoma und 5 weitere Kilo zwischen Gürtelgrenze und Brustwarzen bescheren. Dazu ein Berg selbstgemachter Semmelknödel und zwei Schubkarren voller Rotkohl mit Speck. Wer meine kulinarischen Präferenzen durch den ein oder anderen versteckten Hinweis kennt, den wird es auch nicht wundern, dass das Federvieh zuvor in gerupfter Form noch einige Tage in Rotwein planschen durfte und die Soße auch zu einem großen Teil aus diesem wunderbarsten Gesöff auf Basis vergorener Trauben bestand.“
    *looooooooooooooooooooool*

    Will auch mitessen, wenn es was zu futtern gibt und ich es nicht kochen muss. ;)

    Herzlichst

    Andrea

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