Hilflosigkeit

Veröffentlicht: Donnerstag, 24.09.2015 in Kunden

Es war ein sehr früher Wintermorgen. Beim Blick aus dem Fenster glitzerte das Mondlicht auf der geschlossenen Schneedecke und spendete ein wenig Helligkeit. Durch das geöffnete Fenster wehte eine sehr kühle Brise um die Nase und in meinem Hirn geisterte nur eine Frage herum:

Warum zum Teufel habe ich mein kuscheliges, beheiztes Wasserbett nur verlassen?

Während ich mich diesem Gedanken hingab und ein bereits anwesender Azubi, den ich nur verwaschen optisch wahrnahm, mir gerade meine Koffeininfusion anlegte, damit wenigstens die rudimentären Körperfunktionen langsam einsetzten, genoss ich die Stille und das mangelnde Licht. Draußen der Mond, etwas unterstützt von meinem Computerbildschirm und ein paar Status-LEDs diverser elektronischer Helferlein, das war alles, was derzeit meine direkte Umgebung erhellte.

Doch wie es immer ist, wenn ich mich gerade einem friedlichen Idyll gedankenverloren mit höchster Begeisterung hingebe, es währt nie lange. Und so zerfetzte das schrille Klingeln des Telefons diese Illusion der Friedfertigkeit. Die Koffeininfusion hatte leider noch nicht genug Wirkung gezeigt, meiner optischen Wahrnehmungseinheit ausreichend Auflösung zur Verfügung zu stellen, um den Anrufer auf dem Display zu identifizieren. Also nahm ich den Anruf notgedrungen entgegen.

Die Zentrale meldete sich und die diensthabende Telefonistin mit ihrer rauchigen Telefonsexstimme – wie übrigens alle unsere Empfangsdamen, die gleichzeitig die Telefonzentrale hüten, nicht nur optisch ein Hingucker, sondern auch von der Stimme ein Hochgenuss – verkündete einen völlig aufgelösten Kunden am anderen Ende, dessen Brötchenbringer-Installation in der Nacht den rituellen Seppuku vollzogen und daher seine Kooperation per sofort eingestellt. Mit einem kraftlosen „Na gut, stell durch“ nahm ich den Anruf entgegen.

Der Maskierte spricht mit Ihnen unterhalb des gesetzlich erlaubten Koffeinierungslevels. Formulieren Sie daher bitte Ihre Schmerzen in knappen Bildzeitungssätzen.

Ja, guten Morgen. Amandus-Adalbert Rsch hier. Unser Brötchenbringer hat sich heute Nacht zerlegt und wir kommen an keine Daten mehr heran, geschweige denn, dass auch nur ein einziger Mitarbeiter damit arbeiten kann. Ich brauche hier dringend Hilfe!

Bevor ich noch am frühen Morgen weiter zugetextet wurde, was ich vor den ersten 5 Litern Kaffee ungefähr noch schlechter ertrage als einen rostigen Nagel, der mir im Stakatto ins Bein gerammt wird, forderte ich das Opfer elterlicher Namensgebung auf, mir den Wartungszugang freizuschalten und mich mal in Ruhe werkeln zu lassen.

Mit jeder Minute, jedem Mausklick und jedem in die Konsole getippten Befehl sowie jeder beantworten Frage meinerseits an Herrn Rsch stieg mein Koffein-, Wachheits- und Genervtheitsniveau, bis ich schließlich den Kunden folgendes fragte:

Wie weit ist denn der nächste Baumarkt von Ihnen entfernt?

Direkt ums Eck, wieso?

Ach, für den Strick, den Sie jetzt brauchen.

Die herunterklappende Kinnlade am anderen Ende war deutlich durchs Telefon zu vernehmen. Bevor er die Chance hatte, beleidigt zu reagieren, legte ich los:

Laut Ihren eigenen Aussagen haben Sie kein Backup, da Sie ja die versionierte Clusterreplikation verwenden und Sie somit das Risiko eines Datenverlusts als äußerst gering ansahen. Tja, Irrtum. Ihre Clusterreplikation läuft seit 10 Monaten nicht mehr und hat Ihnen das auch mit schönen, roten und in Fettschrift gehaltenen Warnmeldungen in der Adminkonsole angezeigt. Nebenbei erhielten Sie auch jeden Tag eine Warnungs-E-Mail in Ihr Admin-Postfach, dass Sie auf den Umstand hinwies und Sie aufforderte, sofort das Problem in Angriff zu nehmen, da dies extrem kritisch ist. Nun denn, Sie haben alle Warnhinweise ignoriert, auf das empfohlene Backup verzichtet und darüber hinaus ist Ihr Support- und Wartungsvertrag vor 3 Monaten abgelaufen, worauf Sie auch mehrfach via Mail und in der Konsole hingewiesen wurden, weswegen dieses Gespräch jetzt noch kostenpflichtig ist nach unserem Standard-Notfallsatz. Da ich jetzt aber nur 10 Minuten gebraucht habe, um festzustellen, dass alle Ihre Daten für ewig und immer über den Jordan sind und ich Ihnen partout nicht weiterhelfen kann, werde ich aus Kulanz darauf verzichten. Noch ein freundlicher Rat: Sollten Sie mir bzw. meinem Unternehmen die Schuld für die Miesere in die Schuhe schieben wollen, ich habe alle notwendigen Beweise gesichert, dass Sie hier grob fahrlässig gehandelt haben, und werde diese mit Freuden Ihrer Geschäftsführung zur Verfügung stellen, wenn diese uns mit einer Schadensersatzklage droht. Ansonsten wünsche ich Ihnen noch einen guten Tag und ich hoffe, Sie überleben das Donnerwetter, wenn Sie vor Ihrer Geschäftsführung den Offenbarungseid leisten müssen.

Herr Rsch verabschiedete sich mit einem deutlich hörbaren Kloß im Hals. Erst hörte ich einige Wochen lang nichts mehr vom besagten Kunden bis sich die Geschäftsführung bei uns meldete und danach fragte, ob und welche Modelle es für eine gemanagte Lösung von Brötchenbringer gäbe, da man sich bedauerlicherweise kurzfristig von ihrem internen Admin aufgrund grober Pflichtverletzungen habe trennen müssen. Selbstverständlich konnten wir dem Kunden helfen, wobei ich mir die Frage stellte, wie ein Unternehmen den wochenlangen Ausfall einer wichtigen Kernkomponente inkl. totalem Datenverlust kompensieren konnte. Aber diese Frage stelle ich aus Taktgefühl nicht.

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Kommentare
  1. Roland sagt:

    Hey Maskierter,
    das ist der Grund, warum sich gewisse Manager alle wichtigen Unterlagen auf Papier geben lassen … wobei jetzt wahrscheinlich die armen Azubis wochenlang die Daten wieder in’s System hacken durften :-)

    Roland

  2. Ich kann zwar aus Gründen nicht sagen, welche genaue Aufgabe unsere Software erfüllt, aber sagen wir mal so: Der Einsatzbereich ist schon elementar in einem Unternehmen. Vergleichbar mit einer Warenwirtschaft mit Auftragsmanagement, Rechnungslegung etc.

    Mit anderen Worten: Selbst wenn es da Dinge in gedruckter Form gibt, da ist noch so viel mehr, was schlicht und ergreifend flöten gegangen ist und man bei 0 anfangen muss, selbst wenn alle Mitarbeiter sämtliche Belege etc. manuell ins System nachpflegen.

  3. Lonegard sagt:

    Hiho Maskierter …

    eins weiß ich nun schon lange … sollte ich einmal heraus finden, das die Firma bei der ich beschäftigt bin, Brötchenbringer nutzt … dann werde ich auf JEDEN Fall für den Notfall ein extragroßes Porterhouse-Steak und einen Single Malt für den Maskierten bereithalten :) :)

  4. @Lonegard

    Sehr vernünftige Einstellung. Allerdings bin ich inzwischen ein wenig raus aus dem Tagesgeschäft. Bin zwar kein Geschäftsführer oder Prokurist, aber als Mitinhaber verantwortlich für die technischen Bereiche. Direkten Endkundenkontakt hab ich nur noch in den schwierigen Fällen oder wenn ich aus purer „Langeweile“ in dem Bereich noch freiwillig mitmische.

    Ändert aber nix dran, dass meine Indianer auch ein gutes Steak mögen und einen ordentlichen Single Malt nicht von sich weißen und dann mindestens genauso motiviert an die Sache rangehen wie ich. Sind halt alles kleine Maskenträger. ;)

  5. Wolfy sagt:

    Herrlich so Leute. Einfach herrlich.

    Ich erzähle lieber nicht, dass meine Chefs auch mal wochenlang die Warnmeldungen (in Form der Mitarbeiter, weil so vernetzt ist das bei uns nicht) ignorierten, dass der Sicherungsmechanismus unseres Servers für die BackUps* defekt sei und sich Wochen bis Monate darum stritten, ob oder ob sich nun nicht ein neuer Server mit modernen Backup-System lohnen würde. In übrigen nun auf SSD.

    *= wurden auf so lila Kassetten gespeichert. Kein Plan was das war, fühlte sich jedoch Prä-Disketten-Zeitalter an und ich bin erst im Diskettenzeitalter an Rechner herangeführt worden. Was aber nix heißen muss – mein Interesse bzgl Computer lag lange Zeit auf Final Fantasy 8, dann auch AOL und erst, als ich meinen eigenen Rechner zusammen stellen musste/konnte/wollte, hab ich mich mal so ein BISSCHEN mit Bauteilen auseinander gesetzt.
    Und nicht funktioniert hat das Gerät, dass die Kassetten beschreibt.
    Die sahen ungefähr so aus:

    Vielleicht kann mir die Maske ja erläutern, was für Steinzeitdinos wir da verwendet haben. :D

  6. Letti Scarletti sagt:

    @Wolfy: Wie süß, ein LTO-2! Aber immerhin schon die zweite Generation der Ultriumlaufwerke :-)

  7. Eardy sagt:

    @Wolfy so Steinzeitlich ist das garnicht.
    Es gibt halt nach wie vor, neben Festplatten, wenig Möglichkeiten große Datenmenge halbwegs Sicher zu speichern. Wie du ja auf deinem Bild schon siehst, hat das Band 400 GB Kapazität.
    Ich denke diese Technik wird in viele kleineren bis Mittleren Firmen noch eingesetzt werden.

    @Maskierter endlich gibt es mal wieder ein Lebenszeichen von dir, war schon schwer auf Entzug.

    Gibt halt immer wieder Menschen die alle Warnzeichen ignorieren und sich dann wundern, warum es auf einmal einen Supergau gibt.

  8. Wolfy sagt:

    @Eardy:

    Ährm. Das war ein Bild aus dem Internet. Nicht unser Ding. Ich befürchte, 400Gb hatten unsere annähernd NICHT. Unsere dienstälteste Kollegin konnte nämlich nicht sagen, wie lange sie das schon verwenden – mind. aber seit 2000 (da stellte man von Papierakten auf komplett PC um, wobei ein Teil schon seit 1994 lief – oder zumindest unsere ältesten elektronischen Akteneinträge von da stammen). Definitiv aber auch seit 8 Jahren, weil so lange sind die beiden nächstdienstältesten Kolleginnen in der Praxis und da galt das System schon als „haben wir schon ewig“.

  9. Eardy sagt:

    @Wolfy dann solltet ihr vielleicht mal bei den Musen in der Umgebung anfragen ob die Interesse haben :D

  10. linuxuser86 sagt:

    Auch wenn der Kram alt ist, ist gegen Tape als Sicherungsmedium nichts einzuwenden. Sicherer als optische Medien ist das in der Regel.

  11. Engywuck sagt:

    @Wolfy: LTO2 gabs ab 2002 oder so und wenn man nicht gerade die abgebildete HP-Variante nimmt waren die „purple“, also „so liia“. Real passen da übrigens 200GB drauf, erst durch Marketing (und angenommene 2:1-Komprimierbarkeit der geschriebenen Daten…) werden da 400GB draus :-)

    Mag aber durchaus sein, dass es auch DAT, AIT, DLT, QIC und was es noch so gab in lila Gehäusen hergestellt wurden von manchen Herstellern.

    Übrigens hatten um 2000 rum alle halbwegs modernen Systeme so um die 100GB unkomprimiert pro Band.

  12. Wolfy sagt:

    @Linuxuser:

    Ungefähr so lange, wie das Schreibgerät auch funktioniert und nicht mit einen kleinen Rauchwölkchen „Puff“ macht.

    Unseres hat nebenbei mit einem kleinen Rauchwölkchen „Puff“ gemacht. :)

    @Engywuck:

    Also doch noch nicht so Antik? Nagut. Ich fands trotzdem blöd, da täglich runter in Keller zu stiefeln. ;)

  13. Engywuck sagt:

    @Wolfy: wenn euer Sicherungskonzept „tägliches offline-Backup“ vorsieht sollte das dann auch in einen anderen Brandabschnitt erfolgen. Also egal ob Band, DVD/BD, B2D oder was es sonst so gibt: man dackelt jedesmal woanders hin. Wobei bei uns *derzeit* täglich auf virtuelle Bänder (Brandabschnitt B), wöchentlich auf Band (ebenfalls B) und monatlich „in anderen Brandabschnitt“ (C) vorsieht – die „Ursprungsdaten“ sind aber auch schon dupliziert in verschiedene Brandabschnitte (einmal sogar im Brandfesten Tresor), so dass es hier wirklich nur auf „versehentlich gelöscht und nicht anders wiederherstellbar“ ankommt. Wobei mir das Wochenband in einem viertem Brandabschnitt auch lieber wäre, aber das lässt sich derzeit nicht einrichten.

  14. Andrea sagt:

    „Durch das geöffnete Fenster wehte eine sehr kühle Brise um die Nase und in meinem Hirn geisterte nur eine Frage herum:

    Warum zum Teufel habe ich mein kuscheliges, beheiztes Wasserbett nur verlassen?

    Tja, warum wohl ? ;)

    „Man ist ja seines Geldes nicht Feind.“ (zitiert nach Ch. R.)

    Der Kunde sollte eine Krone bekommen: Für den dämlichsten Kunden des Jahres/des Jahrhunderts. ;)

    Bis bald, lieber Maskierter.

    Herzlichst

    Andrea