Vorbereitung

Veröffentlicht: Donnerstag, 19.02.2015 in Kollegen, Kunden

Der Tag begann damit, dass ein Kater, der die Ausmaße einer Kleinstadt problemlos einnehmen konnte, sich durch meinen Wecker provoziert sah, in Erscheinung zu treten. Notdürftig flickte ich die Reste meines Körpers unter der Dusche zusammen und futterte den Inhalt meines Medizinschränkchens auf, um wenigstens wieder rudimentär andere Signale als Schmerz verarbeiten zu können.

Gebeutelt und geprügelt wie ein Straßenköter schleppte ich die traurigen Überreste meiner selbst, die das gestrigen Gelage übriggelassen hatte, in das Wigwam, um die arbeitsvertraglich zugesicherte Leistung zu erbingen wenigstens durch meinen guten Willen zu vertreten. Versorgt mit literweise Kaffee durch meine Azubis und leckeres Zuckergebäck von Sabine Feger, ging es mir alsbald wieder besser.

Dies änderte sich jedoch, als Der Außerirdische plötzlich vor mir sichtbar wurde und verkündete, dass gleich ein Meeting mit einem potentiellen Neukunden für Butterbringer angesetzt wäre. „Das ist aber schön“, erwiderte ich. „Wünsche euch viel Erfolg.“

Tja Maski, wir haben da ein Problem. Prosti hat sich gerade gemeldet und für heute krank gemeldet. Der sollte die Präsentation halten. Aber zum Glück haben wir ja noch dich. Wir erwarten die Leute so in etwa 10 Minuten. Also bereite dich schon mal vor.

Bei diesen Worten drehte sich mir spontan der Magen um und ich fühlte das dringende Bedürfnis, mir die Getränkefolge des gestrigen Abends in rückwärts-chronologischer Reihenfolge durch den Kopf gehen zu lassen. Aus vielerlei praktischen Gründen hatte ich ungefähr direkt nach Erfindung des elektrischen Lichts aufgehört, Präsentationen zu Butterbringer zu halten und demzufolge auch absolut keine halbwegs aktuellen Slides, um diese dem Kunden um die Ohren zu hauen. Diese in 10 Minuten halbwegs auf den Stand der Dinge zu bringen, grenzte an Utopie.

Bevor Der Außerirdische entmaterialisieren konnte, überwand ich meine Übelkeit und trug ihm auf, dass er das große, fahrbare Whiteboard den Entwicklern klauen und ins Konferenzzimmer bringen sollte.

Die verbleibende Zeit nutze ich dazu, meine virtuelle Testumgebung für Butterbringer auf meinem Notebook zu starten und die Schminkkünste von Sabine Feger zu beanspruchen, um die gröbsten noch sichtbaren Sturmschäden in meinem Gesicht zu beseitigen.

So kam ich halbwegs vorzeigbar ins Konferenzzimmer, kurz bevor die potentiellen Neukunden hereingeführt wurden. Nach der Begrüßungs- und Vorstellungsrunde sowie dem obligatorischen Austausch der Vistenkarten, übernahm Der Außerirdische das Zepter und den Beamer und zeigte seine seit Jahren kultivierte Unternehmenspräsentation, die intern den Codenamen „Warum wir die Geilsten sind und wie wir es wurden“ trägt. Nach ein bisschen individuellem Geplänkel in Kundenrichtung, das auf einer schnellen Recherche auf deren Webseite basierte, gab er dann an mich ab mit den Worten:

Leider ist der angekündigte Kollege Herr Prosti heute erkrankt, der die technische Präsentation halten sollte. Zum Glück konnte Herr Maskierter kurzfristig einspringen und wird für Sie Butterbringer von technischer Seite durchleuchten.

Dann nahm er Platz und überließ mir das Feld.

„Kurzfristig ist gut, noch vor einer halben Stunde ahnte ich nichts von meinem Glück“, begann ich meine Worte mit einem ironischen Lächeln und hatte schon den ersten Lacher auf meiner Seite. „Aus diesem Grunde habe ich leider auch keine Präsentation für Sie vorbereitet. Aber Sie kennen sicherlich die alte Weisheit: Wer zwingend eine Präsentation braucht, hat keine Ahnung wovon er redet. Ich improvisiere daher ohne Präsentation.“

Bei meinen Worten nahm ich mit innerem Genuss wahr, wie Der Außerirdische die Augen verdrehte und mich mit dem Blick „Das hast du jetzt nicht wirklich gesagt“ anschaute. Ich erwiderte mit meinem „Doch, du hast richtig gehört“-Lächeln und fing dann an, am Whiteboard den Aufbau von Butterbringer zu skizzieren und meine Show unter Einbindung der Interessenten und deren Schilderung ihrer IT-Umgebung abzuziehen und nicht mit wohldosierten und zum Schmunzeln anregenden Seitenhieben auf unsere Mitbewunderer am Markt zu sparen. Detailfragen klärte ich anhand meiner Testumgebung und am Schluss stand das schlüsselfertige Konzept zur Implementierung unseres Produkts in ihrer Umgebung, so dass im Grunde nur noch der Auftrag erfolgen musste.

Als die Kunden auf die Uhr schauten und feststellten, dass bereits 2 Stunden um waren, bewahrheitete sich wieder Einsteins Aussage über die Relativität der Zeit am Beispiel der persönlichen Wahrnehmung. Es war ziemlich offensichtlich, dass eine Entscheidung bereits gefallen war, spätestens als einer der Kunde zu mir kurz vor der Verabschiedung sagte:

Ich hatte im Vorfeld wie schon bei Ihren Mitbewerbern mit einer Powerpoint-Folien-Schlacht gerechnet, aber selten habe ich so eine unterhaltsame, informative und auf uns zurechtgeschnitte Produktvorstellung erlebt. Und das noch aus dem Stand heraus. Vielen Dank dafür!

Ich kann es nur immer wieder sagen: Wer eine vorgefertige Präsentation braucht, der weiß eben nicht, wovon er redet.

Kommentare
  1. Gut gemacht! (wie nicht anders zu erwarten)

    Wenn niemand die Slides als Datei will, kann man auf einem Whiteboard viel spontaner visualisieren, und auf das Publikum eingehen.
    Für größere Mengen an Text/Daten sind Slides schon sinnvoll. Ich persönlich habe den Text zumindest in Stichpunkten gerne vor Augen, wenn ich bei den Zuhörern bin.

  2. Es kommt halt immer drauf an, worum es geht. Eine eher allgemeine Vorstellung à la „Butterbringer macht Brötchen noch leckerer“ vor großem Publikum oder eine spezifische Anforderung „Wie bekomme ich das Nutellabrötchen noch geschmackvoller, damit ich es teurer verkaufen kann“. Für spezifische Anforderungen ist das Whiteboard in Verbindung mit meiner Show unschlagbar.

    Geplant war ursprünglich die allgemeine „Butterbringer macht Brötchen noch leckerer“-Präse von Prosti mit anschließender Gesprächsrunde, wie es idealerweise beim Kunden platziert werden kann.

  3. Schade, dass ich deine Show nicht mal sehen kann.
    Mir würden auch bestimmt ein paar .. schöne Zwischenfragen einfallen.

  4. Oh, die Show gibt es sogar im Netz auf dem Youtube-Channel von Brötchensponsor GmbH zu sehen. Oder auf den einschlägigen Fachmessen, auf denen wir Brötchen- und Butterbringer präsentieren. Da sieht man mich in voller, maskierter Pracht im Businesskasper-Kostüm am Rumhampeln. ;)

  5. whiskey2011 sagt:

    link zum youtube-video oder it didn’t happen *g*

    kaum wartet man ein vierteljahr, gibts den nächsten beitrag, und dann sowas von gelungen, applaus :-D

  6. Wieso wusste ich das nur, dass gleich jeder nach dem Youtube-Link fragt? :D

    Und Geduld ist eben alles. Ich würde ja mehr schreiben, wenn ihr mir ein Jahresgehalt von, seien wir mal bescheiden, 200.000 Euro zahlt. Dann kauf ich noch paar Firmenanteile, um den Lohnverlust zu kompensieren, und widme mich voll und ganz dem Schreiben.

  7. Engywuck sagt:

    Wieder eine Super Geschichte! Und so wahr….

    Die besten Vorträge und Produktvorstellungen die ich kenne waren frei gehalten, teilweise sogar ohne Whiteboard. Wer sein Produkt bzw. Thema kennt braucht kein Powerpoint – im anderen Fall wird halt abgelesen, was auf der Folie steht. (Klar, Extremfälle)

    Sollte man ein Whiteboard benutzen und doch dem Kunden was mitgeben wollen gibt es digitale Whiteboards (sowas wie ein Riesen-Grafiktablett samt Beamer) – oder man skizziert gleich auf einem Tablet mit entsprechender Funktion – und Beamer. Das ist viel individueller als jede noch so perfekt vorbereitete langweilige Powerpoint-Schlacht. Früher hätte man leere Folien am OHP genommen und diese hinterher kopiert. Ging auch…

  8. Ach, wenn die Kunden was schriftlich brauchen, drucken wir ihnen gerne die Auftragsbestätigung aus. Spätestens die Rechnung kommt sowieso auf Papier. ;)

  9. Wolfy sagt:

    Hast du da auch Strichmännchen gemalt? Es gibt keine gut WhiteBoard-Präsentation ohne Strichmännchen! (erwiesene Theorie meines ehemaligen Medizin-Lehrers… der hat immer irgendwo ein Strichmännchen gemalt… jawohlja!)

  10. ednong sagt:

    Ja,
    so ein Whiteboard hat schon was. Kann man schön spontan und spezifisch mit arbeiten, der Kunde hat was vor Augen – und wenn es ein modernes Ding ist, kann man das Gekrakel auch noch ausdrucken bzw. ein PDF von machen.

    Der Link zum Channel auf YT täte mich natürlich auch interessieren – so eine Präsentation gucke ich mir durchaus auch mal sehr kritisch an.

  11. @Wolfy

    Alice und Bob dürfen auf keiner meiner Skizzen fehlen. ;)

    @ednong
    Netter Versuch. ;) Aber die Show ist schon objektiv nicht mehr zu verbessern. Ich mach den Job jetzt auch nicht seit gestern und irgendwann hat man ein ausreichend hohes Niveau erreicht. Alles andere ist dann nur Geschmackssache.

  12. ednong sagt:

    Nein, nein, kein Versuch. Ein Angebot, Maskierter, ein Angebot.
    Und wer meint, sich nicht mehr verbessern zu können – der steht still.

  13. Von „nicht mehr verbessern können“ war keine Rede, sondern von ausreichend hohem Niveau. :)

  14. Engywuck sagt:

    Rechnungen auf Papier? Wie altmodisch… jedenfalls, wenn der Kunde dem elektronischen zustimmen würde.
    Bei „meinem“ Brötchenbringer liegt die elektronische AB-Quote IIRC bei ca. 70%, bei Rechnungen bei 40-50%. Da könnte dann die Präsentation das letzte sein, was auf totem Baum serviert wird. Will aber üblicherweise auch keiner :-)

    @Antwort auf Endnng: du bist auch Vertreter der Meinung „Ein genügend hohes Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz“? :-)

  15. ednong sagt:

    @Der Maskierte

    Aber die Show ist schon objektiv nicht mehr zu verbessern …

    Ähm, nun ja, ich lese da das Wort „verbessern“. Und kann man ein ausreichend hohes Niveau nicht auch noch ein wenig höher heben, damit es noch ein wenig besser wird?

  16. Andrea sagt:

    Ich wäre gerne dabei gewesen, weniger um zu reden, sondern um dir zuzuhören, lieber Maskierter.

    Herzlichst

    Andrea

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