Korrekte Antwort

Veröffentlicht: Donnerstag, 27.02.2014 in Kunden

Vor langer Zeit, als meine Maske quasi noch knitterfrei und unbenutzt jeden Morgen in das geheiligte Wigwam des Häuptlings einkehrte und ich beinahe erfuhrchtsvoll erstarrte, rief ein Kunde nach meiner Kompetenz. In einem großen Rechenzentrum eines Dienstleister sollte eine neue Internet-Inhaltefilterung installiert werden, damit die Mitarbeiter der Kunden des Dienstleisters weniger Zeit mit Youtube und Konsorten und mehr Zeit mit arbeitsrelevanten Themen verbrachten.

So fuhr ich beschwingten Reifens auf den Parkplatz und fand mich wenige Minuten später in einem Tempel des absoluten Nerdtums wieder. Meine Erinnerung verweigert die genaue Rekonstruktion der Räumlichkeiten, weil hier wirklich jedes noch so winzige Klischee erfüllt war. Meine Ansprechpartner waren ebenfalls die Prototypen eines Nerds und so verwundert es niemanden, dass ich mich auf Anhieb wohl und geborgen fühlte.

Sehr schnell kamen wir dann auch zur Sache. Die von mir mitgebrachten Appliances waren im Nu eingebaut und dann ging es drum, die ersten, neuen Basisregeln zu erzeugen. Während ein Kaffee, der einen Toten wieder zum Leben erweckt hätte – und mir wohliges Kammernflimmern bescherte, meinen Kreislauf kitzelte und eine Flasche Club Mate mir ebenfalls gereicht wurde, erklärte ich die Vorzüge der neuen Gerätschaft:

Mit dem Internet Cleaner 2000 könnt Ihr jetzt auch gezielt Flash blocken und damit z.B. Youporn den Saft abdrehen. Youporn basiert doch auf Flash?

Der von mir Angesprochene, der auch zeitgleich der Obernerd Abteilungsleiter war, hielt einen kurzen Moment inne, bevor er mir antwortete:

Die korrekte Antwort sollte jetzt wohl lauten: Ich weiß es nicht!

In diesem Moment brach ich lachend zusammen.

Heiliger GAU-Abend

Veröffentlicht: Dienstag, 24.12.2013 in Kollegen, Kunden

Ich hasse Weihnachten. War Weihnachten in meiner Kindheit die zweite schöne Zeit im Jahr, in der es hieß, groß Geschenke abzugreifen, ist es inzwischen nur noch ein weiteres Kommerzfest mit einer Menge geheuchelter Liebe da draußen. Wenn ich nur an die Leute denke, die zu Weihnachten fleißig spenden, um ihr Gewissen zu beruhigen; aber ich schweife ab.

Eines hat mir an Weihnachten, ganz unabhängig von den Geschenken, aber immer gefallen: Das gute Essen! Zum heiligen Abend wurde immer ein Braten aufgefahren, der gefühlt zwei Wochen Zubereitungszeit benötigt hatte, dafür aber noch Monate danach ein seliges Grinsen ins Gesicht und ein lautes Grummeln im Magen bescherte.

Diese Tradition führe ich seither fort. Während landauf und landab Weihnachten die Zeit des Konsumterrorismus ist, wird bei mir die Zeit des großen Fressens zelebriert. Ja, richtig, Fressen. Denn mit Essen hat die Vernichtung von Nahrungsmitteln in dieser Größenordnung nichts mehr zu tun.

So geschah es, dass pünktlich am 24. um ca. 18 Uhr vor meiner unmaskierten Nase der größte und leckerste gefüllte Gänsebraten seit Einrichtung der Gänsemast stand. Dieser würde mir die kommenden Tage ein seliges Fresskoma und 5 weitere Kilo zwischen Gürtelgrenze und Brustwarzen bescheren. Dazu ein Berg selbstgemachter Semmelknödel und zwei Schubkarren voller Rotkohl mit Speck. Wer meine kulinarischen Präferenzen durch den ein oder anderen versteckten Hinweis kennt, den wird es auch nicht wundern, dass das Federvieh zuvor in gerupfter Form noch einige Tage in Rotwein planschen durfte und die Soße auch zu einem großen Teil aus diesem wunderbarsten Gesöff auf Basis vergorener Trauben bestand.

Um meine Geschmacksknospen schon langsam auf das lukullische Freudenfest einzustimmen und auch als eine Maßnahme zur Qualitätssicherung, wurde natürlich konstant die Güte des Weines in Form eines Verköstigungsglases kontrolliert, wenn es wieder an der Zeit war, den Braten im Ofen damit einzupinseln. Zwar mag diese Maßnahme bei den qualitativ hochwertigen Weinen meiner Sammlung pedantisch wirken, aber was die Qualität meines Essens und Trinkens angeht, gehe ich kein Risiko ein.

Derart sorgfältig präpariert rutschen also die ersten Bissen an meinem Gaumen vorbei und jeder, aber wirklich jeder, der die Chance gehabt hätte, wäre vor Verzückung vor Freude vom Stuhl gehüpft, wenn er dieses Meisterwerk der Kochkunst gekostet hätte. Jedoch hatte ich sowohl das Dienst- als auch mein Privathandy ausgeschaltet, um nichtzuletzt auch dies zu vermeiden und wirklich meine Ruhe zu haben.

Umso perplexer war ich, als ungefähr zur Halbzeit des ersten Tellers das Klingeln eines Telefons, genauer meines Festnetztelefons mich aus den Gefilden der kulinarischen Glückseligkeit riss. Die Perplexität wurde noch durch den Umstand gesteigert, dass meine Festnetznummer ungefähr einem Staatsgeheimnis gleichkommt. Außer der NSA, meinen Anwälten und einer nichtmal handvoll Personen, kannte niemand diese Nummer. Weder Familie, noch Ex-Freundinnen, noch die GEZ oder das Finanzamt. Und da zu dieser Zeit die ganzen Werbeanrufer nur mit unterdrückter Nummer daher kamen und ich unterdrückte Rufnummern auf “Frank geht ran” umgeleitet hatte, konnte es nur die NSA, meine Anwälte oder einer der nichtmal handvollen Anzahl von Personen sein, die diese Nummer kannten – oder jemand, der sich verwählt hatte.

Schweren Herzens also löste ich mich von diesem Wunderwerk eines Weihnachtsbratens und suchte das verfluchte Handteil meines Telefons, das sich kunstvoll unter einem Stapel gelesener iX-Magazine im Arbeitszimmer vor mir zu verstecken suchte. Als ich die Anruferkennung im Display sah, traute ich meinen Augen nicht. Was wollte Der Häuptling denn ausgerechnet an Heilig Abend von mir? Wir hatten seit Jahr und Tag ausgemacht, dass wir bis zur großen Silvester-Sause, die wir traditionell gemeinsam feierten, unsere Leberwerte nicht gemeinsam in die Höhe trieben. Oder mit anderen Worten: Er muss Die Schamanin und seine Stiefkinder bespaßen und ich bin froh, nicht noch mitten in dem familiären Spektakel involviert zu sein, da ich ansonsten da nicht drum herum komme. Außerdem hatte er nur diese Nummer, damit er mich im allerhöchsten Notfall, wie einer Scheidung, Kautitionshilfe oder eines spontanen Alibis erreichen konnte. Ansonsten versuchte er es stets nur auf dem Privathandy.

Du weißt schon, dass du mich gerade vom besten Gänsebraten aller Zeiten abhältst? Gab’s Streit und du brauchst jetzt Asyl?

Mit diesen Worten grüßte ich meinen Freund und Brötchensponsor, gespannt darauf, was das Anliegen dieses hochwichtigen Anrufs war:

Maski, es tut mir schrecklich Leid dich heute stören zu müssen. Aber ich bekam eben einen Notruf von $GrößterDeutscherIndustriekunde. Bei denen ist der GAU nahe, die Produktion an allen Standorten steht bald, weil keine Aufträge mehr aus Brötchenbringer kommen. Zum Glück haben die aufgrund von Weihnachten eine reduzierte Produktion, aber wenn das nicht am 27. läuft, dann ist die Kacke am Dampfen. Die Bereitschaft, die mich alarmiert hat, kommt aber nicht per Fernwartung drauf und müsste vor Ort fahren. Und da wäre es mir ganz lieb, wenn du das übernehmen könntest. Das muss unbedingt bis zum 27. wieder laufen, ansonsten werden die den Vertrag nicht verlängern und wir verlieren gut 30% Umsatz. Wenn es also nicht wirklich so wichtig wäre, würde ich dich nicht nerven.

Ich schluckte. Das war wirklich der größte anzunehmende Unfall, der sich ereignen konnte. Was nützte es, wenn wir uns auf die SLAs im Vertrag beriefen, wenn der Kunde danach den Vertrag nicht verlängerte. Vor allem, wenn es so ein Brocken wie dieser Kunde war. Der Häuptling deutete meine kurze Pause, die ich brauchte, um durch den leicht weingeschwängerten Nebel in meinem Hirn die Zusammenhänge zu erfassen, falsch:

Du weißt genau, dass ich mich dafür revanchieren werde. Von mir aus bekommst du jeden Cent, den wir denen dafür in Rechnung stellen, plus eine Woche Urlaub extra. Aber Hauptsache du kümmerst dich drum!

Nene, du verstehst mich gerade falsch. Ich hab schon den ein oder anderen Schluck Wein intus und bin definitiv nicht mehr fahrtüchtig.

Kein Thema, dann hol ich dich ab und fahr dich hin und auch wieder zurück oder such dir währenddessen ein Hotel vor Ort, wenn es länger dauert. Hauptsache wir bekommen die Kuh rechtzeitig vom Eis.

Okay. Aber lass dir Zeit, denn vorher esse ich noch in Ruhe fertig! Soviel Zeit muss sein.

Ja, auf paar Minuten kommt es nicht mehr an. Danke Maski, danke! Bis gleich.

Ich schlurfte zurück in die Küche und machte mich über die Reste auf meinem Teller her und hatte sogar noch Zeit, einen zweiten großen Nachschlag und zwei Gläser Wein zu vernichten, ehe es an meiner Tür klingelte und Der Häuptling mich unrasiert und unfrisiert – damals hatte ich sogar noch Haare – einsammeln wollte. Eine kurze Katzenwäsche und einen Kleiderwechsel in nicht mehr ganz so gemütliche Alltagsklamotten – meine ausgeleierten Jogginghosen und das fleckige Wacken-T-Shirt wollte ich dann doch nicht unbedingt beim Kunden tragen – später, schnappte ich meinen Laptoprucksack mit dem Dienstlaptop und sonstigen beruflichen Kram drinne und saß wenige Momente später neben dem Häuptling auf dem Beifahrersitz.

“Daran erkennt man die wirklich wichtigen Personen im Unternehmen”, scherzte ich, “wenn der Chef einen höchstselbst zum Kunden chauffiert.” Die nicht jugendfreie Antwort, die sinngemäß lautete, dass er sich selber auf den Arm nehmen könnte und heute auch besseres zu tun wüsste, möchte ich an dieser Stelle dennoch nicht wortgetreu wiedergeben. Mein freches, überlegenes Grinsen die ganze Zeit, könnt ihr euch auch so vorstellen.

Während der dreistündigen Fahrt zum zentralen Rechenzentrum des Unternehmens nüchterte ich dann auch langsam wieder aus und ärgerte meinen Häuptling so gut es eben ging. Und es ging unglaublich gut.

Der Nachtpförtner war bereits instruiert und so ging es schnell – mit Parkplatz direkt vorm Eingang – ins IT-Gebäude zum Ort des Geschehens. Der zuständige IT’ler vor Ort stellte sich als Arbeitskraft von einem bekannten Outsourcing-Dienstleister vor, während ich meinen Häuptling als meinen Fahrer vorstellte. Erst bei der Rückfrage durch den IT-Schergen, wer er nun genau sei, erweiterte Der Häuptling mit amüsierten Grinsen, da er mir den Spaß und auch die Verwirrung des Gegenübers gönnte, dass er der geschäftsführende Gesellschafter von Brötchensponsor sei. Der Scherge schaute wie ein nacktes Eichhörnchen mit buschigem Schwanz auf Speed, als er dies hörte und führte uns irritiert ins Büro, wo er mit den anderen Vasallen des bekannten Dienstleisters die Hoheit über die IT unseres Kunden hatte.

Der Rest war ziemlich unspektakulär. Aufgrund eines Hardwarefehlers war eine Datenbank für Brötchenbringer ausgefallen, weswegen keine neuen Aufträge aus dem System generiert wurden. Dies konnten die unterbezahlten und überforderten Handlanger des Dienstleisters nicht erkennen. Immerhin waren sie in der Lage das betroffene Blech auszutauschen und ich hatte innerhalb kürzester Zeit die Datenbank aus der letzten Sicherung wiederhergestellt und mit ein paar Hangriffen und in Brötchenbringer integrierten Mechanismen auf den Stand zum Moment des Absturzes zurückgebracht.

So schlürften Der Häuptling und ich am frühen Morgen des 1. Weihnachtsfeiertages zu unserem Gefährt und steuerten das nächstgelegene Gasthaus König, Mitglied der bekannten und bundesweit vertretenen amerikanischen Feinkostkette an. Während Der Häuptling sich einen Kaffee einwarf, gönnte ich mir zum Frühstück einen Doppelwhopper und einen Big King XXL, denn die Arbeit macht bekanntlich hungrig. Im Auto überschlug mein Häuptling schon grob, wieviel der Einsatz nun kosten würde und ich bekam Tränen in den Augen, nachdem ich mir grob ausgerechnet hatte, wieviel davon nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben bei mir ankommen würde. Nichtsdestotrotz würde ich mir später von dem Betrag einen feinen, mehrwöchigen Urlaub in der Karibik gönnen können.

Und die Moral von der Geschicht: Beschäftige schlechtbezahlte IT-Dienstleister nicht.

Ohne die unfähigen Knechte des Outsourcing-Dienstleisters hätte das ursächliche Problem problemlos von der hausinternen IT gelöst werden können. Mit diesem Gedanken schlummerte ich auf dem Beifahrersitz ein, während Der Häuptling sanft dem Sonnenaufgang Richtung Heimat entgegen ritt.

Schon mal schöne Feiertage!

Veröffentlicht: Freitag, 20.12.2013 in Dies, das und jenes

Ich werf jetzt gleich im Wigwam die Griffel hin und werde mit meinen Schergen beim Rinderherdenverwerter einkehren und aufs gelungene Jahr meiner Abteilung anstoßen – und dann das Fass aufmachen, dass es dieses Jahr einen fetten Bonus für alle gibt.

Wünsche euch allen schöne Feiertage, gutes Essen, gute Getränke und vor allem: Kein Stress!

Denkt dran, dass ich am 24. ein Geschenk für euch habe und dass ihr mir Fotos in den Kommentaren drunter von eurem Weihnachtsessen hinterlasst.

Bis dann
Euer Maskierter

Schon mal im Terminkalender vormerken

Veröffentlicht: Dienstag, 03.12.2013 in Dies, das und jenes

Liebe Leser,

falls nicht sowieso bereits besonders hervorgehoben, solltet ihr den 24. Dezember im Kalender anstreichen. Denn ich sitze gerade an der zweiten Hälfte der diesjährigen Weihnachtsgeschichte, die auch passend an Heilig Abend stattfand und daher an selbigem veröffentlicht wird.

Und ich habe einen ganz großen Wunsch an euch: Ich wünsche mir viele Kommentare mit Fotos von eurem diesjährigen Heilig-Abend-Mahl unter dem Artikel. Bitte nur im Blog und nicht bei Facebook, damit alle was davon haben. Das Maskenbuch-Widget gibt das leider nicht her und viele wollen nicht extra die Maskenbuch-Seite ansurfen.

Ich freu mich schon,
Euer Maskierter

Alle guten Dinge sind drei…

Veröffentlicht: Freitag, 15.11.2013 in Dies, das und jenes

…denn am Sonntag wird das Blog drei Jahre alt.

Diesmal gibt es keine Statistik, da dank meiner geringen Aktivität die Zahlen so traurig aussehen. Und trauern wollen wir nicht, sondern feiern. So werde ich am Sonntag mit Wein, Rind und Gesang auf das Blog anstoßen und mir einen vergnüglichen Tag machen. Seid ihr dabei?

Grüße
Euer Maskierter

Interessenkonflikte

Veröffentlicht: Freitag, 01.11.2013 in Kunden

Es gibt ja eine Art von Kunden, die kann ich ja ganz besonders nicht leiden: Kleinkunden, die fast mehr Arbeit machen, als dass sie Geld einbringen, sich aber für den Nabel der Geschäftswelt halten.

Nun verhielt es sich so, dass wir kurz davor waren, eine neue Version von Brötchenbringer auf den Markt zu bringen. Ingo D’Iot, seines Zeichens technischer Lufterhitzer bei der Seit Jahren kurz vor der Insolvenz GmbH, las den diesbezüglichen Newsletter und die darin angekündigten Funktionen. Unter anderem führten wir damals ein neues Modul ein, für das Ingo bisher einen Drittanbieter nutzte.

Da unser Lizenzmodell für seine 500 Benutzer deutlich günstiger als das des Drittanbieters war, klingelte natürlich ein Telefon im Vertrieb und der technische Lichtleiter wollte sofort das neue Modul lizensieren. Der Vertriebi, der wahrscheinlich von meinen kräftigen Nackenschlägen bezüglich seiner letzten Fehlleistung noch genug Phantomschmerzen verspürte, versprach diesmal nicht das Blaue vom Himmel, sondern wies korrekt darauf hin, dass die neue Version noch nicht veröffentlicht sei und wir aktuell nur den Betatest durchführten.

Vermutlich las er sogar noch die großen, roten, fettgedruckten Buchstaben im CRM, die besagten, dass dieser Kunde auf Lebenszeit wegen überragender Inkompetenz von jeglichen Betatests ausgeschlossen wurde, die ein freundlicher Maskenträger zum reinen Selbstschutz der mentalen Gesundheit sowohl seiner Kollegen als auch seiner selbst, dort hinterlassen hatte, wie auch dass er die entsprechenden Downloads im Kundenbereich so gesperrt hatte, dass nur noch er, der Entwicklungsleiter und Der Häuptling persönlich diese freischalten konnten. Doch diese Information drang nicht zu mir durch, als der Vertriebi entnervt und ohne Vorankündigung der folgenden Lärmbelästigung Ingo zu mir durchstellte.

Brötchensponsor, Sie sprechen mit jemand höchst urlaubsreifen. Fassen Sie sich kurz oder legen besser gleich auf, wenn Sie noch länger leben wollen.

In diesem Moment zauberte die Telefon-CRM-Schnittstelle die Kundendaten auf den Bildschirm und ich erkannte dadurch leider zu spät, dass meine viel zu freundliche Begrüßung mich als anwesend verraten hatte. Hätte ich doch besser gleich aufgelegt und den Rest des Tages frei genommen.

D’Iot hier. Ich will das neue Modul haben. Sofort!

Herr D’Iot, leider kann ich Ihrem Wunsch nicht nachkommen, da wir derzeit den Kreis der Betatester nicht erweitern möchten. Die neue Version erscheint jedoch in spätestens zwei, eher in einem Monat, wenn die Entwicklung weiterhin so erfreulich weiterarbeitet. Sie können dann automatisch durch Ihre Bestandslizenz das neue Modul für 90 Tage testen und jederzeit nachlizensieren.

Bevor er die Chance hatte, mir noch weiter auf die Nerven zu gehen, verabschiedete ich mich und stellte ihn zu dem Vertriebi zurück, dem ich diese unerfreuliche Störung zu verdanken hatte. Für mich war die Sache damit erledigt. Ein großer Irrtum, wie sich in naher Zukunft herausstellen sollte.

Die neue Version wurde veröffentlicht und einer unserer größten Industrie- und Referenzkunden bat darum, ihn bei der Einführung des neuen Brötchenbringers zu begleiten. Zeitgleich meldete sich Ingo D’Iot wieder und wollte ebenfalls, dass wir ihm die neue Brötchenbringer-Version einrichten, damit er das neue Modul testen könnte. Während der Großkunde mit weltweit mehr als 50.000 Arbeitsplätzen dafür selbstverständlich in die Portokasse griff, um unseren entsprechenden Stundensatz und die entstehenden Spesen zu begleichen, forderte D’Iot wie selbstverständlich, dass wir das gratis und vor Ort erledigen würden, schließlich würde er ja bei Gefallen das neue Modul lizensieren. Und als Termin natürlich am nächsten Morgen am anderen Ende der Republik.

Der Vertriebi versprach ihm beides und hatte kurz darauf mehrere Handabdrücke meinerseits im Nacken, nachdem er seine Schandtaten an mich weiterberichtete. Anschließend pumpte ich ihm noch verbal kräftig die Schuhe auf und teilte ihm mit, dass das frühestens in zwei bis drei Wochen der Fall sein kann, weil alle Kollegen und ich bei unserem Referenzkunden im bezahlten Einsatz wären und wir das maximal per Fernwartung machen würden. Er solle gefälligst bei Seit Jahren kurz vor der Insolvenz GmbH anrufen, und dem technischen Nichtleiter mitteilen, dass wir uns frühestens in drei Wochen melden und er schon mal die Daten aus der Drittanbieter-Software in einem der gängigen 5 Standardformate exportieren soll, damit die Sachen schnell in unser Modul importiert werden können.

Um weiteren physikalisch-effektiven Aufmunterungen durch meine Hand in seinem Nacken zu entgehen, tat der Vertriebi, was für ihn gesünder war und ich freute mich erstmal auf ein paar lustige Tage bei unserem Referenzkunden. Der Projektleiter dort war mir schon seit langem bekannt und hatte sich durch eine exquisite Whisky-Sammlung direkt in mein Herz – zumindest in einem Areal dicht in dieser Gegend – eingeschlichen. In einer der Mails vor dem Termin kündigte er schon an, dass er in seinem jüngsten Schottland-Urlaub eine ausgezeichnete kleine Distille entdeckt hatte…

Auch die schönsten Stunden gehen vorbei, auch wenn sie Tage andauern und diese Tage sich auf zwei Wochen dehnen. So saß ich in meinem Büro und kontaktierte Herrn D’Iot per Mail und fragte nach dem Stand der Dinge, insbesondere, ob er schon den Datenbestand erfolgreich exportiert hatte, damit wir einen Termin für die Einrichtung des neuen Moduls vereinbaren konnte. Da er sich selbst rühmte, das Drittanbieterprodukt fast besser als die Entwickler desselbigen zu kennen, konnte dies ja kein Problem für ihn darstellen.

Kaum hatte ich die Mail verschickt, da erhielt ich eine Mail von unserem Referenzkunden, der noch um ein paar Anpassungen des neuen Moduls bat. Selbstverständlich würde man für die priorisierte Behandlung den bekannten Stundensatz für unsere Entwickler entrichten. Es wäre jedoch von höchster Dringlichkeit.

Mit dem inzwischen aus der Mode gekommenen Geräusch einer alten, mechanischen Registrierkasse im Ohr, wies ich unseren guten Vincent Egetarier an, alle seine Mannen an die Erfüllung der Wünsche unseres Kunden zu setzen und bat ihn, dass er seine Würfel für eine grobe Mannstunden-Abschätzung befragen sollte.

Die Antwort lies nicht lange auf sich warten und zauberte mir ein breites Lächeln ins Gesicht und ich rief Vincent an, um ihn an meiner Freude teilhaben zu lassen:

Vincent, alter Bitverbieger! Weißt du, dass wir mit deiner Prognose gerade unser bisher bestes Jahresergebnis egalisiert haben, da der Kunde unseren Entwicklungsaufwand bezahlt? Und wir haben gerade Juni! Sag deinen Mannen, dass wir dieses Jahr einen obszönen Jahresbonus erhalten werden!

Freudig quittierte mein Gesprächspartner diese frohe Kunde und ich begab mich in des Häuptlings Büro, um auch ihn schon mal auf die guten Neuigkeiten zu impfen.

Als ich von meiner Mission zurückkehrte, erwartete mich mein Telefon mit 10 Anrufen in Abwesenheit und einer Mail von Ingo D’Iot:

RUFEN SIE MICH SOFORT ZURÜCK!!!!!!!!

Nachdem sich die 10 Anrufe in Abwesenheit als Anrufe von Ingo erwiesen, suchte ich erstmal mit einem Erzeugnis des Heise-Verlags unsere Keramikabteilung auf. Nachdem ich das komplette Magazin von vorne bis hinten durch hatte und der Abdruck der Klobrille mindestens noch zwei Stunden spürbar war, begab ich mich zu Sabine Feger, um mit ihr über unsere Wochenendpläne zu sprechen. Nachdem auch dies ausgiebig diskutiert war, machte ich noch einen Streifzug durch Vertrieb, Einkauf, Buchhaltung und Entwicklung, um den neusten Flurfunk aufzunehmen. Auf dem Weg zur Entwicklung begegnete ich noch Viktor Erpeil und bat ihn, dass er die Luft aus meiner Kaffeetasse vertreiben möge.

Nach etwas über zwei Stunden endete meine Runde in meinem Büro, wo der zuvor georderte Kaffee zwar nicht mehr heiß, aber dafür stärker als ein Startkatapult eines Flugzeugträgers auf mich wartete. Wenigstens Kaffee kochen konnte Viktor ohne jedwede Einschränkung. Ebenfalls erwarteten mich zwischen drei und vier Dutzend Anrufe in Abwesenheit, sowie Mails der unfreundlichen Art, ich möge doch gefälligst Ingo D’Iot zurückrufen.

Seufzend nahm ich Platz, streifte mir das Headset über, nahm einen kräftigen Schluck des Gebräus, das jedem anderen einen sofortigen Herzstillstand beschert hätte und rief Ingo an.

Der Maskierte in allerbester Laune, die auch Sie nicht verderben können, Herr D’Iot.

Was dauert das so lange? Immerhin bin ich zahlender Kunde! Hätten Sie nicht früher anrufen können? Wie dem auch sei, ich bekomme die Daten aus der $Drittanbieteranwendung nicht exportiert. Sie müssen mir dabei helfen!

Herr D’Iot, ich muss nichts, außer eines Tages dem Rasen beim Wachsen zuschauen. Der Export der Daten liegt allein in Ihrem Verantwortungsbereich.

Das ist eine Frechheit, schließlich will ich Ihr Modul lizensieren!

Erstmal wollen Sie das Modul kostenfrei testen. Und selbst wenn Sie das Modul lizensieren, sind immer noch Sie für den Import der Daten zuständig.

Aber dann muss ich jedesmal, wenn eine Bearbeitung in $Drittanbieteranwendung erfolgt, die Daten neu importieren. Sie müssen $Drittanbieteranwendung direkt anbinden, sonst geht das nicht. Sie müssen das in das Modul reinprogrammieren!

Eine direkte Schnittstelle an $Drittanbieteranwendung ist nicht vorgesehen, da Brötchenbringer ja im Grunde die Anwendung inzwischen komplett ersetzt. Außerdem sind gerade sämtliche Entwicklungskapazitäten für die nächsten Wochen gebunden, daher kann ich Ihrem Wunsch nicht entsprechen. Jedoch werde ich gerne die Anregung weitergeben, hier eine direkte Schnittstelle zu $Drittanbieteranwendung zu implementieren.

Ich bin Bestandskunde! Sie müssen das sofort implementieren.

Herr D’Iot, hören Sie mir jetzt einmal ganz genau zu. Wir müssen gar nichts, nichtmal Geschäfte mit Ihnen machen. Und wenn ich die Zahlungsmoral Ihres Unternehmens betrachte, können Sie von Glück reden, dass wir Ihnen die letzte Lizenzverlängerung vor Zahlungseingang genehmigt haben. Wenn Sie sich also jetzt nicht in Höflichkeit und Geduld üben und darüber hinaus für unseren Entwicklungsaufwand bereit sind zu zahlen, dann können Sie Ihre Forderungen stellen an wen Sie wollen, wir werden keinen Handschlag mehr tun.

Das ist eine Unverschämtheit, wie Sie mit Ihren treuen Bestandskunden umgehen.

Wie Sie meinen. Ich möchte nur anmerken, dass andere Kunden, die wesentlich mehr lizensierte Benutzer haben, dennoch bereit sind, für Ihre Wünsche die Entwicklungskosten zu tragen. Und da gerade so ein Fall eingetreten ist, werde ich mich um diesen kümmern. Einen schönen Tag noch.

Ich beendete das Gespräch, ohne auf die Reaktion von Ingo zu warten. Sollte er sich beim Häuptling über mich beschweren, würde ein Blick in die Kundendaten genügen, um zu wissen, dass dies ein Kunde der Kategorie “verzichtbar” war.

Als ich vier Monate später die Insolvenzmeldung der Seit Jahren kurz vor der Insolvenz GmbH las, konnte ich mich eines boshaften Grinsens über Ingo D’Iot nicht erwehren.

Privates Chaos

Veröffentlicht: Mittwoch, 23.10.2013 in Dies, das und jenes

Liebe Leser,

beruflich ist die Welt bei mir in Ordnung, aber privat steht sie aus diesem und jenem Grund Kopf. Mein erhoffter Schreibrausch wurde durch einen Haufen Termine privater Natur gebremst. Ich hoffe, dass sich die Lage endlich normalisiert, damit hier bald mal wieder was anderes zu lesen ist, außer Gründen, warum ich gerade nicht schreiben kann.

Bis dahin
Euer Maskierter