Wichtiger Neukunde

Veröffentlicht: Montag, 24.11.2014 in Kunden

Ich saß gerade in meinem Büro und verfluchte meine Kunden gemütlich vor mich hin, da sprang plötzlich eine dringende Einladung zu einem Meeting mit dem Häuptling nach der Mittagszeit vor meine Nase. Da ich sie leider nicht ablehnen konnte, da meine Teilnahme zwingend erforderlich war, ich aber eigentlich besseres zu tun hatte, nahm ich sie nur widerwillig an. Wenn Der Häuptling mir einen fürstlichen Bonus oder das firmeninterne Verdienstkreuz am Eichenlaubband hätte zukommen lassen wollen, hätte er das üblicherweise mit einem Anruf getan, der da lauten würde:

Komm mal rüber, ich muss dir was erzählen, du lachst dich kaputt.

Stattdessen diese Termineinladung mit allen möglichen Personen, die sich für wichtig oder wichtiger hielten. Sprich die üblichen Verdächtigen wie Bella Inahekomp-Etent aus dem Marketing, Der Außerirdische aus dem Vertrieb und Keiner-weiß-was-er-macht-aber-er-ist-immer-im-Stress Peter Fastl-Ustig. Und natürlich meiner einer aus der Technik, damit Sachkompetenz und nüchterner Menschenverstand ebenfalls vertreten wären. Im Einladungstext stand dann, dass sich ein $Ganz-ganz-ultra-sowas-von-wichtiger-Neukunde zu einem Spontanbesuch angekündigt und ein paar Fragen zur kommenden Brötchenbringer-Version in petto hätte.

Es dauerte keine 5 Minuten nach der Einladung, dass sich Der Außerirdische vor mir materialisierte und eine Litanei anstößt, wie wichtig der Kunde sei und was ich doch alles zu beachten und zu tun hätte. Mein Blick muss die Sparsamkeit eines Eichhörnchens, dem gerade der Schwanz rasiert wird, erreicht haben, jedenfalls deutete ich die entgleisten Gesichtszüge des Außerirdischen so, als ich ihm die Frage stellte:

Das finde ich ja nett, dass du mir das kleine Ein-Mal-Eins der Kundenbetreuung und meines Jobs erklärst.

Ohne eine weitere Silbe zu verlieren, entmaterialisierte der Extraterrestrische, woraufhin sofort Bella die Türklinke in die Hand nahm und grußlos lossülzte, was ich denn gleich zu tun und zu lassen hätte und was man von mir erwartet und wehe ich würde mich da nicht strikt dran halten.

Liebe Bella, falls man es dir noch nicht beigebracht hat, man grüßt, wenn man den Raum betritt und jemanden an dem Tag noch nicht gesehen hat. Außerdem hab ich eine Pommes mehr auf der Schulter als du, insofern solltest du überlegen, wer hier wem Vorschriften zu machen hat.

Meine Worte führten bei Bella zu einer durch den geöffneten Mund induzierten Sprachlosigkeit, die durch kommentarloses Verlassen meines Büros aufgelöst wurde.

Doch meine Ruhe war nur von kurzer Dauer, denn ehe ich nach ausgiebigen Kopfschüttelns zur Kaffeetasse greifen konnte, stand schon Peter vor mir. Und auch dieser wollte mir wieder meinen Job erklären, worauf ich nur schnell meinte:

Bevor du mir jetzt weiter erklärst, was ich zu tun habe, wüsste ich überhaupt mal sehr gerne, was du hier eigentlich den ganzen Tag so treibst.

Bevor Peter meinem Wunsch entsprechen konnte, fiel ihm ein, dass er vor dem Termin noch ganz, ganz wichtige Dinge zu erledigen hätte und verschwand. Gleich darauf signalisierte mir mein Telefon, dass Der Häuptling mich zu sprechen wünschte. „Tach Großer. Bevor du mich jetzt auch noch verarschen willst, beantworte mir bitte folgende Fragen“, begrüßte ich ihn.

Wie lange arbeite ich schon hier?

Ungefähr drölfzig Jahre.

Und würdest du sagen, dass ich meinen Job durchaus passabel beherrsche, ordentlich Erfahrung besitze und die Kunden mit mir zufrieden sind?

Auf jeden Fall! Du leistest wirklich ausgezeichnete Arbeit.

Danke. Und was wolltest du jetzt eigentlich von mir?

Ach, ja, hat sich gerade erledigt.

Dann sehen wir uns ja gleich, wenn der Kunde andackelt.

Ja, bis gleich!

Manchmal frage ich mich echt, was meine lieben Kollegen so den ganzen Tagen rauchen und vor allem, warum sie mir nichts davon abgeben.

Kommentare
  1. Mikromädchen sagt:

    Sehr amüsant geschrieben, danke dafür, habe herzlich gelacht :D

  2. Paterfelis sagt:

    Menschen sind so. Für diese Zwecke habe ich stets eine Fliegenklatsche oder – falls mehr Körpermasse vorhanden – Insektenspray in der Schublade.

  3. @Mikromädchen

    Mission erfolgreich. :)

    @Paterfelis

    Bei der verfressenen Meute hier brauchst du schon ein größeres Kaliber. Ein Flammenwerfer wäre ganz praktisch. :D

  4. Hochmotivierte Kollegen hast du da.
    Aber du weißt ja, wie du mit ihnen umgehen musst.

  5. Tanja sagt:

    Jaaaa, er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch :)

    Ist doch immer wieder schön wenn einem sein Job erklärt wird. Kenn ich, kenn ich.
    Nicken, lächeln und ab und an nicht nur A….loch denken.
    Richtig gut kommt auch: Tasche packen, Jacke schnappen und mit dem Hinweis „da du es besser / schöner / schneller / richtiger kannst, bitte. Dein Stuhl und schönen Feierabend.“ abdampfen.
    Das Gesicht des Kollegen war sehr hübsch anzuschauen und seitdem hält er sich gepflegt zurück.

    Schön wieder von Dir zu lesen :)

  6. @breakpoint

    Wie mit rohen Eiern: Schön in die Pfanne hauen. :D

    @Tanja

    Was mich besonders verwundert hat war, das ist ja nicht das erste Neukundengespräch, das angesetzt war. Und allgemein ist es so, dass man mich da ohne Vorbereitung reinwerfen kann, da ich prinzipiell sowas wie Manieren und Höflichkeit pflege und so tief in meiner Materie stecke, dass ich jederzeit zu jedem Thema Rede und Antwort stehen kann. Insofern war ich da echt baff.

  7. Engywuck sagt:

    @maskierter: du hattest schon viele Neukundengespräche, aber noch nie eines mit einem $GanzGanzUltraSuperDuperWichtigerNeukunde

    Daran wird’s liegen :-)

    [Schön, dass Du wieder schreibst]

  8. whiskey2011 sagt:

    das warten hat sich mal wieder gelohnt :-)

  9. opatios sagt:

    warum die Dir nichts von dem guten Zeug abgeben? Ist doch klar: Die brauchen das alles für sich allein, sonst würden sie endgültig abheben! Und Dir vielleicht noch auftragen, zu dem Meeting un-be-dingt einen Schlips anzulegen. Oder so.

  10. Jackster sagt:

    Da Kommentare ja dein „Lohn“ für die Texte sind, möchte ich mich mal wieder bedanken. Hat mir den Freitag versüßt. :)

  11. Andrea sagt:

    Wieso hab ich diesen Eintrag erst heute entdeckt ?

    Egal.

    Lustig ist er immer noch.

    Herzlichst

    Andrea

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