Sprachlosigkeit

Veröffentlicht: Mittwoch, 27.05.2015 in Kunden

Einer meiner liebsten Aussprüche im Support ist immer wieder:

Herr, wirf Hirn vom Himmel. Aber in Dosen, damit es schön weh tut!

Leider wurden meine Gebete bis heute nicht erhört. Mag auch daran liegen, dass ich als bekennder Atheist keine Clubbeiträge entrichte und somit nur mießerablen Kundenservice erhalte. Aber wer will schon einer Versicherung beitreten, deren Hauptleistungen einem im After Life Market versprochen werden, aber bis heute keine validen Rückmeldung über ordnungsgemäße Regulierung erfolgt sind? Jedoch schweife ich zu sehr ab.

Ich saß also in meinem Büro und erfreute mich an der Tatsache, dass scheinbar unsere Telefonanlage streikte oder ein Bagger die Leitung erwischt hatte. Auf jeden Fall klingelte das Telefon nicht und das an die Support-Mailadresse gekoppelte Ticketsystem zeigte auch keinen neuen Patienten an. Endlich mal genug Zeit, um in Ruhe alle abonnierten Feeds zu lesen, zu kommentieren und später mit Sabine Feger zu flirten.

Doch mein unerwartetes Glück hielt nicht sehr lange an, gerade mal 5 Feeds und vielleicht 3 Kommentare, da klingelte auch schon das Telefon. Der Klingelton und die Anzeige im Display verrieten, dass der Anruf über die Support-Hotline-Nummer hereinkam, also ein Kunde mit Arbeit drohte. Voller Begeisterung* setzte ich das Headset auf und nahm den Anruf entgegen.

Brötchensponsor, es grunzt Der Maskierte

Noch bevor ich mein Sätzlein aufsagen konnte, zeigte mir ein hektisches Tuten akustisch an, dass die Verbindung getrennt wurde, nachdem ich zuvor deutlich ein kurzes Atemgeräusch vernehmen konnte. Ich legte auf und keine 5 Sekunden später klingelte es wieder. Die Rufnummer im Display war dieselbe wie zuvor.

Hier nochmal…

Und wieder das hektische Tuten, nachdem ich kurz glaubte Darth Vader am anderen Ende beim Atmen hören zu können. Auflegen, wieder klingelt derselbe Anrufer durch, wieder nehme ich an, wieder kommt ziemlich schnell das Tuten. Dies ging gut 3 Minuten so, bis ich die Schnautze gestrichen voll hatte und den Anrufer dauerhaft auf unsere Voicemail umleiten ließ. Vielleicht würde er dort seine Wünsche äußern, statt ständig nach wenigen Sekunden aufzulegen.

Statt mich weiter aufzuregen, ging ich zu Sabine, staubte dort eine Menge Süßkram und ein zauberhaftes Lächeln ab und widmete mich anschließend wieder meinem Feedreader und den Kommentaren. Nur gelegentlich wurde dies von einem einzelnen, verirrten Anrufer unterbrochen, der nicht mitbekommen hatte, dass meine Kunden heute meine Hotline zu boykottieren hatten, die sich aber schnell wieder abwimmeln ließen. So verging der Tag und der Anrufer mit nervösem Auflegesyndrom geriet in Vergessenheit.

Am nächsten Morgen trudelte ich etwas spät im Büro ein, weil die Nacht wieder viel zu kurz war, um dem zuvorliegenden Abend bei meinem Nachbarn, der mal wieder seine Strohwittwerschaft feierte, zu kompensieren. Als erstes begrüßte mich in meinem Mailclient eine weitergeleitete Mail des Häuptlings, die ein Kunde an ihn gerichtet hatte, mit der Bitte um Stellungnahme. Diese Lebensform ohne ausreichende Existenzberechtigung beschwerte sich, dass der Support mies und telefonisch so schlecht erreichbar sei, ja gar nie jemand seine Anrufe entgegennehmen würde. Das Ganze mit einer Wortwahl, die jedem Bauarbeiter die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Er wünsche einen Rückruf unter der Nummer…

Und in diesem Moment explodierte ich wie eine Supernova auf Speed, so dass Der Häuptling keine 10 Sekunden später in meinem Büro stand und mir eine Großpackung Valium vor die Nase hielt und kurz davor war, den Notarzt oder den nächsten Exorzisten zu rufen – je nachdem, wie heftig und laut meine Schimpfkanonade weitergehen würde.

Die Lebensform ohne jegliche Existenzberechtigung bekam anschließend ihren Rückruf durch den Häuptling höchstpersönlich, da ich mich weigerte, nach einer derartigen Verunglimpfung noch ein Wort in jeglicher Form mit ihm zu wechseln. Quintessenz des Gesprächs: Da nach dem ersten Klingeln noch keine Rufannahme erfolgte, legte er immer wieder auf.

Herr, wirf Hirn vom Himmel. Aber in Dosen, damit es schön weh tut!

Der Häuptling hat übrigens daraufhin jegliche Geschäftsbeziehung mit sofortiger Wirkung beendet, da die Gegenseite eine Sprache pflegte, die der in der Mail in nichts nachstand.

*Allergiehinweis: Dieser Satz kann Spuren von Ironie enthalten.

Kommentare
  1. whiskey2011 sagt:

    „Herr, wirf Hirn vom Himmel. Aber in Dosen, damit es schön weh tut!“

    … und vorher nen kurs belegen, der die treffsicherheit erhöht *g*

  2. Wieder ein Grund mehr, Support bloß per Mail anzubieten.

    Dass man i.A. mehrmals klingeln lassen muss, scheinen manche Leute erst noch lernen zu müssen.

  3. Ben Schäfer sagt:

    Endlich mal wieder ein schöner Blogeintrag ;)

  4. Wolfy sagt:

    Ich kenns andersrum.
    Da ruft jemand an, das Telefon läutet sich schon den ganzen Tag den Wolf ab, der Handyhörer hat seinen Geist aufgegeben (Akku alle…) und genau DANN schwafeln die Leute. Die halbe Lebensgeschichte von mind. drei Verwandtschaften, Krankheitsbilder bis in die 8. Generation nach Adam und Eva (Katholiken… pah!) und ignorieren gekonnt unsere „Sagen sie mir bitte ihren Namen?“ (ja… die schaffen es beim Schwafeln nicht auch nur einmal einen Familiennamen zu nennen… aber wenn dann heißen sie Müller, Meier, Schulze und raffen es nicht den Vornamen zu nennen, nuscheln („Tst!“ soll dann Schumacher heißen…) und sagen bei der Frage nach den Geburtstag 67 oder 8. oder Mai… aber nie 8. Mai 67). Die Frage nach „Was wollen sie eigentlich von mir?“ (Termin, Rezept, ne dicke Keule aufn Kopf?) wird dann frühestens nach 10 Minuten Laberei beantwortet (bei gewissen Patienten legt man dann auch mal den Hörer weg, um sich den Patienten VOR einem zum widmen… das fällt dem am Telefon nicht auf – wirklich… die loben am lautesten, dass man so gut zuhöre o.O) und die ganze Zeit denkt man „mach hinne Mensch… da sind noch acht andere Leute in der Leitung!“ und… egal. Man legt auf, nimmt instant den Hörer wieder ab (unser System erkennt „Hand auf Hörerablegding“ nicht als auflegen… durchaus nervig) und hört als erstes „Mensch, bei Ihnen kommt man ja gar nicht durch! Arbeiten sie nicht?????“.
    Hrmpf.

    PS: Im Selbstversuch getestet: Man HÖRT die anderen Telefone klingeln, wenn man anruft. Ist also nicht so, als wüssten die Schwafler nicht, dass bei uns die Hütte brennt. Und ignorieren auch alle deutlichen Anzeichen (Höfliches wegdrücken, weil der Arzt was will/jemand mit aufgeschlitzer Kehle *übertreib* vor einem steht bis „Ich muss jetzt auflegen, ich muss weiter arbeiten!“.) Wir haben eine Patientin, die das mal auf die Spitze getrieben hat. Nach 20 Minuten Telefonat, in der sie von Äpfel auf Birnen auf Weintrauben auf Zuckerwatte auf Häuserbau auf Äpfel usw. ging, etwa dreimaligen wegdrücken und achtmal „Fr. Nerv es tut mir Leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen, ich muss auflegen und weiterarbeiten“ habe ich dann direkt aufgelegt. Tief durchgeatmet, den Pat. vor mir angelächelt, der nun schon 10 Minuten wartet und seine Rezepte ausgestellt. Dann Telefonhörer wieder ans Ohr uuuund… Frau Nerv… wollte noch was über Birnen sagen, weil Weintrauben ja… das Spiel ging an dem Tag viermal – beim fünften Mal nahm der Chef mir den Hörer aus der Hand und geigte ihr die Meinung.

  5. Wolfy sagt:

    *hust* Voll mal gar nicht OT und so… sorry… xD

  6. Paterfelis sagt:

    Es gibt eben doch zu viele freilaufende Verrückte.

  7. opatios sagt:

    Guter Häuptling. Steht voll hinter Dir, und nicht einfach, um dir über die Schulter zu gucken!

  8. Naja, mein Häuptling weiß, dass ich Profi bin und wenn ich mich weigere, mit jemanden nochmals zu sprechen, dann hat das schwerwiegende Gründe. Ausschlag für die sofortige Beendigung der Geschäftsbeziehung waren aber dann letztlich die Unflätigkeiten, die der Kunde am Telefon auch ihm gegenüber abgelassen hat.

  9. Andrea sagt:

    Ein lustiger Eintrag, prima lieber Maskierter.

    Herzlichst

    Andrea

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